Polizeibeamte schockiert über Gewaltausbruch in Stuttgart

Stuttgart  Eingeschlagene Schaufenster, fliegende Pflastersteine: In der Nacht zum Sonntag liefern sich im Herzen von Stuttgart dutzende Kleingruppen Straßenschlachten mit der Polizei. Auch Heilbronner Polizisten waren im Einsatz.

Von Peter Reinhardt und Heike Kinkopf

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Nur noch wenig erinnert am Sonntag zur Mittagszeit auf der Stuttgarter Einkaufsmeile an die bürgerkriegsähnlichen Szenen der vorangegangenen Nacht. Sperrholzplatten verschließen notdürftig die Fronten von ein paar Handy- und Schuhläden. In der Fußgängerzone liegt ein aus seiner massiven Bodenverankerung herausgerissener Abfalleimer. Die Stuttgarter Müllabfuhr hat da bereits wieder ihren legendären Ruf bestätigt und die Verwüstungen bis auf ein paar Scherbenhäufchen beseitigt.

Mehrere Hundert junge Leute waren Stunden zuvor durch die Fußgängerzonen gezogen, hatten mit Pflastersteinen Schaufenster zertrümmert, Polizeiautos mit Stühlen und Eisenstangen attackiert und sogar Läden geplündert. Videos von Privatleuten zeigen, wie ein Mann mit Anlauf einen Polizisten von hinten anspringt und mit den Füßen traktiert. „Das ist eine nie dagewesene Dimension von Gewalt“, sagt Stuttgarts Polizeipräsident Franz Lutz am Nachmittag.

Bilanz des Schreckens

Lutz und sein Vize Thomas Berger als Einsatzleiter ziehen im Rathaus eine Bilanz des Schreckens. An 40 Läden gab es Sachschäden, neun davon wurden – laut Berger in verschiedenen Stufen  – geplündert. Da seien weitere Ermittlungen notwendig. 19 Polizisten wurden verletzt, meist trugen sie Prellungen und Schürfwunden davon, einer musste mit einer Handverletzung ins Krankenhaus. Der von hinten angegangene Kollege sei ohne körperliche Schäden geblieben, die seelische Dimension einer solchen Attacke stehe auf einem anderen Blatt. Zu 24 vorläufigen Festnahmen kam es in der Nacht, sieben sollten noch am Sonntag dem Haftrichter vorgeführt werden.

Einen politischen Hintergrund für die Eskalation der Gewalt schließt Lutz aus. Er beschreibt eine eher spontane Entwicklung, für die die Polizei nicht ausreichend gerüstet war, obwohl sie nach den Erfahrungen mit einer steigenden Aggressivität der Partyszene in den vergangenen Wochen schon für diese Samstagnacht die Zahl der Beamten in der Stuttgarter Innenstadt auf 200 verdoppelt hatte. Der Auslöser war kurz vor Mitternacht die Kontrolle eines 17-Jährigen wegen eines offenkundigen Drogendelikts am Eckensee zwischen Staatstheater, Landtag und neuem Schloss.

Steine und Flaschen fliegen 

Nach Bergers Darstellung solidarisierten sich sofort zwischen 200 und 300 der Feiernden. Sie hätten die Polizisten „massiv mit Flaschen und Steinen beworfen“. Die Auseinandersetzungen verlagerten sich schnell auf den benachbarten Schlossplatz, wo die Menge auf 500 Menschen anwuchs. Sogar ein Sanitätsteam wurde bei der Behandlung eines Verletzten attackiert.

Lutz zeichnet ein erschreckendes Bild: „Die Partyszene betrinkt sich in der Öffentlichkeit und inszeniert sich in den sozialen Medien. Dazu gehört aggressives Tun gegen die Polizei und andere Einsatzkräfte.“ Schon vor vier Wochen habe man den Kleinen Schlossplatz unter massivem Einsatz von Kräften geräumt. Aber mit einer weiteren Eskalation habe niemand gerechnet. Stuttgarts OB Fritz Kuhn (Grüne) beschreibt das Phänomen so: „Ein Grund wird Alkohol sein, ein anderer die Sucht, in sozialen Medien mit Filmchen zu kommen.“ 

 

Einsatz der Heilbronner Polizei bei Randale in Stuttgart

Die Ausschreitungen in der Nacht wirken sich bis nach Heilbronn aus. Um die Randale von Hunderten Menschen in den Griff zu bekommen, rücken Beamte des Heilbronner Polizeipräsidiums in die Landeshauptstadt aus. Nach bisherigen Erkenntnissen sind sie unverletzt zurückgekommen. Die Randale sorgt auch unter den hiesigen Beamten für Gesprächsstoff.

„Es wurden Polizistinnen und Polizisten des nächtlichen Dienstes aus dem Präsidiumsbereich Heilbronn nach Stuttgart entsandt“, sagt ein Sprecher des Präsidiums am Morgen auf Anfrage von Stimme.de. Zur genauen Anzahl macht die Polizei keine Angaben. Die Zahl liege etwa im einstelligen Bereich. „Es wurde darauf geachtet, dass die Sicherheit im Präsidiumsbereich vollumfänglich gewährleistet blieb“, erklärt der Sprecher. Auf die Arbeit vor Ort habe sich der Einsatz nicht ausgewirkt.

Die Beamten aus Heilbronn bleiben nach Angaben des Sprechers unverletzt. Auch die Einsatzfahrzeuge seien nicht beschädigt worden.


Heike Kinkopf

Heike Kinkopf

Reporterin

Heike Kinkopf ist Redakteurin im Reporterteam der Heilbronner Stimme. Diese Einheit berichtet über das tagesaktuelle Geschehen in der Region und kümmert sich um investigative Recherchen.

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