Computerspiele aus dem Südwesten sind unter den besten Deutschlands

Stuttgart  Am Montagabend wurden Entwickler bei der Vergabe des Deutschen Computerspielpreises ausgezeichnet. In mehreren Kategorien konnten auch Spiele aus Baden-Württemberg Preise abräumen.

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Illustration: Visual Generation/stock.adobe.com

Für amüsante Bilder ist die Verleihung des Computerspielpreises ein guter Anlass. Wie im vergangenen Jahr, als Andreas Scheuer mit Laserschwert und Digitalstaatsministerin Dorothee Bär im schrillen Latexkleid posierte. Mit ihrem betont jugendlichen Auftreten sorgten die beiden CSU-Politiker im Netz für mächtig Spott und Häme.

In diesem Jahr wurden die deutschen Spieleentwickler aufgrund der Corona-Krise jedoch bei einer rein digitalen Gala ausgezeichnet, moderiert von Barbara Schöneberger und Youtuber Nino Kerl.

Der Preis, der von der Bundesregierung und dem Branchenverband Game verliehen wird, dient den Digitalpolitikern des Landes oft als Plattform. So kündigte Scheuer als Minister für digitale Infrastruktur im vergangenen Jahr an, die deutsche Computerspiele-Industrie mit 50 Millionen Euro zu fördern. Die Zusage wäre jedoch fast geplatzt: Die Spiele-Förderung verschwand zunächst aus dem Haushaltsentwurf und tauchte dann doch wieder auf.

Ernsthafte Spiele sind ein kleiner Trend geworden

Die Gaming-Branche dürfte dennoch stolz darauf sein, auf höchster Ebene ernst genommen zu werden. Denn Computerspiele dienen schon lange nicht mehr nur dem Zeitvertreib, sondern wagen sich an ernste Themen und komplexe Geschichten.

Zunehmend gewinnt die Spieleindustrie auch im Kultur- und Bildungsbereich an Bedeutung. "Vor allem kleinere Indie-Entwickler wollen kein möglichst kommerzielles Spiel machen, sondern greifen oft sehr persönliche Probleme auf", sagt Dejan Simonovic, Leiter der Computerspielschule in Stuttgart.

Die Einrichtung bietet unter anderem Beratung zum pädagogischen Umgang mit Spielen und die Möglichkeit für Kinder und Jugendliche, zum Zocken vorbeizukommen. Simonovic beobachtet den aktuellen Trend zu sogenannten "Serious Games", also "ernsthaften Spielen", genau: "Der Anspruch an ein Serious Game ist für mich, dass es den Spieler reinzieht und ein gesellschaftlich relevantes Thema aufgreift."

Spiele können Teil des Schulunterrichts sein

Ein solches Spiel ist das düstere Strategiespiel "Through the Darkest of Times". Spieler werden in die Zeit des Nationalsozialismus versetzt und führen eine Widerstandsgruppe an, die sich gegen das Regime wendet - erst mit Plakaten und später auch mit Anschlägen. Jede Entscheidung im Spiel wirkt sich dabei auf den Verlauf der Geschichte aus. "Das ist definitiv ein spannendes Spiel", sagt Simonovic. Die Jury zeichnete das Werk in der Kategorie "Bestes Serious Game" aus.

Die Herausforderung sei es, solche Spiele in den Unterricht einzubetten, erklärt Simonovic. Die Corona-Krise sei dafür eine Chance: "Schüler können verschiedene Spiele vorstellen und einen Bezug zur Epoche herstellen." Um solche Konzepte umzusetzen, sei im März die Plattform "Games im Unterricht" gestartet, die zu verschiedenen Spielen Lehrmaterial anbietet.

