Land plant weniger Beatmungsplätze für Corona-Patienten ein

Stuttgart/Region  In den baden-württembergsichen Krankenhäusern sollen nur noch zehn Prozent der gesamten Intensiv- und Beatmungskapazitäten für Covid-19-Patienten freigehalten werden. Aktuell gibt es in den Südwest-Kliniken 212 Corona-Patienten, 32 werden beatmet.

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In Baden-Württembergs Kliniken gibt es derzeit rund 4100 Beatmungsgeräte. Die Zahl der Geräte wurde seit dem Beginn der Corona-Krise deutlich erhöht. Foto: dpa

Die Landesregierung will den Umgang der baden-württembergischen Krankenhäuser mit Intensiv- und Beatmungsplätzen für Corona-Patienten neu regeln. Das Konzept des Sozialministeriums, das am kommenden Mittwoch von der Corona-Lenkungsgruppe des Landes verabschiedet werden soll, liegt der "Heilbronner Stimme" bereits vor.

Bislang 30 bis 35 Prozent freigehalten

Kern des Konzeptes ist, dass die bisherige Freihaltequote der Intensiv- und Beatmungsplätze von 30 bis 35 Prozent wegen der aktuell geringen Belegung als zu hoch bewertet wird. Diese Quote will die Lenkungsgruppe auf zehn Prozent reduzieren. Nach Angaben des bundesweiten Divi-Intensivregisters - in dem 126 Südwest-Krankenhäuser gemeldet sind - werden aktuell (Stand 14. September) in den baden-württembergischen Kliniken 212 Covid-19-Patienten behandelt, 32 davon werden beatmet. "Dieses Niveau hat sich seit Wochen nicht verändert und es macht daher Sinn, die Freihaltequote bei den Intensivbetten zu reduzieren", sagt Matthias Einwag, Hauptgeschäftsführer der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG), auf Anfrage. Dann könnten mehr Patienten operiert werden, die schon lange auf eine Operation warteten.

Knapp 4000 Beatmungsplätze

Die jetzige Intensiv- und Beatmungsstrategie des Landes stammt noch von Mai. In dem neuen Konzept der Lenkungsgruppe heißt es, mit Blick auf die zuletzt stationär behandlungsbedürftigen Covid-19-Patienten sei eine Quote von 30 bis 35 Prozent deutlich zu hoch. Diese führe zu Verschiebungen von Behandlungen und damit auch zu Einnahmeausfällen der Kliniken. "Obwohl die Anzahl der positiven Testergebnisse wieder ansteigt, liegt die Zahl der stationär Behandlungsbedürftigen derzeit bei rund zehn Prozent der Fallzahlen der ersten Welle", heißt es in dem Papier. Laut dem Konzept des Sozialministeriums gibt es in den Südwest-Krankenhäusern aktuell 3940 Beatmungsplätze. 2559 davon befinden sich auf Intensivstationen. Zu Beginn der Corona-Krise setzte sich das Land das Ziel, die Kapazitäten deutlich auszubauen, um keine Engpässe wie in anderen Ländern zu bekommen.

 

 

Weniger Beatmungsgeräte nötig

Inzwischen wurden von Bund und Land so viele Beatmungsgeräte beschaffen, dass deren Zahl in den Südwest-Kliniken auf rund 4100 abgestiegen ist. Zum Jahresende sollen es etwa 4800 sein. Das ursprüngliche Ziel von 5500 Beatmungsgeräten, das vom Land angestrebt wurde, wird in dem neuen Konzept wieder verworfen. Der Grund: Es stehen nicht genügend Plätze und zu wenig qualifiziertes Personal zur Verfügung.

Melderegister

Es gibt zwei Melderegister, in denen die Kapazitäten an Intensiv- und Beatmungsplätzen gemeldet werden. Zum einen wurde unter der Federführung des Innenministeriums vom Land das Resource Board eingeführt, das Rettungsdiensten einen Überblick darüber geben soll, in welchen Kliniken im Südwesten freie Kapazitäten für Corona-Patienten vorhanden sind. Parallel gibt es noch das Divi-Register. Dieses erfasst ebenfalls in Echtzeit bundesweit alle freien Intensivkapazitäten. 

 

 

Kommentar: Auf Sicht fahren

Die Zahl der Covid-19-Patienten, die wegen schwerer Krankheitsverläufe in baden-württembergischen Kliniken an Beatmungsgeräte mussten, bewegte sich zuletzt glücklicherweise auf einem überschaubaren Niveau. Deswegen ist es folgerichtig, dass die für Covid-19-Fälle freigehaltenen Intensiv- und Beatmungskapazitäten jetzt deutlich reduziert werden. Es macht aus medizinischer Sicht und auch mit Blick auf die Einnahmesituation der Krankenhäuser keinen Sinn, Räume, Geräte und Personal präventiv für Corona-Behandlungen zu binden, wenn die Fälle über einen längeren Zeitraum nicht ansteigen.

Zudem muss vermieden werden, dass die Kliniken wegen der Corona-Vorgaben wichtige Behandlungen wie zum Beispiel Krebsoperationen verschieben müssen. Daher ist die Entscheidung des Landes richtig. Dies ist allerdings nur eine Momentaufnahme, denn zuletzt ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen wieder angestiegen. Hierbei handelte es sich in großer Zahl um jüngere Reiserückkehrer. Diese erkranken seltener schwer und müssen beatmet werden. Ungewiss ist allerdings, wen sie alles anstecken. Doch steigen die Zahlen an, sind die Kliniken gewappnet: Inzwischen sind so viele Beatmungsgeräte vorhanden, dass innerhalb kurzer Zeit auf eine deutliche Zunahme der schwerer Erkrankten reagiert werden kann.

 


Michael Schwarz

Michael Schwarz

Chefkorrespondent Landespolitik

Michael Schwarz ist seit 2005 bei der Heilbronner Stimme. Landesregierung, Landtag, Parteien, Fraktionen, Politiker - Schwarz beobachtet rund um die Uhr die landespolitischen Akteure in Stuttgart und geht der Frage nach, ob diese einen guten Job machen.

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