Wegen der S21-Baustelle bleiben im Hauptbahnhof die Läden leer

Stuttgart  Der denkmalgeschützte Bonatzbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs wird für 250 Millionen Euro umgebaut. Die Läden stehen inzwischen leer. 2025 soll das Gebäude gemeinsamen mit dem neuen Hauptbahnhof fertiggestellt sein.

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Absperrungen, kahle Ladenflächen: Wer momentan durch den Stuttgarter Hauptbahnhof läuft, dem erschließt sich ein tristes Bild.

Foto: Michael Schwarz

Die Reisenden hetzen durch die rund 190 Meter lange und 75 Meter breite Bahnhofshalle. Es geht vorbei an vielen leeren Geschäften. Nur die Glasfronten deuten noch darauf hin, dass hier bis vor wenigen Wochen Kioske, Zeitungsläden, Bäcker oder auch mehrere Fast-Food-Ketten waren. Doch das alles gehört der Vergangenheit an, denn der 100 Jahre alte Bonatzbau, der in seiner Geschichte gute wie schlechte Zeiten erlebt hat, wird erneuert.

Shoppingmall und Hotel geplant

Im Zuge von Stuttgart 21 wird das Bauwerk umgebaut. 250 Millionen Euro sollen investiert werden, so lauten die aktuellen Kostenschätzungen. Es wird nun sechs Jahre dauern, bis der Bonatzbau neu eröffnet wird. Er soll dann 2025 gemeinsam mit dem umstrittenen Hauptbahnhof eine weitere Epoche in der Stadtgeschichte einläuten. "Der neue Bonatzbau ist damit Teil der Zukunft Stuttgarts", sagt Michael Groth, Leiter des Regionalbereichs Südwest der DB Station & Service AG.

Doch zunächst muss alles raus. Ein Kahlschlag für das Gebäude - oder eine Entkernung, wie es fachlich richtig heißt. "Das sieht ja erschreckend aus", sagt eine Reisende aus Nürtingen. Ist um die Mittagszeit mal kurz weniger los in dem historischen Gemäuer, das an seinem höchsten Punkt 21 Meter nach oben ragt, herrscht eine regelrechte Geisterstimmung.

Gebäude mit langer Geschichte

Schreibt man über den Bonatzbau, gehört ein Blick zurück dazu. Als sich Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts die Zahl der Einwohner Stuttgarts verdoppelte, wurde der alte Bahnhof mit seinen vier Gleisen zu klein. Architekt Paul Bonatz erhielt damals den Zuschlag für den Bau eines neuen Bahnhofsgebäudes einige hundert Meter entfernt, das 1928 fertiggestellt wurde und durch das heute täglich im Schnitt rund 300 000 Reisende strömen. Der Bonatzbau gilt damals als Meilenstein der architektonischen Geschichte und als Symbol der Moderne. Bereits 1916 wurde zudem der 56 Meter hohe Bahnhofsturm am östlichen Ende des Gebäudes hochgezogen. Seit den 1950er Jahren symbolisiert an der Spitze des Turms der Mercedes-Stern die wirtschaftlichen Stärke der Stadt.

Der Bonatzbau, den Tausende Berufspendler jeden Morgen durchqueren, soll sein äußeres Erscheinungsbild behalten. Schließlich sind die Mauern denkmalgeschützt. Innen wird er aber kaum wiederzuerkennen sein. Rund 100 Jahre nach seiner Eröffnung soll der Bau zu einer modernen Shoppingmall mit rund 50 Geschäften umgestaltet werden. Auch ein Vier-Sterne-Hotel mit 150 Zimmern wird sich einquartieren. Das alles ist geplant auf "zwei lichtdurchfluteten Ebenen". Vom Gebäude aus sollen die Reisenden zudem einen direkten Zugang zu den Gleisen des neuen Bahnhofs erhalten. So preist die Deutsche Bahn jedenfalls den neuen Bonatzbau an.

Zukunft einiger Mitarbeiter ungewiss

Doch die Umbauarbeiten haben auch ihre Begleiterscheinungen. Die örtlichen Medien berichten davon, dass einige der Mitarbeiter in den bestehenden Geschäften entlassen wurden. Andere seien auf Filialen verteilt worden. Wer Glück hatte, konnte in Stuttgart bleiben, wer nicht, der muss weitere Anfahrtswege zur neuen Arbeitsstelle in Kauf nehmen. Doch ganz ohne Geschäfte ist der Bonatzbau momentan noch nicht. Neben einem Servicestand der Deutschen Bahn verkaufen einige Asiatinnen in der Mitte der Halle Obst und frische Säfte. "Wir sind die letzten hier", sagt eine der Verkäuferinnen. Auch sie müssen in zwei Monaten raus.

"Hauptbahnhof Stuttgart: Einkaufsvielfalt von früh bis spät an 365 Tagen im Jahr", ist noch immer auf einer Werbefläche an der Außenfassade zu lesen. Das trifft die nächsten Jahre erst einmal nicht mehr zu.


Kostensteigerung

Die Sanierung des Bonatzbaus macht nur einen geringen Teil der Kosten für die Neuordnung des Stuttgarter Bahnknotens sowie für die Neubaustrecke Stuttgart-Ulm aus. Anfang 2018 hatte der Aufsichtsrat der Bahn für Stuttgart 21 einen Finanzierungsrahmen von 8,2 Milliarden Euro genehmigt − fast doppelt so hoch als noch vor zehn Jahren kalkuliert. Für die Neubaustrecke sind 3,5 Milliarden Euro eingeplant. Getragen werden die Kosten von mehreren Projektpartnern. Es besteht ein Rechtsstreit darüber, wer für Mehrkosten aufkommt. 

 


Michael Schwarz

Michael Schwarz

Chefkorrespondent Landespolitik

Michael Schwarz ist seit 2005 bei der Heilbronner Stimme. Landesregierung, Landtag, Parteien, Fraktionen, Politiker - Schwarz beobachtet rund um die Uhr die landespolitischen Akteure in Stuttgart und geht der Frage nach, ob diese einen guten Job machen.

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