Baden-Württemberg hält an Luftfilteranlagen fest

Stuttgart  Laut einer Studie sorgen die Luftfiltersäulen am Stuttgarter Neckartor für bessere Werte bei Stickstoffdioxid und Feinstaub. Die Wirkung mit Blick auf die gesamte Luftverschmutzung ist aber überschaubar.

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23 Luftfiltersäulen stehen inzwischen am Stuttgarter Neckartor am Straßenrand. Sie sollen die Luft sauberer machen. Foto: dpa

Sie sollen an der dreckigsten Ecke der Stadt die Luft sauberer machen - und haben ihren Zweck erfüllt: Die am Stuttgarter Neckartor aufgestellten Luftfilter haben in den vergangenen mehr als anderthalb Jahren dazu geführt, dass die Werte beim Stickstoffdioxid und Feinstaub deutlich gesunken sind. Dies geht aus einer Studie hervor, die der Hersteller der 23 Luftfilteranlagen, das Ludwigsburger Unternehmen Mann+Hummel, unter wissenschaftlicher Beteiligung erstellen ließ.

Inzwischen stehen am Stuttgarter Neckartor auf einem Abschnitt von über 300 Metern insgesamt 23 Luftfilteranlagen. An dem Pilotprojekt beteiligt sind neben den Filterspezialisten das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart. Seit Juli 2020 werden Säulen der Ludwigsburger Firma auch in der Weinsberger Straße in Heilbronn betrieben - und sollen hier für bessere Luft sorgen.

Pilotprojekt läuft seit Ende 2018

Das Stuttgarter Pilotprojekt mit dem Luftfilteranlagen läuft seit Dezember 2018. Damals gab es im Rathaus noch Vorbehalte gegen die Wirkung der 3,60 Meter hohen Säulen, die mit Filtern Stickstoffdioxid und Feinstaubpartikel aufnehmen. Zunächst wurden 17 Anlagen aufgebaut.

Vor etwas mehr als einem Jahr erhöhten die Projektpartner die Zahl der sogenannten Filter Cubes dann auf 23. Und diese hatten laut der Studie tatsächlich einen positiven Effekt: Im Durchschnitt hat sich die Stickstoffdioxid-Belastung rund um das Neckartor um neun Prozent reduziert, also um vier bis fünf Mikrogramm. Bei Feinstaub wurde sogar eine Reduktion von zehn bis 19 Prozent erreicht.

"Die Luftfiltersäulen in Stuttgart am Neckartor tragen wesentlich mit dazu bei, dass diese Messstation jetzt nicht mehr zu den am höchsten belasteten Messstationen in Deutschland zählt. Für mich ist das ein großer Erfolg", sagt Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Hermann mahnt jedoch gleichzeitig, dass die Filteranlagen nur an speziellen Hotspots eingesetzt werden sollten - und dort dazu beitragen könnten, die bestehenden Luftverhältnisse etwas zu verbessern. Sie seien jedoch nur ein Element einer Vielzahl an Maßnahmen.

Im vergangenen Jahr hat sich die Luftqualität in Baden-Württemberg weiter deutlich verbessert. Erstmals wurden die Grenzwerte für Stickstoffdioxid unter anderem in den Städten Freiburg, Leonberg, Ludwigsburg, Tübingen und Ulm eingehalten. Der Grenzwert für das Jahresmittel in Höhe von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter wurde 2019 nur noch in Stuttgart, Heilbronn, Reutlingen und Mannheim überschritten. Doch auch in den vier Städten gab es deutliche Verbesserungen. Zum Vergleich: 2018 wurde der Grenzwert im Südwesten noch in 14 Städten überschritten. 

