S21-Gutachten: Mängel an Brandschutzkonzept

Stuttgart - Die Bahn gerät wegen Sicherheitsdefiziten am alten Stuttgarter Hauptbahnhof und erheblicher Mängel beim Brandschutz bei Stuttgart 21 massiv unter Druck.

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Blick auf den Hauptbahnhof vom Stuttgarter Osten. Rechts oben, direkt über dem U-Bahn-Schild, ist die Grundwassermanagementanlage zu sehen. Foto: Michael Schwarz
Stuttgart - Die Bahn gerät wegen Sicherheitsdefiziten am alten Stuttgarter Hauptbahnhof und erheblicher Mängel beim Brandschutz bei Stuttgart 21 massiv unter Druck.

Nach drei Entgleisungen von Zügen am Stuttgarter Hauptbahnhof binnen weniger Wochen wurde jetzt ein Gutachten bekannt, in dem das Konzept für den Brandschutz in dem geplanten Tiefbahnhof als nicht genehmigungsfähig bezeichnet wird.

Expertise

Es dauere zu lange, die unterirdische Durchgangsstation bei Feuer zu evakuieren, heißt es in der Expertise im Auftrag der Bahn. Zudem nehme das Konzept in Kauf, „dass flüchtende Personen kontaminierte Luft atmen“. Die Fachleute der Baseler Gruner AG resümieren in ihrem Gutachten, „dass derzeit kein gesamthaftes, funktions- und genehmigungsfähiges Konzept“ vorliegt.

Der S-21-Gegner Matthias von Herrmann sprach von einer „Rauchfalle“ im geplanten unterirdischen Bahnhof. Ein vernünftiges Brandschutzkonzept sei mit der derzeitigen architektonischen Planung gar nicht vereinbar. Der Projektsprecher von Stuttgart 21, Wolfgang Dietrich, sagte der „Stuttgarter Zeitung“, dass die Bahn das Gutachten nicht bagatellisiere. Es gebe aber auch „keinen Grund zum Dramatisieren.“

Regierung fordert Aufklärung

Unterdessen forderte die grün-rote Koalition unverzügliche Aufklärung. „Schutz von Leib und Leben genießen für die Landesregierung höchste Priorität“, hieß es in einem Brief der Landesregierung an Bahnvorstand Rüdiger Grube vom Donnerstag. Damit reagierten Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Verkehrsminister Winfried Hermann (beide Grüne) und Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) auf die Expertise.

„Wir erwarten von der Deutschen Bahn, dass die Landesregierung über das Brandschutzgutachten, dessen Hintergründe, das von der Deutschen Bahn geplante weitere Vorgehen und über die zeitlichen sowie kostenmäßigen Implikationen unverzüglich, vollständig und umfassend aufgeklärt wird“, hieß es.

Auch die Grünen-Fraktion forderte mehr Transparenz. Fraktionschefin Edith Sitzmann warnte die Bahn, die Probleme herunterzuspielen. lsw

 

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Ursachenforschung nach Zugentgleisungen

Während sich die Passagiere nach der dritten Zugentgleisung mit den Fahrplanänderungen herumärgern, betreibt die Bahn Ursachenforschung. Warum kam es nach den Zwischenfällen vom 24. Juli und 29. September bereits zum dritten Mal zu einer Entgleisung auf Gleis 10? Warum springen die Waggons immer an der Weiche 227 von den Schienen?

Es herrscht Ratlosigkeit. "Wir müssen die genaue Ursache noch untersuchen", sagt Moritz Huckebrink, Sprecher des Eisenbahnbundesamtes in Bonn. Die Behörde ermittelt gemeinsam mit der Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle. Auch der Sprecher der Deutschen Bahn in Stuttgart verweist auf die laufenden Untersuchungen. Es gibt viele Fragen, aber keine Antworten.

Ermittlungen

Wegen der Zugentgleisung am 29. September hat der Anwalt der Stuttgart-21-Gegner, Eisenhart von Loeper, Anzeige gegen die Deutsche Bahn erstattet. Er wirft dem Unternehmen unter anderem fahrlässige Körperverletzung von Bahnreisenden vor. Auch die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittelt bereits. "Der aktuelle Fall wird in unsere Ermittlungen einfließen", sagt Sprecherin Claudia Krauth. Im Gegensatz zu den ersten beiden Entgleisungen liege beim aktuellen Vorkommnis "nicht der klassische Fall eines Straftatbestandes vor". Dazu müssten Personen gefährdet sein. Wie berichtet, sprang am vergangenen Dienstag ein Intercity ohne Passagiere bei einer Testfahrt von den Schienen.

Die entgleisten Züge und die dauerhaften Weichen-Probleme geben Raum für Spekulationen. So sind sich die Stuttgart-21-Gegner einig darin, dass die aktuellen Schwierigkeiten der Bahn mit dem Missmanagement beim Bau des Milliardenprojekts zusammenhängen.

These

Zu den Gegnern von Stuttgart 21 zählt auch Eugen Hopfenzitz. Der ehemalige Vorsteher des Stuttgarter Hauptbahnhofes kennt diesen wie seine eigene Westentasche.

Seine These: Wegen S 21 wurden die Gleise und einige Bahnsteige 120 Meter nach Norden verlegt. "Der Platz wurde knapp. Da hat man die Kurven bei Gleis 10 einfach enger gemacht", sagt Hopfenzitz. Bei der Weiche 227 folge auf eine Links- sofort eine Rechtskurve. "Es kommt zu einer Überpufferung", so Hopfenzitz. Fährt der Zug von einer in die andere Kurve, würden sich die Puffer verkeilen, die sich am Anfang und Ende der Waggons befinden. Die Folge: Der Zug kann nicht mehr schwenken und entgleist.

Die Gefahr einer Überpufferung steigt, wenn die Waggons geschoben werden, wie bei den entgleisten Zügen. "Nur wenn die Lok die Waggons schiebt, ist ein Aufenthalt von drei Minuten möglich", sagt Hopfenzitz. Ein Lokwechsel im Kopfbahnhof würde zu viel Zeit kosten und die Einhaltung des Fahrplans gefährden.

Für von Loeper sind die Entgleisungen der Beweis dafür, dass die Bahn grobe Fehler macht. Von Loeper: "Die Bahn hat Stuttgart 21 nicht im Griff. Das bestätigt sich auf eklatante Weise." mis


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