Terror-Relikt: Warum die Landshut in der Luft hängt

Friedrichshafen/Sinsheim  Hängepartie um die Landshut: Das ehemalige Lufthansa-Flugzeug wurde 1977 von Terroristen entführt, um RAF-Leute freizupressen. Pläne für eine Ausstellung der Maschine am Bodensee stocken. Ein Historiker bringt Sinsheim als Alternative ins Spiel.

Von Alexander Hettich

Terror-Relikt: Warum die Landshut in der Luft hängt
Der Rumpf des Flugzeugs liegt am Flughafen Friedrichshafen in einem Hangar, der für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Foto: Alexander Hettich

 

Die Landshut ist nicht irgendein Flugzeug. Die ehemalige Lufthansa-Maschine, 1977 auf dem Höhepunkt des Deutschen Herbstes von Terroristen entführt, soll in Friedrichshafen zentrales Objekt einer Ausstellung werden. Doch der Eigentümer Bund und die Dornier-Stiftung als Projektträger sind sich uneins, wer die laufenden Kosten tragen soll. Kommt Sinsheim als Standort wieder ins Gespräch?

Maschine liegt in einem Hangar in Friedrichshafen

Der Landshut sind die Flügel gestutzt. Der Rumpf steht in einem für die Öffentlichkeit unzugänglichen Hangar des Flughafens Friedrichshafen am Bodensee. Die abgebauten Tragflächen liegen am anderen Ende der Halle. Von außen macht die Boeing 737 im Moment nicht viel her. Trotzdem lässt die Maschine mit der tragischen Geschichte Besucher schaudern. "Kommen Sie ruhig rein", bittet David Dornier, Direktor des gleichnamigen Luftfahrtmuseums.

Terror-Relikt: Warum die Landshut in der Luft hängt
David Dornier, Enkel des Flugpioniers Claude Dornier, sitzt auf dem Kapitänsplatz im Cockpit. Foto: Alexander Hettich

Der Enkel des Flugpioniers Claude Dornier sitzt auf dem Kapitänsplatz im Cockpit, das wohl noch am ehesten den Originalzustand der Landshut wiedergibt. Eng ist es hier. Instrumente wurden immer wieder ersetzt, schließlich versah das Flugzeug 38 Jahre lang seinen Dienst und war im Besitz von acht weiteren Airlines, nachdem die Lufthansa die Boeing 1985 ausrangiert hatte. "Vieles ist aber noch aus den 70er Jahren", erklärt Dornier und zeigt etwa auf die beiden Steuersäulen. Der Soziussitz hinter dem Piloten ist mit dunklem Kunstleder bezogen.

Deutscher Herbst: Terrorkomando kapert Urlaubsflieger

Hier sitzt am 13. Oktober 1977 Zohair Youssif Akache, der selbst ernannte "Captain Martyr Mahmud", und bedroht die beiden Piloten mit einer der Waffen, die er und seine Komplizen an Bord geschmuggelt haben. Ein palästinensisches Terrorkommando hat die Maschine auf dem Flug von Mallorca nach Frankfurt gekapert. Sie wollen Inhaftierte freipressen, allen voran die in Stuttgart-Stammheim einsitzenden RAF-Leute um Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Deutschland hält den Atem an.

Die Landshut mit 91 Geiseln an Bord startet zu einem tagelangen Irrflug durch mehrere Länder. Im jemenitischen Aden erschießt Mahmud den Flugkapitän Jürgen Schumann. Auf dem Flughafen Mogadischu befreit ein Spezialkommando der GSG 9 die Landshut. Drei der vier Entführer sterben, die Geiseln bleiben bei der "Feuerzauber" genannten Aktion unversehrt. Als sie im Radio von der Befreiung erfahren, töten sich die Stammheimer Gefangenen in ihren Zellen selbst. Kurz darauf ermordet ein RAF-Kommando den entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer.

