Wie wir und Maschinen Entschlüsse fassen

Wissenschaft  Hirnforscher, Informatiker und Wirtschaftswissenschaftler beschäftigen sich aus ganz unterschiedlichen Perspektiven damit, wie wir und Künstliche Intelligenzen Entscheidungen treffen. In diesen drei Studien kommen sie zu interessanten Erkenntnissen.

Von Christine Faget

Hirnforscher, Informatiker und Wirtschaftswissenschaftler untersuchen Entscheidungsprozesse aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Was genau sie erforschen, zeigen diese drei Projekte:

Zu viel Auswahl hemmt

In einer aktuellen Studie hat der Tübinger Neurobiologe Axel Lindner mit Kollegen aus Pasadena und Barcelona nachgewiesen, dass bei einer zu großen Auswahl an Entscheidungsmöglichkeiten die Hirnaktivität nachlässt. Für die Studie haben die Wissenschaftler die Hirnaktivität von Versuchspersonen gemessen, die bei sechs, zwölf oder 24 zur Auswahl stehenden Bildern entscheiden sollten, welches davon sie auf T-Shirts oder Tassen verewigen wollen.

Die höchste Hirnaktivität maßen die Forscher bei einer Auswahl von zwölf verschiedenen Bildern, aus denen die Probanden wählen konnten. Gab es eine Hilfestellung - etwa durch einen Computer - dann war die Gehirnaktivität am größten, wenn eine Auswahl von 24 Bildern zur Verfügung stand. Was lernen wir daraus? Bei einer zu großen Auswahl sind wir demotiviert oder treffen überhaupt keine Entscheidung mehr - dann ist der kognitive Aufwand zu groß. Hilfestellungen erleichtern die Wahl.

Wenn die Künstliche Intelligenz entscheidet

Demnächst könnten computeranimierte Grenzbeamte und eine Software der Künstlichen Intelligenz (KI) darüber entscheiden, wer in die Europäische Union einreisen darf und wer nicht. Daran tüfteln Wissenschaftler bei dem EU-geförderten Forschungsprojekt iBorderCtrl. Einreisende sollen demnach von einem Avatar befragt werden, und das Programm anschließend entscheiden, ob der Befragte die Wahrheit sagt. Ein moderner Lügendetektor also.

Auch beim autonomen Fahren spielen Entscheidungen von Robotern eine maßgebliche Rolle. So erforschen Wissenschaftler des Kooperationsprojekts Plattform Lernende Systeme (PLS), wie Maschinen selbst Entscheidungen treffen können. Ein PLS-Sprecher erklärt: Aktuell seien Lernende Systeme jedoch noch stark abhängig von Zielvorgaben durch den Menschen.

Menschen sind in Gruppen gieriger

In Gruppen entscheiden Menschen oft weniger ethisch als alleine. Das hat die politische Ökonomin Nora Szech vom Karlsruher Institut für Technologie herausgefunden. In einem Experiment ließen Wissenschaftler Teilnehmer wählen, ob sie zehn Euro für sich haben oder einer Maus das Leben retten wollen. Die meisten entschieden sich für die Maus. Ganz anders in einer Marktsituation, in der die Teilnehmer als Verkäufer und Käufer um die Mäuseleben verhandelten. Drei Viertel der Probanden akzeptierten, dass die Maus sterben musste.

"Als Marktteilnehmer verhalten sich Menschen gieriger, als sie es als einzelne tun", ist Szechs Erkenntnis. "Menschen schieben moralische Bedenken leichter beiseite, wenn sie sehen, dass andere zu Produkten greifen, die sie nach eigenen ethischen Standards eigentlich nicht kaufen würden." Sie erklärt das Phänomen damit, dass Menschen in einer Gruppe das Gefühl hätten, Verantwortung und Schuld zu teilen.

Info

Entscheidungsprozesse sind seit langem Forschungsgegenstand der Sozial- und Geisteswissenschaften, der Psychologie und der Wirtschaftswissenschaften. Natur- und Ingenieurswissenschaftler untersuchen mittlerweile zudem, ob und inwiefern auch Zellen, Pilze, Tiere oder Computer Entscheidungen treffen.