Der Bevölkerungsschutz ist unterfinanziert: Ausstattung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind ausbaufähig

Stuttgart  Der Landesverband des Deutschen Roten Kreuzes Baden-Württemberg verlangt finanzielle Unterstützung durch staatliche Förderprogramme.

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Mit Blick auf die Pandemie und die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal sieht Barbara Bosch, Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Landesverband Baden-Württemberg, Nachholbedarf. Das betreffe den Erhalt einer gesicherten Infrastruktur des Bevölkerungsschutzes und Rettungsdienstes wie auch die materielle Ausstattung, zudem sei die Digitalisierung und Nachhaltigkeit ausbaufähig.

"Das DRK hat gegenüber der Landesregierung immer wieder darauf hingewiesen, dass wir im Falle einer Krise nicht ausreichend vorbereitet sein würden", so Bosch bei einer Pressekonferenz. Die Hochwasserlage im Ahrtal habe gerade das gezeigt. "Wir erwarten, dass die Politik daraus Konsequenzen zieht."

Künstliche Intelligenz und Nachhaltigkeit ausbaufähig

Im Bereich Digitalisierung sieht die Präsidentin bereits gut umgesetzte Strukturen innerhalb des DRK. "Wir erwarten, dass wir Zugang zu den Geldtöpfen des Landes bekommen, um weiterhin ausbauen zu können."

Marc Groß, Geschäftsführer des DRK Landesverbandes, ergänzt, dass auch Künstliche Intelligenz (KI) ein wichtiges Thema sein müsse. Diese könne den Helfern einen Überblick verschaffen, was die Verteilung und Ausrüstung der einzelnen Hilfsorganisationen betrifft: "Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir wussten, welches Land welche Fahrzeuge für das Ahrtal bereitstellen konnte." Die gewonnenen Daten könnten dabei helfen, zukünftige Krisen besser zu bewältigen.

Beim Thema Nachhaltigkeit, wie das Umstellen der Flotte auf E-Fahrzeuge oder die Bezuschussung der Mitarbeiter für den öffentlichen Nahverkehr, "muss das DRK besser aufgestellt sein",betont Bosch.

Ehrenamt von großer Bedeutung

Ein wichtiger Baustein sei die Vernetzung zwischen Rettungsdienst und Bevölkerungsschutz. Darunter fallen die Erste-Hilfe-Ausbildungen der Bevölkerung, die Helfer-vor-Ort - das sind großteils ehrenamtliche Mitglieder - und der Notfallnachsorgedienst. Barbara Bosch betont: "Ohne Ehrenamtliche wäre das DRK und auch der Bevölkerungsschutz nicht denkbar." Allein im Jahr 2020 waren 172 Ehrenamtliche insgesamt 31 512 Stunden im Krankentransport unterwegs.

Neubau von Rettungswachen sollen Kreisverbände finanziell nicht überfordern

"Der Bevölkerungsschutz ist seit Jahren unterfinanziert. Die Fahrzeuge sind veraltet, es fehlt an Unterstellmöglichkeiten, und die Digitalisierung ist ausbaufähig", fasst Bosch zusammen. Sie betont, dass die Hilfsorganisationen eine unverzichtbare Stütze unserer Zivilgesellschaft seien. "Der Neubau von Rettungswachen darf unsere Kreisverbände nicht finanziell überfordern. Für diese öffentliche Aufgabe gezwungenermaßen in die Spendenkasse greifen zu müssen, ist nicht zu akzeptieren", folgert Bosch.

Die Präsidentin hebt allerdings auch hervor, dass Gespräche mit dem Land positiv zu bewerten seien, was die "nicht zeitgemäßen Förderrichtlinien" betreffe. So blieben beispielsweise Planungskosten bisher unberücksichtigt.

Bundesweites Pilotprojekt für Zivilschutz kam im Ahrtal bei Überflutungen zum Einsatz

Von 2020 bis 2024 will das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) gemeinsam mit dem DRK und weiteren Hilfsorganisationen mit dem Pilotprojekt "Labor Betreuung 5000" das nationale Krisenmanagement vorantreiben. Vorgesehen sind an zehn deutschen Standorten der Aufbau von mobilen Betreuungsmodulen. Innerhalb kürzerster Zeit und für die Dauer eines Jahres können 5000 Bürger, im Falle einer Krise weitgehend autark, sofortige Hilfe in Form von Unterkunft, ärztlicher Versorgung und mobiler Essensversorgung erhalten. "Die Versorgungs-Container waren bereits im Ahrtal im Einsatz und haben sich bewährt", sagt Geschäftsführer Marc Groß.

DRK-Präsidentin Bosch hofft bis Ende dieses Jahres Ergebnisse zu erhalten. Derzeit beschäftigen sich die Projektteilnehmer unter anderem mit der Frage: "Wie können wichtige Einrichtungen wie Kindertagesstätten oder Altenheime besser gegen Umwelteinflüsse wie Hitze oder Überflutungen geschützt werden?" Ein möglicher Standort des Projekts 5000 könnte das DRK-Logistikzentrum in Kirchheim unter Teck sein. Der endgültige Standort stehe allerdings noch nicht fest.

 


Maike Skerstins

Maike Skerstins

Volontärin

Maike Skerstins arbeitet seit Oktober 2021 als Volontärin bei der Heilbronner Stimme.

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