Scharfer Streit um das Impftempo in Baden-Württemberg

Stuttgart  Sind andere Bundesländer in Sachen Impfstrategie besser aufgestellt als Baden-Württemberg? Die SPD richtet Vorwürfe an Sozialminister Lucha.

Von Peter Reinhardt
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Ungerecht und zu langsam sei die Impfstrategie von Baden-Württembergs Sozialminister Manfred Lucha (Grüne), kritisiert die SPD-Opposition. Der Heilbronner SPD-Sozialexperte Rainer Hinderer rechnet vor, dass nach einem Vergleich der gelieferten und der verbrauchten Einheiten noch 50.000 Impfdosen da sein müssten.

"Damit könnte man fast die Hälfte der Bevölkerung meiner Heimatstadt Heilbronn impfen oder die Beschäftigten auf allen Intensivstationen im Land. Dass Minister Lucha das als unwesentlich abtut, ist unverantwortlich", kritisiert Hinderer.

Baden-Württemberg hat nach der offiziellen Statistik bis Mittwoch 135.300 Personen einmal und 11.600 zweimal geimpft. Mit einer Quote von 1,2 liegt man im Ländervergleich weiterhin auf dem letzten Platz.

Mehr Konsequenz in anderen Bundesländern

Das wesentlich kleinere Hessen hat den Südwesten bei den Zweitimpfungen mittlerweile sogar überflügelt. Ein Grund für die Unterschiede liegt offenkundig im Umgang mit den gelieferten Ampullen. Während Baden-Württemberg es seinen Impfzentren überließ, ob wie zunächst vorgeschrieben fünf oder doch die möglichen sechs Spritzen aufgezogen wurden, haben andere Länder konsequent auf das Machbare gesetzt.

Den Zeitverzug erklärt ein Sprecher des Sozialministeriums mit der Bevorratung des Impfstoffs. Der werde so eingeteilt, dass für jeden Geimpften die zweite Dosis zurückgelegt werde. Außerdem seien die Impfzentren angewiesen, bis zur nächsten Lieferung alle Vorräte zu verimpfen.

Bayern dagegen habe 70 Prozent seiner Lieferung für die Erstimpfung eingesetzt und müsse derzeit bereits zugesagte Impftermine wieder absagen, weil Biontech/Pfizer in der nächsten Woche 42 Prozent weniger liefert als eigentlich fest zugesagt. Im Südwesten könne man diese Lücke über die vorhandenen Reserven schließen.

Spielt die Einwohnerzahl keine Rolle?

Ein weiterer Kritikpunkt der SPD ist die Verteilung des Impfstoffs auf die Stadt- und Landkreise. Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion, Reinhold Gall, klagt, es sei unlogisch und vor allem höchst ungerecht, dass alle Kreisimpfzentren dieselbe Menge bekämen, egal wieviele Einwohner es im Kreis gibt. Der Bund hingegen weise den Ländern Impfmengen nach Einwohnerzahl zu.

"Die Vorgehensweise des Landes führt dazu, dass Menschen in Kreisen mit hoher Einwohnerzahl sehr viel später die Chance auf eine Impfung haben, als in Kreisen mit wenigen Einwohnern", kritisiert Gall. Grünen-Regierungschef Winfried Kretschmann mahnte Zurückhaltung an. Die Kritik sollte "nicht die ohnehin vorhandene Skepsis verstärken".


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