Stuttgarter Schulstudie: Mobile Luftfilter nur im Einzelfall sinnvoll

Stuttgart  Wie wirksam sind mobile Luftfiltergeräte in Klassenzimmern gegen Corona-Viren? Die Datenlage dazu ist dünn. Die Stadt Stuttgart hat daher Ende 2020 bei der Universität Stuttgart dazu ein Pilotprojekt mit wissenschaftlicher Studie in Auftrag gegeben.

Von Ulrike Bäuerlein

Email

Nun liegen die Ergebnisse der Studie vor: Regelmäßiges Lüften, fortlaufendes Testen und vor allem das Tragen einer FFP2-Maske sind ein demnach ein deutlich wirksamerer Schutz als Luftfiltergeräte. Sie helfen allenfalls ergänzend oder in Räumen, die nur schlecht gelüftet werden können. „Je größer die Fensterfläche, desto geringer das Infektionsrisiko. Der flächendeckende Einsatz von Luftreinigungsgeräten ist basierend auf den Ergebnissen der Studie nicht angezeigt“, heißt es im Fazit. Fragen und Antworten zu der Studie.

Was wurde untersucht?

Über ein halbes Jahr hinweg untersuchten Experten des Instituts für Gebäudetechnik, Thermotechnik und Energiespeicherung der Universität Stuttgart an zehn Stuttgarter Schulen in jeweils zwei bis drei Klassenräumen die Infektionsrisiken anhand der Aerosolkonzentrationen und deren Ausbreitung in unterschiedlichsten Konstellationen und Raumgrößen. Zum Einsatz kamen dabei verschiedene Luftfiltergeräte mit Hochleistungsschwebstofffiltern namhafter Unternehmen. Ebenso untersucht wurde die Wirkung von FFP2-Masken sowie des regulären Fensterlüftens. Die Unterrichtssituation wurde teils durch den Einsatz von „Dummies“ statt echter Personen simuliert.

Was sind die zentralen Ergebnisse?

Für die Stadt Stuttgart jedenfalls ist jetzt klar:  „Luftreinigungsgeräte sind keine Alternative zum Lüften. Gekippte Fenster bringen  deutlich weniger als kurzzeitig geöffnete Fenster, je größer die Fensterfläche, desto besser die Wirkung“, so das Fazit der Stadt. Am wirksamsten aber reduziert der Einsatz von FFP2-Masken im Unterricht das Infektionsrisiko - in nicht belüfteten Räumen laut Studie von rund 40 auf zehn Prozent. Regelmäßiges Stoßlüften senkt das Risiko noch weiter auf unter zehn Prozent, Luftfiltergeräte senken das Risiko dann nur noch leicht. „Das ist allerdings marginal“, sagt die Stuttgarter Schulbürgermeisterin Isabel Fezer. Und die getesteten Luftreiniger haben laut Studie zwei Nachteile: Sie sind bei hoher Leistung teils deutlich lauter, als es die Arbeitsschutzverordnung erlaubt, und verursachen zudem kräftige Zugluftströme. Studienleiter und Institutschef Konstantinos Stergiaropoulos: „Es wurden Luftgeschwindigkeiten zwischen 0,6 und 1,6 Meter pro Sekunde gemessen. Als behaglich werden im Raum Geschwindigkeiten von bis zu 0,2 Meter empfunden.“

Also soll auch im Winter gelüftet werden – bei eisigen Temperaturen?

Ein anhaltendes starkes Abfallen der Raumtemperatur sei auch bei regelmäßigen Lüftungsintervallen „nicht messbar gewesen“, sagt Studienleiter Stergiaropoulos. Gemessen wurde zum Teil bei Außentemperaturen von minus 1 Grad Celsius. „Die kurzzeitige Temperatureinbuße wurde nach dem Lüften in den Räumen durch die Präsenz vieler Personen schnell wieder abgebaut“, so der Wissenschaftler.

Was ist mit schlecht belüfteten Räumen – und was gilt eigentlich als schlecht belüftet?

Da bieten sich laut Studie die mobilen Luftfiltergeräte als kurzfristige unterstützende Maßnahme trotz Lautstärke und Zugluft an. Mittelfristig wird der Einbau von Raumlufttechnischen Anlagen empfohlen. Laut Schulbürgermeisterin Fezer könne dank der Studie anhand verschiedener Parameter wie Raumvolumen, Fensterfläche und Personenzahl nun ausgerechnet werden, ob ein Raum über die Fenster ausreichend belüftet werden kann oder der zusätzliche Einsatz eines mobilen Luftreinigers sinnvoll sei. In den kommenden Wochen sollen Studierende alle 9000 Klassenräume der Stadt Stuttgart daraufhin überprüfen. Fezer rechnet in Stuttgart mit einer dreistelligen Zahl von Schulräumen, die zusätzlich einen mobilen Luftreiniger brauchen.

Dürfen in den Schulen gespendete Luftfiltergeräte eingesetzt werden?

Die Stadt Stuttgart lehnt dies mit Verweis auf fehlende Betriebssicherheitsgarantie ab. Das baden-württembergische Umweltministerium will schnellstens eine Liste mit Kriterien vorlegen, die Geräte erfüllen müssen.

 

Gibt es Kritik an der Studie?

Der Ludwigsburger Filterhersteller Mann+Hummel widersprach der Studie, bei der auch die Mann+Hummel-Geräte zum Einsatz kamen.  Andere Institute wie das Fraunhofer Institut hätten  nachgewiesen, dass die Virenlast nach nur 20 Minuten Betrieb des mobilen Geräts um über 99 Prozent reduziert werden konnte. Auch eine Untersuchung der Bundeswehruniversität München vom September 2020 hatte bei einem Gerät eines anderen Herstellers eine über 90prozentige Wirksamkeit ergeben. Zudem wurden keine Geräte untersucht, die auf Basis von UV-C-Technologie arbeiten. 

Wie geht es in Baden-Württemberg weiter?

Das Land beteiligt sich mit 60 Millionen Euro zu Hälfte an der Anschaffung von mobilen Luftfiltergeräten und CO²-Ampeln durch die Kommunen und Schulträger. Die Förder- und Ausschreibungskriterien stellt das Kultusministerium derzeit zusammen. Die Stadt Stuttgart rechnet damit, dass die Geräte zum neuen Schuljahr geliefert und einsatzbereit sind. „Der Markt gibt das her“, sagte Andreas Hein, Leiter des Stuttgarter Schulverwaltungsamts.


Kommentar hinzufügen
In diesem Artikel findet keine Diskussion statt. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen.