Wäre eine Maskenpflicht im Schulunterricht sinnvoll?

Stuttgart/Region  An Südwest-Schulen soll im Unterricht keine Maskenpflicht gelten. Die SLK-Ärztin Maria Martin ordnet diese Einschätzung ein und erklärt, unter welchen Bedingungen an der SLK-Gesundheitsakademie Unterricht ohne Maske möglich ist.

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Zum Schulstart wurde in verschiedenen Bundesländern eine Maskenpflicht im Unterricht eingeführt. Foto: dpa

Mehrere namhafte Virologen haben zum Schulstart in verschiedenen Bundesländern empfohlen, dass Schüler und Lehrer zum Schutz vor Sars-Cov-2 auch im Unterricht Mund und Nase bedecken. In einer der Stellungnahmen heißt es: "Wenn der notwendige Abstand nicht eingehalten werden kann, sollten Schülerinnen und Schüler ab der fünften Klasse einen Mund-Nasen-Schutz auch innerhalb des epidemiologischen Gruppenverbandes tragen." Für Jüngere sei es ausreichend, die Maske außerhalb der eigenen Klasse zu tragen.

Kultusministerin Eisenmann ist gegen eine Maskenpflicht im Unterricht

Nordrhein-Westfalen führt eine Maskenpflicht an weiterführenden und berufsbildenden Schulen auch im Unterricht ein. Anders Baden-Württemberg. "Ich halte aus pädagogischen Gründen wenig von einer Maskenpflicht im Unterricht", bekräftigte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Es sei wichtig, klar kommunizieren zu können. "Stellen Sie sich zum Beispiel mal den Französischunterricht mit Maske vor, das ist schon schwierig", so Eisenmann.

Allerdings gebe es ab Klasse fünf und an den weiterführenden Schulen eine Maskenpflicht auf den Fluren, in der Aula und den Toiletten. An Grundschulen seien Masken auch nach den Ferien nicht vorgeschrieben. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft forderte Eisenmann auf, die Empfehlungen der Wissenschaft umzusetzen.

Wie eine SLK-Expertin das Thema einschätzt

An der SLK-Gesundheitsakademie wurden Masken einige Zeit lang im Unterricht getragen, inzwischen gilt diese Regelung nicht mehr. Dafür werde auf gute Belüftung und die Einhaltung von 1,5 Meter Mindestabstand im Klassenzimmer geachtet, sagt Maria Martin, Leiterin des Instituts für Infektionsprävention und Klinikhygiene bei SLK. Sie erklärt, welche Rolle das Tragen von Masken aus medizinischer Sicht hat und rät Menschen aus Risikogruppen, sich genau zu überlegen, ob sie sich durch ein Attest von der Maskenpflicht befreien lassen möchten.

  • Die Funktion von Masken

Ein medizinischer Mund-Nasen-Schutz (MNS) aus Vliesmaterial, der inzwischen in jedem Drogeriemarkt zu kaufen ist, habe zwei Funktionen, erklärt Maria Martin. Der Träger behält Tröpfchen, die beim Sprechen entstehen, bei sich und senkt damit das Risiko für andere, sich anzustecken, sollte er selbst infiziert sein. Auch in die andere Richtung funktioniert ein solcher MNS: Er halte zumindest große Tröpfchen, die auf einen zufliegen, ab, so Martin. "Ein MNS wirkt also in beide Richtungen. Wenn ihn zwei Gesprächspartner tragen, ist die Wahrscheinlichkeit, die Krankheit zu übertragen, deutlich reduziert."

Bei Plexiglasvisieren, die unterhalb des Kinns aufhören, ist ihrer Meinung nach "auch ein gewisser Schutz gegeben". Die Visiere seien zwar relativ offen, allerdings böten sie den Vorteil, dass die Augen bedeckt seien. Was selbstgenähte Masken betrifft, sei die Schutzwirkung stark vom Material abhängig. Martin geht davon aus, dass zumindest gut sitzende Masken aus dicht gewebtem Stoff einen gewissen Effekt bringen. Wichtig sei in jedem Fall, die Maske richtig zu tragen und nicht etwa nur den Mund zu bedecken. "Der Mund-Nase-Schutz heißt nicht umsonst so. Man muss schon beides bedecken."

 

  • Im medizinischen Bereich

In Operationssälen oder anderen Bereichen im Krankenhaus ist das Tragen von medizinischen Masken "seit vielen Jahren Standard", sagt Martin. Inzwischen trage das Personal bei SLK in der Regel den ganzen Arbeitstag lang eine Maske. Mit einem klaren "Nein" antwortet sie auf die Frage, ob das für Erwachsene irgendwelche Gesundheitsrisiken berge – etwa durch Rückatmung, die Maskengegner gern als Argument anführen.

Bei 5000 SLK-Mitarbeitern seien ihr jedenfalls noch keine größeren Probleme, wie gehäufte Ohnmachtsanfälle durch eine zu geringe Sauerstoffversorgung, bekannt geworden, sagt sie. "Manche sagen, dass der Gummi bei langem Tragen hinter den Ohren drückt und es gibt vereinzelt Klagen über Hautreizungen oder Pickelchen im Gesicht." Im Vergleich zum Risiko einer Corona-Erkrankung seien das aber "lässliche Nebenwirkungen". Ihre Einschätzung: "Man kann sich definitiv an Masken gewöhnen."

