Nach Stuttgarter Krawallnacht zeigt die Polizei Stärke durch Präsenz

Stuttgart  Vor einer Woche war das Entsetzen groß: Randalierer hatten eine Spur der Verwüstung in der Stuttgarter Innenstadt hinterlassen. Am jüngsten Wochenende blieb es ruhig. Die Probleme aber existieren offenbar schon länger.

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Taddy und Amo sitzen auf einer Mauer am Eckensee in Stuttgarts Innenstadt. Es ist Samstag, weit nach Mitternacht. Rund um die Oper und den See haben sich kleine Gruppen gebildet. Jede Gruppe für sich hat eine tragbare Lautsprecherbox dabei. Der Bass des Gangster-Raps wummert aus den Boxen. Es riecht nach Energy-Drink, hochprozentigem Alkohol und Parfüm. Flaschen gehen zu Bruch, Plastikbecher liegen verstreut auf dem Gelände. Die Stimmung ist ausgelassen. Die zumeist jungen Menschen tanzen, feiern und grölen. Die beeindruckende Polizeipräsenz stört sie nicht.

Es ist eine Woche her, dass sich von jenem Eckensee ein Gewaltexzess ausbreitet, den Stuttgart nach Ansicht vieler so noch nicht erlebt hat. Ein Mob aus bis zu 500 Menschen zieht durch die Innenstadt, wirft mit Pflastersteinen, schlägt auf Polizisten ein, zertrümmert Schaufensterscheiben und plündert Läden. 33 Tatverdächtige hat die Polizei mittlerweile identifiziert. Davon sitzen elf in Untersuchungshaft. Mehr als die Hälfte hat einen Migrationshintergrund. 32 Polizisten werden verletzt, drei sind derzeit dienstunfähig, teilt die Polizei mit. Internationale Medien schicken Pressevertreter nach Stuttgart. Die Landeshauptstadt mit dem grünen Oberbürgermeister in einem grün geführten Bundesland wird in Zusammenhang mit randalierenden Jugendlichen gebracht? Wie kann das sein?

Taddy hat eine Erklärung. "Man wollte ein Zeichen setzen", sagt die 23-Jährige. Taddy und Amo möchten ihren richtigen Namen nicht auf Stimme.de lesen. Sie kommen aus dem Landkreis Göppingen. Beide Frauen haben einen Migrationshintergrund. Sie denken, dass dies ein Grund sei, weshalb auch sie häufig von der Polizei kontrolliert werden. So ergehe es vielen jungen Leuten, die sich seit Wochen am Eckensee und rund um den Schlossplatz treffen. "Dass sie auf die Polizisten losgehen und Läden verwüsten, hätte nicht sein müssen", sagt Amo.

Kontrollen im Park am Eckensee

Die Polizei ist mit mehreren Hundert Beamten im Einsatz. So etwas, wie die Woche zuvor, soll sich nicht wiederholen. Etwa 30 Beamte, in Zweierreihe aufgestellt, marschieren durch den Park am Eckensee. Hier und da kontrollieren sie junge Leute. Sie müssen ihre T-Shirts ausziehen, die Taschen leeren. Laut Polizei handelt es sich um einen Drogenumschlagplatz. Stärke durch Präsenz.

Monika Ackermann ist Pressesprecherin beim Polizeipräsidium Stuttgart. Es habe sich in den "vergangenen Monaten eine bestimmte Klientel" zusammengefunden, die unter einer "zwanghaften Inszenierung" leide. Auf Nachfrage beschreibt sie diese Klientel als jung und zum größten Teil männlich. In der Tatnacht sind sie zumeist alkoholisiert. Laut Ackermann gebe es keine Erkenntnisse, dass die Ausschreitungen geplant gewesen seien. Ebenso schließt sie einen politischen Hintergrund aus. "Sie fühlen sich als Randgruppe, die abgehängt ist. Deren Wut gegen den Staat entlädt sich an der Polizei. Wir repräsentieren den Staat." Zur Situation am Eckensee verschafft sich Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn Samstagnacht einen Überblick. Die Szenen am Eckensee, am Kleinen und Großen Schlossplatz werde man in nächster Zeit genauer beobachten. „Das was passiert ist, wird derzeit auf allen Ebenen diskutiert.“

 

Aggressive Stimmung

Am Mittwoch nach der Krawallnacht sitzt Yavuz Cetin im Laden eines Mobilfunkgeschäfts auf der Königstraße. Der 35-jährige Stuttgarter arbeitet dort als Aushilfe. In der Tatnacht haben sie dort die Eingangstüre eingeschlagen und Mobiltelefone gestohlen. Es habe sich etwas verändert in der Stadt. Die Stimmung sei vor allem in den Abendstunden aggressiver geworden. Nach 20 Uhr habe er am Hauptbahnhof ein ungutes Gefühl. Die Ursache der Krawalle seien auch, dass Stuttgart ein Migrationsproblem habe. Die Polizei könne der Situation Herr werden, wenn sie deeskalierend reagiere. "Die Polizei muss ihre Macht ausnutzen und einen Dialog finden."

Auch der Mobilfunkladen, in dem Eyob Russom (47) arbeitet, wurde in der Tatnacht geplündert. "Stuttgart kenne ich eigentlich als sehr friedliche Stadt. Ich lebe seit 20 Jahren hier und bin schockiert über das, was sich aufgestaut hat." Haben Stadtverwaltung und Polizei nicht richtig hingeschaut?

"Es war absehbar", sagt Danijel Beranda wenige Tage nach der Krawallnacht. Er arbeitet als Partyveranstalter in der Bar "Waranga" am Kleinen Schlossplatz. Vor der Bar versammeln sich am Wochenende mehrere Hundert junge Menschen, die auch am Eckensee anzutreffen sind. "Vor drei Wochen hat es hier richtig gekracht", sagt der 36-Jährige. Die jungen Menschen bringen Alkohol und Bassboxen mit. "Die markieren den Starken. Da reicht ein Wort, dann knallt"s." Auch am Samstag ist dort die Stimmung laut Polizeisprecherin Ackermann aufgeheizt. "Mit einem Hang zur Provokation gegen die Polizei." Es sei zu keinen Ausschreitungen gekommen. "Die Polizeipräsenz", sagt OB Kuhn, "geht so lange, bis es friedlich ist".


Jürgen Kümmerle

Jürgen Kümmerle

Reporter

Jürgen Kümmerle ist Redakteur im Reporterteam der Heilbronner Stimme. Diese Einheit berichtet über das tagesaktuelle Geschehen in der Region und kümmert sich um investigative Recherchen.

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