Eine zentrale Maßnahme aus Sicht Hermanns sind Fahrverbote. In Stuttgart gibt es bislang ein flächendeckendes Fahrverbot für Diesel-Autos der Euronorm vier und älter. Formal besteht inzwischen sogar ein Euro-5-Fahrverbot in der Innenstadt sowie in den Stadtbezirken Bad Cannstatt, Feuerbach und Zuffenhausen. Dieses ist Bestandteil der Fortschreibung des Luftreinhalteplans. Kontrolliert wird es jedoch erst ab 1. Oktober - dann müssten auch alle Hinweisschilder stehen.

Land zieht wieder vor Gericht

Die Landesregierung hat sich jedoch nach koalitionsinternen Streitereien darauf geeinigt, auf dem Rechtsweg zu versuchen, die ab Herbst geltenden Fahrverbote noch zu verhindern. Allerdings: Ein Urteil wird erst Mitte nächsten Jahres erwartet, was die Sache kompliziert macht.

Neben Fahrverboten sollen in Stuttgart zudem spezielle Straßenbeläge und eine separate Busspur für Entlastung sorgen. Zentral sei jedoch, so Hermann, dass die Menschen auf den öffentlichen Nahverkehr umsteigen würden. Doch gerade in Zeiten der Corona-Pandemie würden viele Pendler wegen der Ansteckungsgefahr wieder das eigene Auto als Verkehrsmittel nutzen. Dies sehe er sehr kritisch.

Filterspezialist Mann+Hummel hat aus eigener Sicht seinen Teil dazu beigetragen, die Luft am Neckartor sauberer zu machen. Das Unternehmen weist darauf hin, dass die Luftfilter inzwischen weltweit eingesetzt würden - unter anderem in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Sicher gerne hören die Firmenvertreter Hermanns Ankündigung, dass die Anlagen am Neckartor bis auf Weiteres bleiben sollen.


Kommentar: Studie mit Beigeschmack

Von Michael Schwarz

Sie sind bei der Luftreinhaltung zwar nur ein Teil des großen Puzzles – aber trotzdem nicht zu vernachlässigen: Luftfilteranlagen können laut einer aktuellen Studie über die Situation am Stuttgarter Neckartor die Belastung durch Stickstoffdioxid und Feinstaub deutlich reduzieren. Dies ist zunächst positiv, da die Wirkung der teuren Anlagen – in Stuttgart kostet das Projekt eineinhalb Millionen Euro – somit im Langzeitversuch nachgewiesen werden konnte.

Allerdings muss dazu gesagt werden, dass die Studie federführend vom Hersteller der Filteranlagen durchgeführt worden ist, was die Seriosität der Untersuchung etwas reduziert. "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing", lautet schließlich ein bekanntes Sprichwort. Mit mehr Fingerspitzengefühl wäre es besser gewesen, die Studie komplett in externe Hände zu geben. Damit hätten sich die Projektpartner Land, Stadt – und auch der Hersteller – einen Gefallen getan. Zur Verteidigung der Initiatoren kann aber zumindest gesagt werden, dass auch das unabhängige Karlsruher Institut für Technologie beteiligt gewesen ist.

Beim Blick auf die Luftreinhaltung viel wichtiger als die Funktion der Filteranlagen ist sowieso, ob in diesem Jahr die Werte für Stickstoffdioxid in Stuttgart weiter reduziert werden können. Dies gelingt aber nur mit einer zügigeren Flottenerneuerung – und einer stärkeren Nutzung des ÖPNV. Allerdings sind die Fahrgastzahlen in Bussen und Bahnen zuletzt eingebrochen, da viele Pendler wegen der Corona-Ansteckungsgefahr doch lieber ins Auto steigen. Wahrlich keine guten Vorzeichen für die Verkehrswende.


Michael Schwarz

Michael Schwarz

Chefkorrespondent Landespolitik

Michael Schwarz ist seit 2005 bei der Heilbronner Stimme. Landesregierung, Landtag, Parteien, Fraktionen, Politiker - Schwarz beobachtet rund um die Uhr die landespolitischen Akteure in Stuttgart und geht der Frage nach, ob diese einen guten Job machen.

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