 

  • SLK-Gesundheitsakademie

"Wenn der Abstand nicht eingehalten werden kann, ist das Tragen einer Maske ab einem gewissen Alter sinnvoll", sagt Maria Martin. Das gelte vor allem in der kalten Jahreszeit, wenn keine dauerhafte Belüftung von Räumen möglich sei. An der SLK-Gesundheitsakademie wurde eine Zeit lang Maske im Unterricht getragen, davon sei man jedoch wieder abgerückt. "Aus der Schule kam die Rückmeldung, dass ein Teil der Kommunikation verloren geht."

Die Bedingung für diese Lockerung: Der Abstand von 1,5 Metern im Klassenraum wird eingehalten. "Darauf achten die Lehrkräfte." Klar sei: "Mit jeder Schutzmaßnahme, die man draufpackt, wird das Risiko geringer." Aber man müsse auch soziale und kommunikative Aspekt bedenken, findet sie. "Klar können Kinder ab einem gewissen Alter und einer gewissen Kopfgröße Maske tragen, aber es gibt eben noch andere Faktoren als Covid-19."

 

  • Kinderärzte

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin plädiert in Sachen Masken im Unterricht für ein "angepasstes Vorgehen" in Abhängigkeit von Infektionsgeschehen und Alter, sagt Generalsekretär Burkhard Rodeck unserer Redaktion. Oberstes Ziel ist laut einer aktuellen Stellungnahme der Akademie für Kinder- und Jugendmedizin "Kindern und Jugendlichen in Zukunft den Besuch von Kitas und Schulen zu ermöglichen und eine völlige Lockdown-Situation zu vermeiden". Dabei müssten "eine sichere Arbeitssituation und ein angemessener Schutz vor Ansteckung gewährleistet werden".

Wenn die Infektionszahlen in einer Region niedrig seien, ist aus Sicht von Rodeck das Tragen einer Maske innerhalb fester Gruppen von Schülern nicht erforderlich. Sollten die Zahlen weiter in die Höhe gehen, sei die Situation unter Umständen neu zu bewerten. "Lieber das als wieder nur Online-Unterricht." Rodeck hofft auf ein möglichst einheitliches Vorgehen der Kultusminister der Länder.

 

  • Befreiung von Maskenpflicht

Einige Menschen besorgen sich Atteste vom Arzt, um sich von der Maskenpflicht befreien zu lassen. Maria Martin sieht das kritisch. Gerade wenn man zum Beispiel als chronisch Lungenkranker zur Risikogruppe gehöre, solle man sich klarmachen: "Masken sind auch für den Eigenschutz hilfreich, man muss schon gut abwägen, ob man das Risiko eingehen und keine Maske tragen will. Sonst riskiert man für sich selbst einen schweren Verlauf."

 

  • Steigende Zahlen

Ihr machten die steigenden Infektionszahlendurchaus Sorge, sagt Martin. In Baden-Württemberg sei die Zunahme bislang zwar moderat. In anderen Bundesländern, in denen die Urlaubszeit vorbei ist, gebe es jedoch teils deutliche Steigerungen. Martin: "Für SLK-Mitarbeiter, die in Risikogebiete reisen, gilt die Pflicht, sich dreimal testen zu lassen und ihren Gesundheitszustand zu überwachen."

 


Kommentar: Mittel nutzen

Von Valerie Blass

NRW führt die Maskenpflicht im Unterricht ein, Baden-Württemberg will das im neuen Schuljahr nicht tun. Die Wissenschaftsakademie Leopoldina empfiehlt die Maskenpflicht für weiterführende Schulen, der Verband der Kinderärzte plädiert für Entscheidungen je nach Infektionsgeschehen.

Dem Laien kann angesichts dieser unterschiedlichen Standpunkte und Deutungen schon mal der Kopf brummen. Was ist denn nun sinnvoll und soll gelten: Masken nur dort, wo es viele Fälle gibt? Oder überall, wo der Mindestabstand nicht zu wahren ist? Aber nicht im Fremdsprachenunterricht, denn so wird das Lernen der korrekten Aussprache erschwert.

Fakt ist: Corona ist real, wir befinden uns mitten in der Pandemie, Ende nicht absehbar. Das Tragen von Masken, darin sind sich Wissenschaftler nach anfänglichem Zögern einig, ist ein wichtiges Mittel zum Schutz vor der tückischen Krankheit – warum sollte das an Schulen oder im Unterricht anders sein?

In Mecklenburg-Vorpommern müssen kurz nach Schulstart zwei Einrichtungen direkt wieder wegen Corona-Fällen schließen. Das bedeutet im besten Fall erneut tagelangen Online-Unterricht. Wenn das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes das Risiko für solche Rückfälle verringern kann, worüber wird dann eigentlich noch diskutiert? Ministerin Eisenmann wird ihre Position voraussichtlich nicht lange halten können. 


Valerie Blass

Valerie Blass

Autorin

Valerie Blass ist Autorin im Politikressort. Ihr besonderes Interesse gilt Themen aus dem Bereich Gesundheit.

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