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Kuratoren: Einzigartiges Objekt der Zeitgeschichte

Terror-Relikt: Warum die Landshut in der Luft hängt
Die Sitze sind längst aus der Kabine der Landshut ausgebaut. Foto: Alexander Hettich

"Die Landshut ist ein einzigartiges Objekt", betont Dr. Barbara Wagner, "es verbinden sich so viele Emotionen mit dem Flugzeug." Wagner ist kuratorische Leiterin des Projekts, das die Maschine in eine Ausstellung einbinden will. Dafür soll neben dem bestehenden Dornier-Museum am Friedrichshafener Flughafen eine neue Halle entstehen. Die Entführung markiere "den Beginn des modernen Terrorismus", ordnet Jannik Pfister, der wissenschaftliche Projektleiter, das Geschehen ein. Der Terror richtete sich gegen unbeteiligte Zivilisten, während die RAF zuvor vor allem Vertreter des von ihr bekämpften "Systems" ins Visier nahm. "Alles, was wir an Anti-Terror-Maßnahmen kennen, kam danach." Den Machern ist die Begeisterung für das Landshut-Projekt anzumerken. Andernorts macht sich schon wieder Ernüchterung breit.

Auf Initiative des früheren Außenministers Sigmar Gabriel hat der Bund die Landshut aus Brasilien zurückgeholt. Dort war die Maschine nach der Ausmusterung durch die Lufthansa noch bis 2008 als Transportflugzeug unterwegs. "Wir haben ein Museum, und wir haben ein Grundstück." Das war laut David Dornier sein Angebot an die Bundesregierung. Nicht mehr und nicht weniger, wie er betont. Jetzt sagt er schon fast trotzig an die Adresse Berlins: "Macht es, oder nehmt es wieder mit." Hintergrund ist ein Streit um die Betriebskosten.

Das Staatsministerium für Kultur und Medien (BKM) und das Auswärtige Amt haben gemeinsam zehn Millionen Euro für Halle, Konzept und Personal zugesagt. Doch wer kommt für den laufenden Betrieb auf? Das ist zu klären, teilt das BKM auf Nachfrage mit. Wir nicht, betont Dornier, der keinen Hehl daraus macht, dass er die Debatte für kleinkariert hält: "Das ist ein nationales Projekt, nicht meines." Nach Berechnungen der Dornier-Stiftung, die als Projektträger auftritt, erwirtschafte die Ausstellung im schlimmsten Fall ein Defizit von 2,3 Millionen Euro - in einem Zeitraum von 20 Jahren. "Wenn es gut läuft, machen wir einen kleinen Gewinn." Das Friedrichshafener Museum zählt 100.000 Besucher im Jahr. Mit der Landshut sollen es 150.000 sein. Die neue Halle würde annähernd so groß wie das bestehende Museum.

So nah war Sinsheim an der Landshut dran

Friedrichshafen sei "ein toller Platz für so ein Zentrum", gesteht Martin Rupps zu. "Aber Dornier kann oder möchte die Bedingungen nicht erfüllen." Der SWR-Journalist, Historiker und Buchautor ist Mitglied im Beirat des Landshut-Projekts und hat jüngst mit einem Vorschlag für Aufsehen gesorgt. Rupps hält die Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim für einen guten Alternativstandort, dort könne die Landshut Teil eines Gedenkorts sein. Während die Stadt Stuttgart den Vorstoß "zur Kenntnis nimmt", winkt das Justizministerium ab. Demnach sei "ein laufender Museumsbetrieb auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Stuttgart nicht möglich", heißt es auf Nachfrage. Aber die Debatte über Alternativen zu Friedrichshafen ist in der Welt. Und Sinsheim wieder im Spiel?

Das Auto- und Technikmuseum im Kraichgau war 2014 nah dran an der Landshut. Sogar viel näher, als bisher bekannt war, berichtet Martin Rupps. "Das war schon ausgemachte Sache", so der Journalist. "Wir sind übereingekommen, dass die Maschine da hinkommt. Das Museum hat bereits eigens für die Landshut ein Grundstück gekauft." Ein Schriftwechsel, der unserer Zeitung vorliegt, dokumentiert, dass sich die Verantwortlichen in Sinsheim intensiv mit der Landshut beschäftigen.

Technikmuseum: Lassen uns nicht auf Abenteur ein

Dass es Interesse gab, bestreitet Michael Einkörn von der Geschäftsführung des Sinsheimer Museums nicht. Es habe Voruntersuchungen der Maschine gegeben, die damals im brasilianischen Fortaleza auf dem Altenteil lag. "Der Zustand war nicht gut, die Eigentumsverhältnisse zu wirr. Da war schnell klar: Das ist nichts für uns", so Einkörn im Rückblick. "Auf Abenteuer können wir uns nicht einlassen, es gab zu viele Fragezeichen." Der Grundstückskauf habe seinerzeit auch nicht in direktem Zusammenhang mit diesem Projekt gestanden.

