Schulleiter dringend gesucht

Stuttgart/Region  In Baden-Württemberg fehlen mehr als 200 Rektoren. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sagt, der zeitliche Mehraufwand mache den Job unattraktiv.

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In der Hochphase der Pandemie mussten Schulleiter oft montags Anweisungen umsetzen, welche das Kultusministerium am Wochenende bekannt gegeben hatte.

Foto: dpa

An den allgemeinbildenden Schulen in Baden-Württemberg gibt es weiterhin zu wenig Rektoren. Nach Angaben des Stuttgarter Kultusministeriums sind aktuell 206 Leitungsposten vakant. In nur 104 Fällen würde bereits ein Bewerbungsverfahren laufen, so ein Sprecher. Insgesamt gibt es im Südwesten rund 3500 allgemeinbildende Schulen – also rund sechs Prozent von ihnen werden derzeit lediglich kommissarisch geleitet. Zwar hat sich die Situation insgesamt etwas entspannt – vor rund einem Jahr waren noch 259 Rektorenposten unbesetzt – doch das Problem bleibt.

Zudem "denken viele Schulleiter darüber nach, ihre Leitung zurückzugeben", erklärt Monika Stein, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Vor allem seit dem Beginn der Corona-Pandemie im März vergangenen Jahres habe sich die Lage noch mal verschärft. "Dann kam noch hinzu, dass regelmäßig Dinge montags umgesetzt werden mussten, die am Freitagabend oder am Samstag vom Kultusministerium bekannt gegeben wurden", so Stein.

Doch auch unabhängig von der Corona-Pandemie hätten die Schulleitungen schlicht zu wenig Zeit für Leitungs- und Managementaufgaben. "Das Land muss die Schulleitungen hier mehr entlasten", fordert Stein. Sonst seien die Rektorenstellen unattraktiv für Interessenten.

Weil es im Land vor allem an den Grundschulen schon seit einigen Jahren einen Schulleitermangel gibt, hatte schon die letzte grün-schwarze Regierung mit der damaligen Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) einige Reformen angepackt. So wurde die Bezahlung der Rektoren verbessert. "An Grundschulen wird der Rektor einer Grundschule mit bis zu 80 Schülern nunmehr nach A13, statt vorher A12 plus Amtszulage, besoldet", erklärt ein Sprecher des Stuttgarter Kultusministeriums. Damit verdienen die Grundschulrektoren jetzt zumindest 4587 Euro brutto statt 4101 Euro und maximal je nach Dienstjahren 5665 statt 5097 Euro. Auch an den Haupt- und Werkrealschulen, Grund- und Hauptschulen sowie Grund- und Werkrealschulen wurde die Besoldung der Rektoren angehoben. Zudem erhalten kommissarische Schulleitungen jetzt auch Zulagen.

Maßnahmen wie die Erhöhung der Leitungszeit für Rektoren oder auch das Angebot einer flächendeckenden Schulverwaltungsassistenz für große Schulen lassen noch auf sich warten – und werden nach Angaben des Sprechers "frühestens ab dem Schuljahr 2022/2023 Wirkung entfalten".

Regierungsbezirk Stuttgart besonders betroffen 

"Wir sind uns bewusst, dass die weiteren Schritte, die auch eine zeitliche Entlastung der Schulleitungen mit sich bringen, folgen müssen. Ich möchte diese so früh wie möglich umsetzen, damit der Beruf der Schulleitung weiterhin ein attraktiver bleibt", kündigt Baden-Württembergs Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) an. Angesichts der "angespannten Unterrichtsversorgung seien Maßnahmen wie die wichtige Erhöhung der Leitungszeit aber derzeit noch nicht umgesetzt", räumt Schopper ein. Mit 92 offenen Rektorenstellen befinden sich im Südwesten die meisten Schulen ohne Leitung im Regierungsbezirk Stuttgart. Im Regierungsbezirk Karlsruhe sind es 54, in Freiburg 39 und in Tübingen 21.

Die Opposition im Landtag fordert wegen des Rektorenmangels mehr Engagement des Landes. "Es darf nicht passieren, dass Lehrkräfte in den Burnout geführt werden oder Schulleitungen zwei Schulen gleichzeitig führen müssen", sagt SPD-Bildungsexpertin Katrin Steinhülb-Joos. Für die Schulen seien nicht besetzte Leitungspositionen "eine Katastrophe, gerade in dieser Zeit". Die Vereinigung der Schulleiter im Südwesten sieht dies ähnlich. Der Vorsitzende Werner Weber erklärt: "Wir müssen die Schulleitungen mehr entlasten. Je kleiner die Schule ist, desto weniger Leitungszeit ist meist vorhanden."

Rektor ist Hausmeister und Bürokraft zugleich

Auch in der Region fehlen Rektoren. Dass die Situation an Grundschulen groß ist, bestätigt Jana Kolberg, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft im Kreis Main-Tauber/Hohenlohe. Der zeitliche Aufwand mache den Job unattraktiv. Manche Rektoren müssten zeitweise den Job des Hausmeisters und der Bürokraft, die tageweise komme, übernehmen. Die E-Mail-Flut sei dieselbe, egal ob man eine Grund- oder weiterführende Schule leite. Grundschullehrer würden nach A12 bezahlt, Rektoren nach A13. "Das ist nicht so attraktiv." Das sei pro Monat etwas mehr Gehalt, dafür habe man mehr Verantwortung und mehr Aufgaben zu bewältigen. Harald Schröder, GEW-Vertreter in Heilbronn, weiß: Oft gebe es nur eine Bewerbung auf einen freien Posten, "sogar bei besser bezahlten Stellen". 

 


Michael Schwarz

Michael Schwarz

Chefkorrespondent Landespolitik

Michael Schwarz ist seit 2005 bei der Heilbronner Stimme. Landesregierung, Landtag, Parteien, Fraktionen, Politiker - Schwarz beobachtet rund um die Uhr die landespolitischen Akteure in Stuttgart und geht der Frage nach, ob diese einen guten Job machen.

Simon Gajer

Simon Gajer

Autor

Simon Gajer kam im Jahr 2000 erstmals zur Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als freier Journalist in den USA ist er seit Herbst 2003 zurück in der Region: Zurzeit sucht er nach spannenden Themen im nördlichen Landkreis Heilbronn, vor allem aus den Städten Neckarsulm, Möckmühl und Neudenau.

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