Das ist die Impfstrategie für Baden-Württemberg

Stuttgart/Region  Die grün-schwarze Landesregierung verabschiedet ein umfassendes Corona-Impfkonzept. Sind Impfstoffe zugelassen und einsatzbereit, soll alles ganz schnell gehen. Die großen Impfzentren im Südwesten sollen schon in drei Wochen startklar sein.

Von Michael Schwarz und dpa

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Das Deutsche Rote Kreuz probte in Ulm den Ablauf zur Impfung eines Corona-Impfstoffs. Dort sollen pro Stunde bis zu 120 Menschen geimpft werden können. Foto: dpa

Wird der Corona-Impfstoff geliefert, will das Land sofort mit den Impfungen beginnen. Dazu hat Grün-Schwarz am Dienstag ein umfassendes Konzept beschlossen. Ziel ist es, ab dem 15. Dezember startklar zu sein. Die Impfungen sollen zunächst in den großen Zentren umgesetzt werden. Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha (Grüne) rechnet damit, dass in einer ersten Tranche von den bundesweit etwa fünf Millionen Impfdosen im Südwesten etwa 600.000 Dosen zur Verfügung stehen. Neben Biontech aus Mainz könnte auch der US-Konzern Moderna mit seinem Impfstoff bald zugelassen werden.

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Geimpft werden soll in Baden-Württemberg als Erstes in einem der großen zentralen Impfzentren, von denen in jedem der vier Regierungsbezirke zwei oder drei realisiert werden. Im Regierungsbezirk Stuttgart sollen laut aktueller Planungen zwei in der Landeshauptstadt entstehen - im Klinikum sowie im Robert-Bosch-Krankenhaus - und eines in Schwäbisch Hall. Wie unsere Zeitung bereits berichtete, sind landesweit unter anderem als Standorte die Messen in Freiburg, Offenburg und Ulm bereits fix. Hinzu kommen bislang noch die Karlsruher Messe und das Uniklinikum in Heidelberg.

 

Impfungen im Zwei-Schicht-Betrieb

In den großen Zentren sollen insgesamt rund 1100 Personen arbeiten - und täglich im Zwei-Schicht-Betrieb zwischen sieben und 21 Uhr pro Stunde bis zu 120 Personen impfen. Dazu sollen bis Mitte Januar in allen der 44 Stadt- und Landkreise im Südwesten kleinere Impfzentren entstehen - und pro Standort etwa 60 Impfungen pro Stunde durchführen. Ergänzend ist der Einsatz von mobilen Impfteams geplant, die unter anderem für Menschen in Pflegeheimen oder auch in Behinderteneinrichtungen zuständig sind. Im Laufe des Frühjahrs/Sommers 2021 sollen dann die Haus- und Facharztpraxen die Impfungen übernehmen.

Prioritäten bei den Bevölkerungsgruppen

Für das gesamte Konzept sieht das Land bis April 2021 Personal- und Sachkosten in Höhe von rund 60 Millionen Euro vor. Weitere 15 Millionen Euro für Impfbesteck und Logistik sind bereits genehmigt. "Die internationale Entwicklung wirksamer Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 ist bereits weit vorangeschritten. Darüber bin ich sehr froh, denn ein wirksamer Impfstoff ist der Schlüssel für die Rückkehr zum gewohnten Leben", sagt Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Bei den Impfungen will sich Baden-Württemberg an einem Positionspapier der Ständigen Impfkommission, des Ethikrats und der Nationalakademie Leopoldina orientieren.

Zwei Spritzen nötig

Es kann davon ausgegangen werden, dass zunächst ältere Menschen und Personen mit Vorerkrankungen sowie das Personal im Medizinsektor geimpft werden. Im zweiten Quartal 2021 soll dann die Regelversorgung für alle zur Verfügung stehen. Der Impfstoff wird zwei Mal gespritzt - zwischen beiden Terminen sollen sollen nach 21 bis 28 Tage liegen.

 


Fragen und Antworten zum Konzept 

Die Eckpunkte der Impfstrategie des Landes sind bekannt, die Details will das Land jetzt beschließen. Auf mehr als einem Dutzend Seiten listet das Sozialministerium in seinem Konzept auf, wie es vorgehen will, wenn der ersehnte Impfstoff endlich bereit ist. Ein Überblick:

Wann beginnt die Corona-Impfkampagne?

Erste Lieferungen soll es nach den Erwartungen des Landessozialministeriums im Laufe des kommenden Monats geben. „Ziel ist, die Impflogistik und die benötigten Strukturen für eine mögliche Verimpfung zum 15. Dezember 2020 bereitzustellen“, heißt es in dem Papier der Landesregierung. Derzeit rechnet Sozialminister Manne Lucha (Grüne) damit, dass vom Impfstoff-Kandidaten Biontech/Pfizer in einer ersten Tranche fünf Millionen Impfdosen bundesweit verfügbar sein werden, davon in Baden-Württemberg 600 000. Auch der US-Konzern Moderna hofft, in der zweiten Dezemberhälfte eine bedingte Marktzulassung zu bekommen. 