Themen wie Einsamkeit werden künstlerisch aufgegriffen

Auch "Sea of Solitude" ist keine leichte Kost. Darin erkunden Spieler eine überflutete Welt und begegnen Personen und Erlebnissen aus der Vergangenheit der Protagonistin. Im Spielverlauf sollen sich die Nutzer mit den Themen Einsamkeit, Familienproblemen und Depressionen auseinandersetzen.

"Diese Themen werden künstlerisch aufgegriffen, es ist aber sehr offensichtlich, um was es geht. Das machen andere Spiele subtiler", meint Simonovic. Die Entwickler von Jo-Mei erhielten eine Auszeichnung für die die "Beste Spielewelt und Ästhetik" und 30.000 Euro.

Bestes deutsches Spiel gibt es schon seit vielen Jahren

Deutlich weniger nachdenklich geht es im Spieleklassiker "Anno 1800" zu. Darin bauen Spieler nach und nach ein florierendes Wirtschaftsimperium auf und besiedeln entfernte Inseln und andere Kontinente. Der aktuelle Teil ist der siebte der Reihe, die seit 1998 erscheint. "Anno richtet sich an ein breites Publikum", sagt Simonovic. Aus seiner Sicht müsse jedoch der historische Kontext besser erklärt und thematisiert werden. "Es wird schon ein sehr romantisierendes Bild der Kolonialisierung gezeichnet." 

Die Auszeichnung zum besten deutschen Spiel und 100.000 Euro Preisgeld gingen am Abend an die Anno-Entwickler und das Ubisoft-Studio Mainz. „Die Magie des Spiels ist auch nach 20 Jahren noch vorhanden“, sagte Andreas Scheuer. Es habe eine „unglaubliche Liebe zum Detail“ und erhalte weiterhin „den Charme der Nostalgie“.

Wer während der Corona-Krise noch auf der Suche nach weiteren Spielen zum Nachdenken und Zeitvertreiben ist, dem empfiehlt Simonovic das Weltraumentdecker-Spiel "Outer Wilds" oder das Rätselspiel "Supraland". Wer lieber Meere erkundet, greift zu "Subnautica". Künstlerisch schön gestaltet findet er das Abenteuer-Spiel "Gris".

Spiele aus dem Südwesten wurden ausgezeichnet

Unter den Preisträgern des Deutschen Computerspielpreises waren auch mehrere Spiele aus Baden-Württemberg:

Das Mehrspieler-Spiel "Tiltpack" der Ludwigsburger Entwickler Navel wurde als bestes Familienspiel und mit 75.000 Euro Preisgeld ausgezeichnet. Spieler steigen mit bunten Rechtecken in den Ring und rangeln gegeneinander um den Sieg.

"The Longing" vom Stuttgarter Entwickler Seufz Studios erhielt eine Auszeichnung in der Kategorie "Bestes Debut". The Longing spielt in einer Unterwelt, die der Protagonist in Echtzeit erkundet. "Es ist charmant getextet, liebevoll grafisch umgesetzt und als eine leise, entschleunigte Stimme in der sonst sehr lauten Welt zu sehen", sagte Bayerns Digitalstaatsministerin Judith Gerlach bei ihrer Laudatio.

Von der Stuttgarter Hochschule der Medien ging das Rätselspiel "Sonority" ins Rennen. Darin erkunden Spieler eine Welt, die auf Töne reagiert und lernen so spielerisch die Tonlehre kennen. Der Ludwigsburger Entwickler Pixelcloud war für "Blautopf VR" nominiert worden. Zusammen mit dem SWR tauchen Spieler hier in eine Höhlenwelt unter der Schwäbischen Alb ein. Beide Spiele konnten keine Auszeichnung gewinnen.


Christoph Donauer

Christoph Donauer

Autor

Christoph Donauer kümmert sich bei der Stimme um alles, was in Heilbronn, Deutschland und der Welt los ist. Seit 2019 ist er Redakteur für Politik und Wirtschaft. Davor war er als Journalist in Berlin, Brüssel, Dänemark und Stuttgart unterwegs.

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