Vier Monate Recherche für einen Artikel

Berlin/Karlsruhe  Wikipedia hat seit 2007 rund ein Drittel seiner regelmäßig aktiven Bearbeitern von Artikeln verloren. Ein Autor verrät, wie die Arbeit hinter dem Mitmach-Lexikon aussieht.

Von Isabelle Müller

Vier Monate Recherche für einen Artikel

Die Artikel bei Wikipedia werden immer komplexer. Etwa 350 neue Artikel kommen täglich zur deutschsprachigen Ausgabe hinzu.  

Jeder nutzt es, aber immer wenigere beteiligen sich daran: Das Mitmach-Lexikon Wikipedia hat seit 2007 rund ein Drittel seiner regelmäßig aktiven Autoren und Bearbeitern von Artikeln verloren, wie eine Untersuchung des Massachusetts Institute of Technology zur englischsprachigen Ausgabe ergab.

Wie wieder Schwung in das Online-Netzwerk kommen kann, war deshalb auch Thema bei der "Wikicon 2013" , einem Treffen von rund 300 Wikipedia-Autoren Ende November in Karlsruhe. Dabei ist in der deutschsprachigen Wikipedia-Ausgabe bislang alles im Lot.

"Die Zahlen der Autoren und der Artikel, die täglich hinzukommen, sind in Deutschland nur leicht rückläufig", sagt Catrin Schoneville, Sprecherin des Vereins Wikimedia Deutschland, der die Enzyklopädie unterstützt. In diesem Jahr seien es im Schnitt 350 neue Artikel pro Tag, im vergangenen Jahr waren es 400.

Für den Schwund an englischsprachigen Autoren macht Schoneville vorrangig höhere Ansprüche verantwortlich. "Zum Beispiel beim Artikel über die Nordsee: Vor einigen Jahren genügte ein einzelner Satz, heute sind es vermutlich mehr als 30 DIN-A4-Seiten." Auch Struktur und Formatierung eine Artikels seien heute deutlich ausgefeilter.

Fehler

Um die Qualitätsstandards zu gewährleisten, kommt das freie Netzwerk nicht ohne Ordnungshüter aus. Benutzer, die durch ihre rege Beteiligung den Status "Sichter" erlangt haben, korrigieren Fehler, decken fehlende Quellenangaben und werbliche Texte auf. So auch Gereon Kalkuhl aus Ennepetal in Nordrhein-Westfalen, der in den vergangenen sieben Jahren mehr als 1000 Artikel verfasst hat. Jeden Tag etwa zwei Stunden lang beschäftigt sich der 45-jährige Übersetzer mit Wikipedia. Oder genauer gesagt mit der Astronomie, der Biologie, mit Biografien, Städten und mehr.

Die Recherche für seine Texte nimmt Kalkuhl ernst: "Ich versuche, alles, was zu einem Thema je publiziert worden ist, zu lesen." Kalkuhl verfolgt Referenzen auf ihre Quelle zurück. Er fordert Fernleihen aus Stadtarchiven im Ausland an. Vier Monate investierte er in seine längste Recherche über die Stadt Wauwatosa in Wisconsin. "Der größte Spaß daran ist es, neue Zusammenhänge zu begreifen", sagt Kalkuhl.

Administrator

Der 45-Jährige hat sich in der Community Ansehen erarbeitet. Er wurde zum Administrator gewählt. In dieser Funktion, die etwa 230 deutschsprachige Nutzer inne haben, steht es ihm frei, Artikel zu löschen, Nutzerprofile zu sperren oder das Schiedsgericht anzurufen. Dies kann nötig sein, wenn beispielsweise Meinungsunterschiede bis in einen "Edit War" (deutsch: Bearbeitungskrieg) ausarten. Kalkuhl: "Dabei wird eine Änderung von einem zweiten Autor gelöscht, der erste stellt sie wieder ein und so weiter."

Dass bei Wikipedia ein rauer Umgangston herrscht - wie häufig angeklagt - streitet Kalkuhl jedoch ab. "Das ist Teil der Diskussionskultur, die es seit Anbeginn des Internets gibt." Der Meinungsaustausch sei zum größten Teil konstruktiv - und er findet nicht allein in der digitalen Welt statt. Bundesweit veranstalten "Wikipedianer" mehr als 40 Stammtische im Jahr.

Das gesammelte Wissen wird zunehmend komplex - wie lassen sich darin Unwahrheiten überhaupt identifizieren? "Bei jeder Bearbeitung können die Nutzer einen Kommentar hinterlassen, der ihre Änderung erklärt. Fehlt ein Kommentar, ist das bereits verdächtig", erklärt Kalkuhl. Bei Texten über Firmen würde häufig die Sektion "Kritik" kommentarlos gelöscht, allein firmeninterne Quellen angegeben oder ein werblicher Schreibstil verwendet. Nicht selten wird zudem gegen die Relevanzkriterien verstoßen.

Diese Liste beinhaltet Prämissen, unter denen beispielsweise ein Sportverein, Politiker oder Alltagsgegenstand als relevant einzustufen ist. Aktuell erfüllen mehr als 1,5 Millionen deutschsprachige Artikel die geforderten Kriterien. "Es könnte locker das Zehnfache an Artikeln sein," sagt Kalkuhl.

 

Fakten über Wikipedia

Der Verein Wikimedia Deutschland mit Sitz in Berlin unterstützt seit seiner Gründung 2004 technisch und finanziell verschiedene Projekte zur Förderung freien Wissens. Wikipedia ist das größte Projekt des fast 7000 Mitglieder starken Vereins, es finanziert sich durch Spenden. Zu den weiteren Projekten zählen beispielsweise Wikiquote (Zitate-Sammlung), Wikivoyage (Reiseinformationen) und Wikibooks (Lehrbücher-Sammlung).

Der Begriff Wiki bezeichnet ein System für eine Internetseite, dessen Inhalte von mehreren Benutzern geändert werden können. Das Wort Wiki stammt aus dem Hawaiianischen und bedeutet „schnell“.

Die 2001 gegründete Wikipedia beinhaltet heute in ihrer deutschsprachigen Ausgabe nach eigenen Angaben mehr als 1,5 Millionen Artikel. Von rund 280 Sprachversionen wird die deutsche nach der englischen am zweithäufigsten geklickt. Pro Stunde zählt die Enzyklopädie durchschnittlich 1,5 Millionen Seitenaufrufe.