Situation in Fußballstadien entspannt sich

Stuttgart  Laut des baden-würtembergischen Innenministeriums ist bei Fußballspielen im Südwesten in den ersten fünf Ligen die Zahl der Verletzten und der Strafanzeigen zurückgegangen. Allerdings musste die Polizei mehr Einsatzstunden leisten.

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Die VfB-Fans feierten im November 2019 den Sieg im Zweitliga-Derby gegen den KSC. Laut Innenministerium war die Begegnung zwischen dem VfB Stuttgart und dem Karlsruher SC in Baden-Württemberg das Spiel in der Vorrunde der Saison 2019/2020, bei dem die Polizei am meisten Einsatzstunden leistete. Foto: dpa

Weniger Verletzte, weniger Polizeikräfte pro Spiel, weniger Strafanzeigen: Die Sicherheitssituation bei Fußballspielen in Baden-Württemberg hat sich verbessert. Dies ist das Ergebnis der Hinrundenbilanz des Innenministeriums der Saison 2019/2020, die der Stimme vorliegt. So gab es in der Vorrunde der aktuellen Saison in den ersten fünf Ligen der Südwest-Vereine 50 Verletzte - und damit fünf weniger als in der Hinrunde der Saison 2018/2019. Pro Spiel gerechnet ging auch die Zahl der eingesetzten Polizeikräfte in diesem Zeitraum von 67 auf 64 zurück. Ebenfalls einen Rückgang gab es bei den Strafanzeigen im Rahmen von Fußballspielen. Hier reduzierte sich die Zahl im Vergleich der Hinrunden von 248 in der Saison 2018/2019 auf 234 in der Saison 2019/2020.

Strobl sieht seine Politik bestätigt

Landesinnenminister Thomas Strobl (CDU) sieht sich in seinem Kurs bestätigt. "Der positive Trend setzt sich fort. Mit dieser guten Ausgangslage gehen wir jetzt in die Rückrunde", sagt Strobl gegenüber unserer Zeitung. Schon in der Hinrunde der Saison 2018/2019 gab es im Vergleich zur Vorsaison einen Rückgang der Einsatzstunden der Polizei bei Fußballspielen im Südwesten. Dasselbe gilt für Strafanzeigen. Lediglich die Zahl der verletzten Personen stieg von damals noch von 36 auf 55 an.

Ausschreitungen beim Zweitliga-Derby

Strobl bewertet die jüngste Entwicklung jedenfalls als Erfolg der von ihm ins Leben gerufenen Stadionallianzen, bei denen Vereine, Verbände, Kommunen, Fanvertreter und die Polizei eng zusammenarbeiten. Die Allianzen gibt es seit 2017. Sie entstanden damals als Folge von Fanausschreitungen beim Zweitliga-Derby zwischen dem VfB Stuttgart und dem Karlsruher SC. "Damit ist es den Sicherheitsakteuren gelungen, das Potenzial der Stadionallianzen abzurufen", so der CDU-Politiker weiter.

Mehr Zuschauer in Stadien

Die Zahlen bewertet Strobl zudem auch deswegen positiv, weil es in der Hinrunde 2019/2020 mit 171 Spielen acht Partien mehr gab als in der Saison 2018/2019. Dies führte auch dazu, dass die Gesamtzahl der Zuschauer in den ersten fünf Ligen bei Spielen in Baden-Württemberg von rund 1,35 auf zuletzt etwa 1,41 Millionen angestiegen ist.

Belastung für Polizei nimmt zu

Als Folge hat allerdings die Gesamtbelastung der Südwest-Polizei von 69 686 auf 70 662 Einsatzstunden zugenommen. Auch die Zahl der in der Vorrunde 2019/2020 eingesetzten Polizisten stieg auf insgesamt 11 016 an. In der Hinserie der Vorsaison sicherten noch 10 926 Polizisten den Bereich rund um das Stadion und die Anfahrtswege zum Spiel. Im Stadion selbst sind dann die Ordner der das Heimspiel austragenden Vereine für die Sicherheit zuständig.

Das Spiel mit den meisten Einsatzstunden (6237) war die Begegnung VfB Stuttgart gegen Karlsruher SC am 24. November 2019. Schon im Vorfeld des Spiels hatte die Polizei rund 600 KSC-Fans festgesetzt. Das Spiel mit den meisten Verletzten (12) war die Begegnung VfB Stuttgart gegen 1. FC Nürnberg am 9. Dezember 2019.

Für Hans-Jürgen Kirstein, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei, ist die Gesamtentwicklung positiv. Kirstein: "Trotzdem sind die Zahlen noch zu hoch."

 

Vereine

Aktuell spielen aus Baden-Württemberg die TSG Hoffenheim und der SC Freiburg in der ersten Liga. Dazu kommen mit dem VfB Stuttgart, dem 1. FC Heidenheim, dem SV Sandhausen und dem Karlsruher SC vier Zweitligisten. In der dritten Liga sind der SV Waldhof Mannheim und die SG Sonnenhof Großaspach aus Baden-Württemberg. In der Regionalliga spielen sieben Südwest-Vereine. In der fünfthöchsten Spielklasse hat Baden-Württemberg eine eigene Oberliga mit 18 Vereinen. 

 

Kommentar: Hohes Risiko

Neues Spiel, neues Glück. Das ist nicht nur das sportliche Motto mit dem Beginn der Rückrunde in den ersten fünf Fußballligen, sondern dies trifft auch auf die Situation der Polizei zu. Für die Beamten, zuständig für die Anfahrtswege der Fans und die Sicherheit rund um die Stadien, sind Fußballspiele enorm zeit- und personalintensiv − und zudem oft verbunden mit einem schwer kalkulierbaren Risiko.

Herrscht zwischen den aufeinandertreffenden Teams eine große Rivalität? Waren Spielverlauf und Ergebnis aus der Perspektive der einen oder anderen Seite ungerecht? Wie hoch ist der Alkoholpegel? Wie viele Hooligans, die schon von vornherein nur auf Gewalt aus sind, halten sich im und rund um das Stadion auf? Die Beweggründe − und mögen diese noch so niedrig sein − für Aggressionen können vielfältig sein.

In Baden-Württemberg ist das Zwischenfazit nach der Vorrunde positiv. Innenminister Strobl kann sich auf die Fahnen schreiben, dass die von ihm ins Leben gerufenen Stadionallianzen wirken. Seitdem bewegen sich die sicherheitspolitisch relevanten Zahlen in die richtige Richtung. Trotzdem: Für die Polizei ist der Aufwand nach wie vor enorm groß. Und mit Blick auf deren Überstundenberg bleibt die Frage offen: Ist es gerechtfertigt, dass eine Sportart eine derart hohe Zahl an Polizeikräften beansprucht?


Michael Schwarz

Michael Schwarz

Chefkorrespondent Landespolitik

Michael Schwarz ist seit 2005 bei der Heilbronner Stimme. Landesregierung, Landtag, Parteien, Fraktionen, Politiker - Schwarz beobachtet rund um die Uhr die landespolitischen Akteure in Stuttgart und geht der Frage nach, ob diese einen guten Job machen.

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