Für Beiratsmitglied Rupps ist Sinsheim keinesfalls erledigt. "Ich kann mir das gut vorstellen." Die Landshut im Kraichgau? "Das", stellt Michael Einkörn klar, "kann man ausschließen."

Besucherandrang am Tag der offenen Tür

In Friedrichshafen dürfte die Landshut noch eine Weile im Hangar verbringen. Die offenbar schlampig aufgebrachte schmutzgraue Farbe bedeckt nur dürftig die Lackierung des letzten Besitzers, der brasilianischen Airline TAF. Die Kabine ist leer geräumt, portugiesische Aufschriften über die Maximal- Ladung stehen an den Wänden. Ob und in welchem Umfang die Kabine mit den Passagiersitzen wieder hergestellt werden müsste, darüber streiten die Gelehrten. Aber die Maschine sei kein Wrack, tritt der wissenschaftliche Projektleiter Jannik Pfister Gerüchten entgegen. "Sie ist in einem sehr guten Zustand."

Im Eingangsbereich des Dornier-Museums stimmt eine Vitrine auf das Projekt ein. Gezeigt wird ein Original-Instrument, der sogenannte künstliche Horizont, mit dem die Piloten die Fluglage der Maschine bestimmten. Das Originalteil zeigt ein Einschussloch, entstanden bei der Befreiungsaktion 1977, als Mitglieder der Sondereinheit den Terroristen Mahmud im Cockpit erschossen. Ständig fragen Gäste, ob sie die Maschine sehen können. Möglich war das nur beim Tag der offenen Tür. Die Besucher standen Schlange.

"Spätestens 2022" will David Dornier die Dauerausstellung eröffnet sehen. "Möglichst zeitnah", fordert das BKM. Doch vorher müssen sich beide über das Geld einig werden. Dann erst ist die Hängepartie um die Landshut zu Ende.

 


Chronologie: Die Landshut

  • 05.09.1977 Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer wird in Köln von einem RAF-Kommando entführt.

  • 13.10.1977 Vier Palästinenser entführen in Absprache mit der RAF die Lufthansa-Maschine "Landshut" mit 91 Menschen an Bord. Das Flugzeug soll von Palma de Mallorca nach Frankfurt am Main fliegen. Es wird nach Lanarka (Zypern) umgeleitet.

  • 14. - 16.10.1977 Das entführte Flugzeug mit Passagieren an Bord hält sich drei Tage in Dubai auf.

  • 16. - 17.10.1977 Bei dem Zwischenstopp in Aden, Südjemen, erschießen die Terroristen den Flugkapitän Jürgen Schumann.

  • 17.10.1977 Der mehr als 9000 Kilometer lange Irrflug endet in Mogadischu, Somalia.

  • 18.10.1977 Kurz nach Mitternacht stürmt die Anti-Terror-Einheit GSG 9 die Maschine und befreit die 86 Geiseln. Drei der Entführer werden getötet.

  • 18.10.1977 Wenige Stunden nach der Befreiungsaktion werden die RAF-Häftlinge Adreas Baader, Gudrun Ensslin tot in ihren Gefängniszellen aufgefunden. Jan-Carl Raspe liegt im Sterben. Irmgard Möller überlebt.

  • 19.10.1977 Die Leiche von Arbeitgeberprädisent Hanns Martin Schleyer wird mit Kopfschüssen im Kofferraum eines Autos im französichen Mülhausen gefunden.

  • 1985 2002 bis 2008 Die brasilianische Airline TAF nutzt die Landshut als Transportmaschine, dann wird sie ausrangiert und in Fortaleza abgestellt.

  • September 2017 Auf Betreiben des damaligen Außenministers Sigmar Gabriel wird die Maschine, die der Bund mittlerweile gekauft hat, mit zwei Transportflugzeugen nach Friedrichshafen geholt. Ursprünglich sollte sie schon 2019 Teil einer Ausstellung werden. Doch das Projekt verzögert sich.

  • Bis heute Die Landshut steht in einem Hangar des Flughafens Friedrichshafen, sie ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

     


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