Die Würde hängt nicht am Schlips

Mannheim - Justitia, die römische Göttin des Rechtswesens, hat verbundene Augen. Dafür schaute einer ihrer irdischen Vertreter umso genauer hin. Die Justizposse um den Mannheimer Krawattenstreit hat bundesweit Schlagzeilen gemacht. Nun darf nach dem jüngsten Urteil der Amtsrichter Johannes Jülch zwar Schlips-Verweigerer wie Christoph Saeftel nicht mehr aus dem Gerichtssaal werfen. Die Frage nach der korrekten anwaltlichen Dienstkleidung harrt aber immer noch einer grundsätzlichen Klärung.

Von Joachim Rüeck

Die Würde hängt nicht am Schlips

„Das ist nicht unbedingt das drängendste Problem der Justiz.“

Ein Ministeriumssprecher

Mannheim - Justitia, die römische Göttin des Rechtswesens, hat verbundene Augen. Dafür schaute einer ihrer irdischen Vertreter umso genauer hin. Die Justizposse um den Mannheimer Krawattenstreit hat bundesweit Schlagzeilen gemacht. Nun darf nach dem jüngsten Urteil der Amtsrichter Johannes Jülch zwar Schlips-Verweigerer wie Christoph Saeftel nicht mehr aus dem Gerichtssaal werfen. Die Frage nach der korrekten anwaltlichen Dienstkleidung harrt aber immer noch einer grundsätzlichen Klärung.

Einzelfall

Unklar ist, ob nach einer Ministeriumsverordnung aus dem Jahr 1976 (Krawattenpflicht) oder der Berufsverordnung für Rechtsanwälte (keine ausdrückliche Krawattenpflicht) verfahren wird. „Wir prüfen, welche gilt und ob wir unsere Verordnung möglicherweise aktualisieren“, sagt ein Sprecher des baden-württembergischen Justizministeriums. Allerdings sei die Angelegenheit ein Einzelfall und „nicht unbedingt das drängendste Problem der Justiz“.

Zumindest für die Richterschaft ist die Garderobe klar geregelt: Robe plus weiße Krawatte oder Fliege, bei Frauen weiße Bluse mit oder ohne weißer Schleife. Was die Zunft darunter trägt - ob Jeans und Turnschuhe oder hochhackige Stiefel - entzieht sich dem behördlichen Einfluss und ist immer wieder für Spekulationen und Witze gut.

Wie unverrückbar sind in Sachen Dienstkleidung die anderen Säulen der staatlichen Gewalt im Lande? Strikter als im Gerichtssaal geht es bei der Schutzpolizei zu. Wer was zu tragen hat, ist klar geregelt: zu Jacke und langärmeligem Hemd etwa die Krawatte, zum kurzen Hemd nicht. Außerhalb geschlossener Räume gilt Mützenpflicht. „Bei beharrlichen Verstößen kann es Konsequenzen bis hin zu Disziplinarverfahren haben“, berichtet ein Sprecher des Innenministeriums. Auch schräge Frisuren und auffällige Tätowierungen stünden auf dem Index.

Im Landtag hängt die Würde des Hauses zumindest nicht am Schlips. Parlamentsbrauch sei, dass die Abgeordneten Sakko tragen und bei den Frauen die Schultern bedeckt bleiben, erklärt ein Landtagssprecher. „Schriftlich fixiert ist allerdings nichts.“ An diese Regel halten sich auch die Grünen seit etlichen Jahren. Als die Alternativen 1980 ins Parlament einzogen, verstieß der Heidelberger Holger Heimann noch mit Latzhosen gegen die guten Sitten des Hohen Hauses. Unangemessene Kleidung hat dort jedoch bestenfalls eine Rüge zur Folge. Selbst die vergaß anno 1980 der damalige Landtagspräsident Lothar Gaa (CDU), sodass angeblich bis heute kein Bekleidungsverstoß protokolliert ist. Und inzwischen tragen sogar etliche Grüne Krawatte.

Steuern

Rechtsanwalt Saeftel dagegen ist bestärkt, das weiterhin nicht tun zu müssen. Die Anschaffung eines weißen Langbinders brächte ohnehin einen Nachteil. Roben sind steuerlich absetzbar, Krawatten - egal welcher Farbe - nicht.


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