Barrieren gegen zweite Corona-Welle

Stuttgart/Region  Mit einem dreistufigen Alarm-System will die grün-schwarze Landesregierung eine zweite Corona-Infektionswelle und einen landesweiten Lockdown verhindern.

Von Peter Reinhardt

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Polizeibeamte kontrollieren an einer Haltestelle im öffentlichen Nahverkehr die Einhaltung der Maskenpflicht. Foto: dpa

Die grün-schwarze Regierung hat für Baden-Württemberg ein landesweit einheitliches Eingriffskonzept für den Fall von steigenden Corona-Fallzahlen beschlossen. „Mit der Strategie haben wir einen klaren Handlungsrahmen geschaffen und sind für eine mögliche zweite Welle gewappnet“, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) nach der Sitzung seines Ministerrats. Abhängig von der Infektionsrate gibt es drei Eskalationsstufen.

„Eine nochmalige landesweite Schließung aller Schulen können wir uns nicht vorstellen“, sagte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Sollte die Zahl der Corona-Infektionen auf die kritische Marke von 35 Ansteckungen je 100.000 Einwohner in einer Woche steigen, könnten die Schulen regional auf Fernunterricht umsteigen, dann sei auch eine Maskenpflicht im Unterricht und die Einschränkung des Sportunterrichts möglich, erläuterte sie das Konzept. Das Ziel sei, mit regionalen Einschränkungen den flächendeckenden Lockdown zu verhindern. Kretschmann betonte, man könne flexibel auf die jeweilige Lage reagieren.

Aktuell liegt die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz in Baden-Württemberg bei 12,8 neuen Infektionen pro Woche und 100.000 Einwohnern. Die Bandbreite ist allerdings groß und reicht von 4,0 im Neckar-Odenwald-Kreis bis fast 31 in Ulm. Für den Anstieg im Sommer seien „Reiserückkehrer und eine Reihe privater Zusammenkünfte“ verantwortlich, erläuterte Kretschmann. 

 

 

Mit 12,8 Ansteckungen je 100.000 Bürgern ist eigentlich die Schwelle für die Pandemiestufe 2 überschritten. Weil es aber aktuell wenig schwere Erkrankungen gibt und das Infektionsgeschehen seit Wochen stabil oder sogar wieder rückläufig ist, gilt derzeit Stufe 1. In einzelnen Stadt- oder Landkreisen könne da bereits die Schwelle von 35 je 100.000 Einwohner überschritten werden. Sozialminister Manne Lucha (Grüne) betonte, dann gebe es regionale Einschränkungen ohne Folgen für die Landesebene.

Lucha (Grüne) fordert in den nächsten Wochen weitere Anstrengungen, um vor Beginn der Grippewelle die Corona-Infektionen zu senken. Sein Ziel: „Wir sollten bis Ende Oktober unter 10 kommen. Dann haben wir Spielräume.“ Die Infektionen sollten so weit wie möglich zurückgedrängt werden, um eine Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern. Dazu könnten alle Menschen beitragen, wenn sie sich gegen Grippe impfen lassen. 26 Millionen Impfdosen stünden in Deutschland für die im Oktober beginnende Saison bereit.

 

 

Regierung plant Informationskampagne

Weil gegenwärtig vor allem Jüngere an Corona erkranken, plant die Regierung eine Informationskampagne. Schwerpunktmäßig soll über die Onlinekanäle unter dem Slogan „Sei ein Wellenbrecher“ für das Einhalten der Abstands- und Maskenregeln geworben werden. Sogar Kretschmann hat sich von der Deutschen Bahn für ihre Maskenwerbung einspannen lassen.

Hinter der am Dienstag von Kretschmann und Eisenmann öffentlich demonstrierten Einigkeit, gibt es allerdings weiter Streit. Derzeit geht es um die Zulassung von Weihnachtsmärkten. Lucha bestätigte, dass er solche Märkte nur akzeptieren will, wenn auf den Alkoholausschank verzichtet wird. Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) hält diese Vorgabe für weltfremd. Die meisten Besucher würden ein paar Geschenke kaufen und dann einen oder zwei Glühweine trinken. Jüngere Leute könnten sich Alkohol auch bei einem Verkaufsverbot problemlos in Supermärkten besorgen. An diesem Mittwoch soll einmal mehr versucht werden, den seit Juni schwelenden Konflikt zu lösen.

Die Regierung hat derweil die Hilfen für Hotels und Gastronomen im Südwesten bis zum Jahresende verlängert. Hoffmeister-Kraut begründete das mit dem sich abzeichnenden Ende der Außengastronomie- und Feriensaison: „Jetzt stehen viele Betriebe vor schwierigen Herbst- und Wintermonaten.“

Niedrige Quote

145.000 Rückkehrer von einer Auslandsreise haben sich in Baden-Württemberg auf eine Corona-Infektion testen lassen. Obwohl nur 0,7 Prozent der Tests positiv waren, sieht Sozialminister Manne Lucha (Grüne) das zeitlich befristete Angebot als Erfolg. Man habe auf diese Weise Infektionsketten zielgenau durchbrochen. Im Durchschnitt aller Tests seit Ausbruch der Pandemie im März hätten 2,6 Prozent eine Corona-Ansteckung angezeigt. Im Frühjahr hatte es zunächst viel weniger Laborkapazitäten gegeben. Deshalb waren die Tests für Personen reserviert, die Kontakt zu Kranken oder selbst Symptome hatten.
An diesem Dienstag endete das Angebot für Reisende, sich kostenlos testen zu lassen. Rückkehrer aus einem  Risikogebiet haben diese Chance noch bis Anfang Oktober. Danach müssen sie zunächst fünf Tage in häusliche Quarantäne und danach per Test nachweisen, dass sie virusfrei sind. 


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