Verband nennt IT-Ausstattung an Schulen „mittelalterlich“

Stuttgart/Heilbronn  Viele Eltern sind „Digital Immigrants“, die den Umgang mit digitalen Medien nicht ausreichend beherrschen. Daher muss die Schule die Aufgabe umfassender Medienbildung des Nachwuchses übernehmen. Doch ist sie dafür angemessen ausgestattet?

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Die Ausstattung der Schulen mit digitaler Technik muss nach Ansicht des Lehrerverbands VBE deutlich besser werden, damit Kinder und Jugendliche das nötige Rüstzeug für Ausbildung und Studium erhalten. „Die Schule muss die Grundlage für einen Umgang mit IT-Geräten schaffen“, sagte VBE-Landeschef Gerhard Brand am Freitag in Stuttgart. Dass dies weitgehend nicht der Fall sei, zeige eine forsa-Umfrage im Auftrag des Verbandes. Auch einfache Berufe im Handwerk erforderten heute IT-Fähigkeiten.

Demnach haben die Schulen von 87 Prozent aller befragten Lehrer weder Tablet-Computer noch Smartphones für jede Klasse. An einem guten Fünftel der Grundschulen fehle der Zugang zu schnellem Internet; zwei Drittel der Grundschullehrer habe keinen Zugang zu einer geschützten Online-Plattform, die Lehrer für ihren Unterricht oder Elternkontakte nutzen könnten. Die Lage an dieser Schulart sei „schlichtweg mittelalterlich“, sagte Brand. 

Teuer

Die Schulen auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen, werde für Landkreise und Gemeinden teuer: Für die Einrichtung eines Computerraumes für eine mittelgroße Schule seien 90.000 Euro zu veranschlagen, für die Betriebskosten inklusive Support, Material, Ersatzbeschaffung rund 10.000 Euro jährlich. Er befürchte, dass es zwischen Kommunen und Land zum Streit über die finanzielle Zuständigkeit komme.

Entgegen landläufiger Meinung seien Lehrer keine Computermuffel: 90 Prozent nutzen laut Umfrage die digitalen Möglichkeiten für ihren Unterricht. Allerdings hat sich nur ein Fünftel die Kenntnisse bei einer Lehrerfortbildung angeeignet. Brand: „Der Dienstherr erwartet von den Lehrkräften digital basierten Unterricht, aber kommt seiner Verantwortung für Aus- und Fortbildung nur kläglich nach.“ In bestehenden Kollegien müssten zumindest Teams von vier bis fünf Lehrer fortgebildet werden. Wegen immer häufigeren Ganztagsschulbetriebs müsse jeder Lehrer einen mit PC ausgestatteten Arbeitsplatz an seiner Schule erhalten. Zwar könnten 83 Prozent der Befragten einen Dienst-PC nutzen. „Der steht aber in der Regel als Einzelexemplar im Lehrerzimmer oder bei der Schulleitung.“ 

Breitband

Nach Überzeugung der FDP muss die Landesregierung dafür sorgen, dass die vielen blinden Flecken in der Breitbandversorgung beseitigt werden. So könnten neben Betrieben auch Schulen zu einer ausreichend starken Anbindung an das Internet kommen. Nach Ansicht der CDU-Fraktion stellt Kultusminister Andreas Stoch (SPD) gleich doppelt die falschen Weichen: Er lasse die Ausstattung der Schulen schleifen sowie ein Konzept zur Modernisierung der Schulen vermissen.

Das Ministerium wies die Vorwürfe zurück. Es lege großen Wert auf Fortbildung: Jährlich ließen sich etwa 10 000 Lehrer zu digitalen Medien fortbilden. Mit den künftigen Bildungsplänen werde die Medienbildung gestärkt - einerseits durch einen ein Basiskurs Medienbildung in der fünften Klasse 5, andererseits durch die neue Leitperspektive Medienbildung für alle Fächer und Klassenstufen. „Alle Schüler sollen kompetente und mündige Mediennutzer werden“, betonte ein Sprecher Stochs.

Nutzung 

Bei der Nutzung digitaler Medien in der Freizeit von Kindern und Jugendlichen ergibt sich ein Bild, das von der Schilderung der schulischen Situation abweicht. Fast täglich nutzten laut Statistischem Landesamt im vergangenen Jahr 89 Prozent aller 16- bis 24-Jährigen einen Computer. 99 Prozent nutzten ihn mindestens einmal innerhalb von drei Monaten. Bei den 10- bis 15-Jährigen waren es 63 beziehungsweise 89 Prozent. Die Werte für die Internet-Nutzung liegt noch höher: 92 Prozent aller 16- bis 24-Jährigen gingen 2013 fast täglich ins Netz, 98 Prozent in den letzten drei Monaten.

Nach den Worten Brands will sich der VBE nicht vom Lernen, Schreiben und Rechnen mit dem Stift in der Hand verabschieden. Die Schule müsse aber auf die Gefahren der Mediennutzung hinweisen und die Schüler den Umgang mit der Informationsflut lehren. Das Sammeln von Informationen führe nicht automatisch zu vertieftem Wissen. Ob dies geschehe, liege am Lehrer. Didaktik und Methodik müsse unbedingt in die Lehrerausbildung einfließen. Brand: „Da doktern die Lehrer alle selbst dran rum.“ lsw

 

 


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