Gespensterdebatte um kleine Kapelle

Esoterische Praktiken im Gotteshaus? – Landeskirche weist Vorwürfe zurück

Von Gernot Stegert

Streit um Ulrichskapelle Creglingen

„Esoteriker tummeln sich da nicht in Scharen. Das wäre übertrieben.“

Reinhard Tröster, Dekan

 

Creglingen - Ist die evangelische Kirche von allen guten Geistern verlassen? Diesen Eindruck hinterlassen Berichte über esoterische, ja neuheidnische Praktiken in dem 45-Seelen-Örtchen Standorf bei Creglingen (Main-Tauber-Kreis). Die kleine Ulrichskapelle dort entfacht einen großen Wirbel, der die Württembergische Landeskirche sogar zu einer Pressekonferenz mit Bürgermeister und Ortspfarrer, mit Dekan und Prälat nötigte.

Anlass sind zwei Zeitungsartikel eines freien Journalisten im „Rheinischen Merkur“ und in den „Stuttgarter Nachrichten“. Demnach erhebt Gerhard Stammler, Nachbar der Kapelle, in der ländlichen Idylle schwere Vorwürfe: In und vor dem Gotteshaus würden Wünschelrutengänger ihr Unwesen treiben. Alpenschamanen würden mit Hexenzeichen umherlaufen. Und vieles mehr.

Stammler hat die zuständigen Stellen auf die Missstände bereits 2003 hingewiesen. Nachdem sich der kirchliche Weltanschauungsbeauftragte, Hansjörg Hemminger, kritisch zu den Praktiken geäußert hat, beschloss der Creglinger Kirchengemeinderat 2004, „dass esoterische Praktiken in der Kapelle verboten sind“. Damit war die Sache aus Kirchensicht beendet.

„Uns liegen keine Fakten vor, die belegen würden, die Kirchengemeinde sei ihrer Aufsichtspflicht in den letzten dreieinhalb Jahren nicht oder nicht in genügender Weise nachgekommen“, erklärte der zuständige Prälat Hans-Dieter Wille aus Heilbronn am Montag in Stuttgart. Von heidnischen „Wallfahrten“ könne schon gar keine Rede sein. Wörtlich: „Das ist Blödsinn“. Außerdem sei ein Historiker beauftragt worden, die angebliche keltische Vergangenheit zu überprüfen. „Esoteriker tummeln sich da nicht in Scharen. Das wäre übertrieben“, meinte auch der Weikersheimer Dekan Reinhard Tröster.

Doch die Sache ist dadurch komplizierter, dass ein weiterer Nachbar, Kurt Wagner, seit 40 Jahren Führungen zu Kapelle und Quelle macht. Dabei erzählt er Geschichten von der heilenden Kraft des Wassers, von Erdstrahlen und von einer keltischen Vergangenheit des Standorts. Auch das Turiner Grabtuch Jesu sei angeblich im Mittelalter in der Ulrichskapelle aufbewahrt worden. Sogar eine entsprechende Broschüre hatte der 75-Jährige verfasst. All das bestritten die Kirchenvertreter nicht. Doch die Broschüre sei mittlerweile aus dem Verkehr gezogen und eine neues Führungskonzept werde erstellt, sagte Wille.

Also viel Aufregung um nichts? Erst auf Nachfragen räumten die Kirchenvertreter ein, dass „einzelne Menschen“ sehr wohl esoterische Praktiken ausübten und dass Wagner nicht nur „Hypothesen zitiert“, wie Wille erst formulierte. „Er geht mit Wünschelruten um“, gab Creglingens Pfarrer Christof Messerschmidt zu. Die Führungen verbieten will man dem Ex-Kirchengemeinderat dennoch nicht. „Der hat so lange für den Ort ehrenamtlich gearbeitet“, warb Creglingens Bürgermeister Hartmut Holzwarth um Verständnis.