Sichtschutz gegen Autobahn-Gaffer

Region  Das Land Baden-Württemberg will Sichtschutzwände anschaffen, die auf Autobahnen Gaffern die Sicht versperren sollen. Die Heilbronner Polizei zeigt sich skeptisch.

Von Alexander Klug

Wände gegen die Sensationsgier

Etwa nach schweren Verkehrsunfällen können Sichtschutzwände sinnvoll sein, einige solcher Wände sind in Nordrhein-Westfalen bereits im Einsatz. Fotos: Archiv/dpa

 

Eine Hand voll Feuerwehrleute steht rund um das Führerhaus des Lkw auf der Autobahn. Die Fahrbahn ist übersät mit Trümmerteilen, die Retter versuchen, den Fahrer aus seinem Fahrzeug zu befreien. Immer wieder holt ein Feuerwehrmann Werkzeug, die Stimmung ist angespannt.

Doch nicht auf der anderen Seite der Autobahn: Auto- und Lasterfahrer bremsen, nehmen sich Zeit, das Handy zur Hand zu nehmen, die Bemühungen der Retter, den Kampf des Verunglückten um sein Leben zu fotografieren. Das ist kein Ausnahmezustand, sondern eine Szenerie, wie sie regelmäßig auf der überlasteten A6 passiert.

Nachdem viel über den Trend zu hemmungsloser Sensationsgier und mögliche Strafen diskutiert worden ist, will das Land nun noch einen anderen Weg beschreiten und Sichtschutzwände gegen Gaffer bei Verkehrsunfällen anschaffen. Zum Einsatz kommen sollen sie von Mitte des Jahres an. Das teilt ein Sprecher des Verkehrsministeriums in Stuttgart mit. Bereits Anfang Februar wollen Verkehrs- und Innenministerium die Standorte der Wandelemente im Autobahnnetz festlegen. Da die öffentliche Ausschreibung für die Anschaffung der Sichtschutzwände noch aussteht, sind Modell und Kosten noch unklar.

Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen gut

Wände gegen die Sensationsgier

Die Polizei in Bayern hat bereits Sichtschutzwände getestet, in Nordrhein-Westfalen sind sie seit Mai 2015 im Einsatz. "Unsere Erfahrungen mit dem neuen System sind positiv", sagt Stephan Lamprecht. Er ist Sprecher des Landesbetriebs Straßenbau Nordrhein-Westfalen. Der Betrieb kümmert sich um Planung, Bau und Betrieb von Landes- und Bundesstraßen sowie Autobahnen. Der berühmt-berüchtigte Gafferstau in der Gegenrichtung bilde sich in deutlich geringerem Umfang.

"Der Verkehr läuft flüssiger an der Unfallstelle vorbei, wenn es nichts Spektakuläres zu sehen gibt." Er habe von Rettungskräften gehört, dass zudem das subjektive Sicherheitsgefühl hinter einer solchen Sichtschutzwand höher sei.

Wenn die Polizei einen Unfallort erreicht, würden die Beamten je nach Art und Umfang des Unfalls entscheiden, ob Sichtschutz notwendig ist. "In diesem Fall rückt die Autobahnmeisterei mit den Wandelementen aus und baut sie am Unfallort auf", erläutert Stephan Lamprecht. "In rund 100 Minuten von der Bestellung an sollte die Wand angeliefert und aufgebaut sein." Auf bis zu 100 Meter Länge kann die Wand wachsen, an zwölf Standorten sind die mobilen Systeme aus 40 Elementen stationiert. Während der ersten beiden Jahre seien die Wände 88 Mal auf den Autobahnen des Landes im Einsatz gewesen.

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Schon jetzt Wände im Einsatz

Wände gegen die Sensationsgier

Der Schutz der Privatsphäre von Unfallopfern sei sicher wichtig, meint Frank Belz, Sprecher des Polizeipräsidiums Heilbronn. Doch hinsichtlich neuer Sichtschutzwände zeigt er sich skeptisch. "Lkw-Fahrer sehen aus ihren Führerhäusern recht einfach über die Wand hinweg", sagt Frank Belz. Würden die Wände bei einem schweren Unfall gebraucht, sei ähnliche Ausrüstung der Feuerwehr oder des Technischen Hilfswerks auch jetzt schon im Einsatz - nicht nur bei Unfällen, sondern auch bei anderen Delikten, wenn Opfer oder Spuren vor neugierigen Blicken geschützt werden sollen.

Neugier an sich sei durchaus etwas Normales, sagt der Weinsberger Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Dr. Stefan Müller. "Sie ist eine Art Reflex und hat zunächst einmal wenig mit rationaler Kontrolle zu tun." Sie basiere auf Ur-Instinkten, auf mögliche Gefahrenquellen zu reagieren. "Kinder etwa sind von Natur aus neugierig." In zweiter Reihe könne der Verstand aber eingreifen, die Entscheidung treffen zu helfen oder wegzugehen. "Das hat deutlich zugenommen, verstärkt durch die technischen Möglichkeiten. Sie bieten leider die Möglichkeit, Neugier und Sensationslust in einer neuen Dimension auszuleben", sagt Müller. "Smartphones und mobiles Internet sorgen für eine Art Extrakick, das Gesehene schnell weiterzuverbreiten."

Immer mehr Gaffer

"Die Zahl der Gaffer steigt. Selbst Kinder werden von verantwortungslosen Eltern dazu an Unfallstellen gebracht", hatte der Vorsitzende des Kreisfeuerwehrbands Hohenlohe, Wolfgang Brosig, im Nachgang zu einem Verkehrsunfall gesagt. Selbst Opfer würden mit Handys fotografiert und gefilmt und die Bilder schnell in soziale Netzwerke hochgeladen. "Das will niemand selbst erleiden." Bei einem Unfall bei Gaisbach hätten Freunde und Bekannte eines Opfers Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei behindert. Auch durch Passivität sorgten Verkehrsteilnehmer oft dafür, dass Menschen in Not schnelle Hilfe verwehrt bleibe, beklagte Brosig.