Landwirtschaftsminister regt Clearingstelle für unplausible Nitratwerte an

Heilbronn  Baden-Württembergs Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) im Stimme-Interview zu fragwürdigen Nitratwerten und deren Deutung, Wälder, die vor Trockenheit dahinsiechen und die Folgen der Corona-Krise für die grüne Branche.

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Foto: Tom Weller

Die Land- und Forstwirtschaft erlebt dieser Tage ein Wechselbad der Gefühle. Auf der einen Seite die Getreideernte mit außergewöhnlich guten Kornqualitäten, auf der anderen Seite zunehmende Dürre auf den Äckern, absterbende Wälder und zu allem Überfluss auch noch Corona. Welche Strategien die Landespolitik wählt, um der Branche unter die Arme zu greifen, verrät Landwirtschaftsminister Peter Hau (CDU) im Stimme-Interview.

Herr Hauk, Welchen Schaden richtet Corona in der Landwirtschaft an?

Peter Hauk: Durch die Pandemie fehlen Saisonarbeiter. Vor allem größere Betriebe, die viele Erntehelfer aus dem Ausland benötigen, sind betroffen. Bei kleineren Betrieben kann vieles über Nachbarschaftshilfe kompensiert werden. Auch die Online-Jobplattform "Das Land hilft" die wir unterstützen, wird genutzt. Solche Kooperationen stärken nebenbei die gesellschaftliche Verbindung mit der Landwirtschaft. Landwirtschaftsbetriebe, die direkt an die Gastronomie liefern, also etwa viele Winzer, merken die Corona-Delle deutlich.

Wann werden die Betriebe darüber informiert, ob sie wegen der Nitratbelastung in einem der "roten Gebiete" liegen, wo ab dem kommendem Jahr nur noch 80 Prozent des errechneten Düngemittelbedarfs gedeckt werden darf?

Hauk: Derzeit werden die Kriterien, wo Gebiete mit erhöhter Nitratbelastung im Grundwasser ausgewiesen werden, bundesweit einheitlich festgelegt. Ich gehe davon aus, dass die Betriebe im Herbst Genaueres dazu erfahren.

Hier und da gibt es Zweifel über die Aussagekraft von Nitratmessstellen. Etwa, wenn erhöhte Werte vorliegen, aber im weiteren Umkreis keine Landwirtschaft betrieben wird. Wie gehen die Behörden mit dem Problem um?

Hauk: Auch mir werden in Gesprächen solche Beobachtungen mitgeteilt. In Lahr zum Beispiel gibt erhöhte Messwerte in der Nähe eines ehemaligen Militärflughafens. Man vermutet, dass es einen Zusammenhang mit dem Enteisungsmittel gibt, das dort jahrelang eingesetzt wurde. Die Nitratmessstellen liegen in Verantwortung des Umweltministeriums, mich betreffen sie als Landwirtschaftsminister allerdings auch. Wo es berechtigte Hinweise gibt, Messstellen genauer unter die Lupe zu nehmen, gehen wir dem nach. Ich denke darüber nach, gemeinsam mit dem Umweltministerium eine Clearingstelle einzurichten.

Landwirtschaftsminister regt Einrichtung einer Clearingstelle für unplausible Nitatwerte an
Peter Hauk (CDU) ist seit Mai 2016 Minister für Ländlichen Raum, Verbraucherschutz und Landwirtschaft im von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) geführten Landeskabinett. Als Minister für Ernährung und Ländlichen Raum war er von 2005 bis 2010 bereits von in ähnlicher Position tätig. Peter Hauk wuchs in Rippberg im Odenwald auf. Nach dem Abi studierte er Forstwissenschaften in Freiburg und schloss als Diplom-Forstwirt ab. Der Vater zweier Kinder lebt in Adelsheim. Foto: Bernd Weissbrod

Nach jahrelangem Ringen ist die neue Nutztierhaltungsverordnung nun beschlossene Sache. Im Kern geht es um die Abkehr von der Kastenhaltung hin zur Gruppenhaltung von Sauen. Mit der Umsetzung haben die Schweinehalter acht, beziehungsweise 15 Jahre Zeit. Ist damit die geforderte Planungs- und Rechtssicherheit hergestellt?

Hauk: Das Problem dabei ist, dass man die Platzvorgaben im Deckzentrum auf fünf Quadratmeter pro Sau hochgeschraubt hat. Das ist ein höherer Wert, als die Biobetriebe heute mit rund vier erreichen und zeigt, wie praxisfern die neue Regelung ist. Im Endeffekt werden die Investitionskosten unbotmäßig in die Höhe getrieben. Unter diesen Umständen könnte die Schweinehaltung in Deutschland unattraktiv werden. Mit dem Vorschlag der Bundesregierung, die Verweildauer im Kastenstand zu reduzieren, hätte man schon viel in Sachen Tierschutz erreicht. Mit der vom Bundesrat, auf Druck der Grünen durchgeboxten Vergrößerung im Deckzentrum schüttet man das Kind mit dem Bade aus. Am Ende treibt man damit die Schweinehalter aus dem Land.

40 bis 50 Prozent weniger chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel bis 2030: So steht es in dem Eckpunktepapier, das Sie gemeinsam mit Umweltminister Franz Untersteller vorgestellt haben. Wie realistisch ist diese Zielvorgabe?

Hauk: Ich bin optimistisch, dass es funktionieren kann. Denn es handelt sich um ein Ziel der ganzen Gesellschaft. Allein die Privathaushalte sind mit acht Prozent an der Gesamtmenge der Pflanzenschutzmittel beteiligt. Es wird auch durch den technologischen Fortschritt begünstigt, eine geringere Menge gezielter auszubringen.

Als Forstminister müssen Ihnen die Wälder Sorge bereiten. Das dritte insgesamt zu trockene Jahr schwächt die Bestände, Sturm und Borkenkäfer sorgen für massenhaft Schadholz. Welche Strategien verfolgt das Land?

Hauk: Wir setzen auf Waldumbau. Wir benötigen Baumarten, die mit Hitze und weniger Wasser besser zurechtkommen. Es gibt sogar einheimische Gehölze, auf die das zutrifft: Elsbeere, Speierling, Eiche. Die Buche wird hingegen auf dem Rückmarsch sein. Hitze- und Trockenheitsschäden sind längst nicht mehr nur im Unterland zu beobachten. Auch höhere Lagen sind betroffen. Hier muss ebenfalls Waldumbau stattfinden. Der Schwarzwald wird in Zukunft nicht mehr schwarz sein. Seit Mitte Juli wenden wir im Land jährlich 40 Millionen Euro für Wiederbewaldung und Forstschadens-Beseitigung auf.

Die IG Bau forderte kürzlich mehr Forstpersonal für die Schadholzbergung und Nachpflanzungen.

Hauk: Diese Forderung ist nachvollziehbar, denn wir haben in den ersten Jahren nach dem Jahrtausendwechsel etwa 30 Prozent Personal reduziert. Das hat zu Normalzeiten funktioniert, mit den jetzigen Wetterextremen nicht mehr. Deshalb haben wir den Trend umgekehrt und in diesem Jahr erstmals seit 25 Jahren einen Personalzuwachs im Forstbereich.

 

 

Jörg Kühl

Jörg Kühl

Autor

Jörg Kühl arbeitet seit 2020 als Redakteur der Heilbronner Stimme.

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