Gibt es Prioritäten bei den Impfungen?

Ja, natürlich. Denn es wird zu Beginn noch nicht ausreichend Impfstoff für alle Menschen in Baden-Württemberg zur Verfügung stehen. Zunächst sollen ältere Menschen geimpft werden, außerdem Patienten mit Vorerkrankungen und das medizinische Personal, später die Angestellten der Gesundheitsämter, Polizisten, Feuerwehrleute, Lehrerinnen und Lehrer sowie Erzieherinnen und Erzieher. Die Regelversorgung soll im zweiten Quartal 2021 für alle zur Verfügung stehen. „Das Land plant, sich dann aus der Verimpfung zurückzuziehen“, heißt es im Konzept.

Wie ist die Impfkampagne organisiert?

Bis zum 15. Dezember richtet das Land acht oder neun sogenannte Zentrale Impfzentren (ZIZ) in den vier Regierungsbezirken ein. Diese werden durch Mobile Impfteams unterstützt, die Menschen in Alten- und Pflegeheimen sowie immobile Personen versorgen. Ab Mitte Januar 2021 werden zusätzlich etwa 50 Kreisimpfzentren (KIZ) in Betrieb gehen, sie sollen je zwei eigene Mobile Teams einsetzen und nach den Planungen bis Ende 2021 arbeiten.

Wo sind diese Impfzentren geplant?

Die ersten Zentralen Corona-Impfzentren soll es neben den Messen Freiburg, Ulm und Offenburg an der Karlsruher Messe sowie am Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus geben. Weitere Standorte sind noch in Planung, sagte Lucha. Die Standorte für die Kreisimpfzentren werden erst in den nächsten Wochen ausgewählt.

Wann wird in den Zentren geimpft?

In den Impfzentren wird täglich zwischen 7 Uhr und 21 Uhr geimpft, das Personal kommt in zwei Schichten und startet eine Stunde vor dem ersten Impfling, eine Stunde nach der letzten Impfung ist Feierabend. Nach den Berechnungen des Sozialministeriums werden pro ZIZ täglich mindestens 1500 Impfungen veranschlagt. „Ausgehend von sieben Tagen pro Woche, könnten so in den ersten vier Wochen circa 42.000 Impfungen pro ZIZ stattfinden“, sagte Lucha. Für die Kreisimpfzentren (KIZ) sind täglich etwa 750 Impfungen veranschlagt.

Wer ist in die Kampagne eingebunden?

Eine „umfangreiche und komplexe Aufgabe“ werde die Umsetzung des Konzepts, heißt es in dem Papier. Verantwortung kommt nicht nur den Ämtern, Ärzten und dem Pflegepersonal zu, unter anderem ist auch das Technische Hilfswerk durch den Auf- und Abbau der ZIZ eingebunden, die Kreise organisieren die Infrastruktur rund um die Zentren wie die Shuttleservices, die Müllabfuhr, die Beschilderung und die Stromversorgung. Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg stellt jedem Zentrum die Software für die Terminbanken zur Verfügung.

Mit wie viel Personal wird gerechnet?

Für den Betrieb eines ZIZ werden laut Sozialministerium etwa 1100 Personen benötigt, in KIZ sollen insgesamt rund 3300 arbeiten. Eingespannt werden sollen vor allem Ärzte aus den Unikliniken, gebraucht werden aber auch Reinigungskräfte, Dolmetscher, Fahrer, Mitarbeiter für die Registrierung und Dokumentation sowie medizinisches Fachpersonal für die Impfungen ebenso wie Sicherheitskräfte. „An den Impfzentren kann es durch das Verhalten von nicht zu impfenden Personen [...] zu Störungen des Betriebsablaufs kommen“, heißt es warnend im Konzept.

Was kosten die Zentren?

Für Personal- und Sachkosten allein in den Impfzentren erwartet das Land bis Mitte April rund 58,2 Millionen Euro Kosten. Die Beschaffung des Impfbestecks und die Impfstoff-Logistik sind bereits mit 15 Millionen Euro veranschlagt und genehmigt. Die Kosten trägt laut Konzept das Land zunächst vollständig selbst.

Gibt es eine Impfpflicht?

Nein.


Michael Schwarz

Michael Schwarz

Chefkorrespondent Landespolitik

Michael Schwarz ist seit 2005 bei der Heilbronner Stimme. Landesregierung, Landtag, Parteien, Fraktionen, Politiker - Schwarz beobachtet rund um die Uhr die landespolitischen Akteure in Stuttgart und geht der Frage nach, ob diese einen guten Job machen.

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