Telemedizin lässt Ärzte ruhiger schlafen

Mühlacker/Ludwigsburg (dpa/lsw)  Telemedizin macht Schluss mit dem allwissenden Arzt, lässt ihn zum Teamplayer werden. Neue Technik ermöglicht Medizinern verschiedener Fachrichtungen, gemeinsam um die beste Behandlung eines Patienten zu ringen. Im Südwesten gehen erste Kliniken diesen Weg.

Von Julia Giertz (Text) und Sebastian Gollnow (Foto), dpa
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Eine Webcam steht vor einem Bildschirm im RKH Ludwigsburg.

Ein fahrbarer Bildschirm hilft dem Intensivmediziner Ralph Brunner von den RKH Kliniken bei der täglichen Versorgung von Covid-19-Patienten. Er rollt das Gerät in das Zimmer eines Patienten am kleinen Krankenhausstandort Mühlacker und berät mit diesem und einer Spezialistin im Ludwigsburger Klinikum, dem größten Krankenhaus im RKH-Verbund, die Lage. Wichtigste Frage bei schwer erkrankten Intensiv- und Corona-Patienten: Müssen sie in ein spezialisiertes Krankenhaus? «Der Transport ist für den Patienten immer eine schwierige Situation», sagt Brunner. Deshalb ist er froh, seine Entscheidung gemeinsam mit der gut 30 Kilometer entfernten Kollegin treffen zu können. «Das lässt mich nachts ruhig schlafen.» Seine Nachtruhe hat der 50-Jährige der Telemedizin zu verdanken.

Die RKH Kliniken sind Vorreiter beim Aufbau einer sektorenübergreifenden Telemedizin-Plattform. Diese soll kleine und große Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte und andere Einrichtungen wie Reha-Kliniken und Pflegeheime vernetzen. Brunner: «Der Austausch ist wichtig, und je größer die Expertengruppe, desto größer die Chance, dass der beste Behandlungspfad für den Patienten gefunden wird.» Gerade die Einsicht, dass bei hochansteckenden Krankheiten wie Covid-19 die unmittelbare Behandlung am Krankenbett auf Sparflamme laufen muss, hat dem Thema Videokonferenzen Auftrieb bei den RKH Kliniken gegeben.

Der Verbund und fünf weitere Kliniken, darunter das Marienhospital Stuttgart und die SLK Kliniken Heilbronn, sind Teil eines Netzwerkes, über das sich Experten austauschen und auch mit Kranken in Kontakt treten können. «Das sichert den Patienten unabhängig von Standort und Schwerpunkt seiner Klinik auch im ländlichen Raum die bestmögliche Behandlung», sagt Jörg Martin, Geschäftsführer der RKH Kliniken.

Auch für Angehörige ist die heimatnahe Versorgung von großem Vorteil - und damit auch für das Wohlgefühl der Patienten, betont Brunner. Seine 15 000 Euro teure Telemedizin-Station in Mühlacker ist eine von fünf internen. Die neue Technik soll 2021 Verbindungen zu elf externen Kliniken ermöglichen. Flächendeckend soll die Plattform 2025 eingerichtet sein.

Wenn sie ihre Digitalisierung vorantreiben wollen, können die Krankenhäuser derzeit von einem wahren Geldsegen profitieren. Mehr als 1,5 Milliarden Euro aus verschiedenen Töpfen stehen dafür zur Verfügung: 560 Millionen Euro kommen aus dem Krankenhausstrukturprogramm, das nicht nur den Abbau von Überkapazitäten, sondern auch IT-Projekte fördert. Rund 500 Millionen Euro stehen dem Südwesten aus dem Krankenhauszukunftsfonds zu, der insbesondere die digitale Infrastruktur wie telemedizinische Netzwerke verbessern, aber auch Weiterbildung für Digitalisierung ermöglichen soll. Eine weitere halbe Milliarde Euro kommt aus der Landesschatulle für Krankenhausinvestitionen.

«Die Chancen, jetzt Krankenhäuser, Rettungsdienste, Praxen, Pflegeheime digital zu vernetzen und damit die Patientenversorgung zu optimieren, sind besser denn je», sagt Andreas Vogt, Chef der Techniker Krankenkasse in Baden-Württemberg. «Dafür dürfen aber nicht nur neue Computer gegen alte ausgetauscht werden.» Das müsse das Land bei der Entscheidung über die Finanzierungsanträge der Kliniken im Blick haben.

Forciert werden müssten echte Innovationen wie die von Patienten und Medizinern gleichermaßen nutzbare elektronische Patientenakte, in der alle Daten von der Anamnese bis zum Entlassbrief gespeichert seien. Aus TK-Sicht ist die umfassende Datenbasis besonders wichtig für eine gute Nachsorge für aus der Klinik entlassene Patienten.

Die zum Jahresanfang eingeführte Neuerung spare Patienten und Ärzten Wege und Zeit, so dass letzteren mehr Zeit für die Behandlung ihrer Patienten bleibe. «Das am weitesten verbreitete Mittel der Kommunikation zwischen Ärzten ist bislang noch immer das Fax», beklagt Professor Martin. Auch finanziell wirke sich die Digitalisierung positiv aus. Die jederzeit im RKH Netzwerk abrufbare Expertise habe zu einer zielgenaueren und somit reduzierten Verschreibung von Medikamenten geführt.

Aus Ärztesicht könnte die Digitalisierung aber auch einen Nachteil haben: Ihr Tun wird transparenter, kontrollierbarer, so dass auch Fehleinschätzungen für Kollegen sichtbar werden. Für den Intensivmediziner Brunner aus Mühlacker das kleinere Übel: «Da muss man halt durch - die Kröte muss man schlucken.»


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