Stuttgarter Krawallnacht: Schon über 50 Jahre Gefängnis gegen Täter verhängt

Stuttgart  Neun Monate nach den Ausschreitungen in Stuttgart lässt der Fahndungsdruck nicht nach. Nachdem die Polizei Fotos von 17 nicht identifizierten Tätern ins Netz gestellt hat, haben sich fünf der gesuchten Männer selbst gestellt.

Von Ulrike Bäuerlein
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Bei den Krawallen waren in der Nacht vom 20. Juni 2020 Hunderte meist junge Männer in kleineren Gruppen randalierend durch die Stuttgarter Innenstadt gezogen und hatten eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Foto: Archiv/dpa

Fast neun Monate konnten sie darauf hoffen, ungeschoren davon zu kommen. Doch seit die Stuttgarter Polizei an diesem Montag Fotos von 17 bislang noch nicht identifizierten mutmaßlichen Tatbeteiligten der Stuttgarter Krawallnacht ins Netz gestellt hat, haben sich binnen weniger Stunden bereits fünf der gesuchten Männer selbst der Polizei gestellt. Ihnen droht nun mindestens eine Anzeige wegen schweren Landfriedensbruchs.

Polizie erhält 30 viel versprechende Hinweise

Auch für die Identifizierung der zwölf weiteren Gesuchten sind die Ermittler zuversichtlich: "Über unser anonymes Online-Portal sind 30 weitere viel versprechende Hinweise eingegangen", sagt eine Sprecherin des Polizeipräsidiums Stuttgart am Mittwoch auf Anfrage. Sie verweist darauf, dass es zu jeder einzelnen Fotoveröffentlichung einen richterlichen Beschluss gebe. Die Fahndungsfotos seien mittlerweile allein auf den Social-Media-Kanälen der Polizei bislang über 30.000 mal aufgerufen worden. "Das Interesse der Bevölkerung an der Aufklärung ist sehr groß", sagt die Sprecherin.

Bei den stundenlangen Krawallen waren in der Nacht vom 20. Juni 2020 Hunderte meist junge Männer in kleineren Gruppen randalierend durch die Stuttgarter Innenstadt gezogen und hatten eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Schaufenster wurden eingeschlagen, Fahrzeuge zerstört, Polizisten und Passanten bedroht, angegriffen und verletzt.

38 Beteiligte wurden bereits verurteilt

Die zeitweise bis zu 120 Polizisten starke Sonderermittlungsgruppe "Eckensee" - so benannt nach dem Parkanlagen-Areal, von dem aus die stundenlangen Krawalle nach einer Drogenkontrolle ihren Ausgang nahmen - hat mittlerweile 130 Tatverdächtige identifiziert. Darunter sind 46 Jugendliche, 48 Heranwachsende, 35 Erwachsene sowie eine Person, die rechtlich noch als Kind zählt. 26 von ihnen sitzen derzeit noch in U-Haft. Dutzende Strafbefehle sind bereits ergangen, 38 Beteiligte wurden schon verurteilt.

Für Aufsehen sorgte erst in der vergangenen Woche das Urteil gegen zwei junge Männer, die wegen der brutalen Attacke auf einen Passanten verurteilt wurden - ein damals 17-jähriger wurde wegen versuchten Totschlags und schweren Landfriedensbruchs zu vier Jahren und drei Monaten Jugendstrafe verurteilt, sein zwei Jahre älterer Begleiter zu zwei Jahren und zehn Monaten Jugendstrafe. "Insgesamt sind bereits über 50 Jahre Gefängnis verhängt worden, die Bewährungsstrafen summieren sich auf zusätzliche 19 Jahre", sagt die Polizeisprecherin.

Mit dem Polizeieinsatz in der Stuttgarter Innenstadt, bei dem am 27. Februar gegen Dutzende Randalierer vorgegangen wurde, sei die Krawallnacht vom Juni aber in keiner Hinsicht vergleichbar, so die Polizeisprecherin. "Das war in eineinhalb Stunden vorbei und unter Kontrolle", sagt sie.


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