Prüfungsverbot für Grafik-Taschenrechner

Stuttgart/Heilbronn  WTR statt GTR: Die Abschaffung des grafikfähigen Taschenrechners im Abitur versetzt Baden-Württemberg aus Sicht der Kritiker „zurück in die Steinzeit“.

Von Lena Klimkeit, dpa
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Ausgerechnet Baden-Württemberg. Rückwärtsgewandt statt zukunftsorientiert bewegt sich das Technologieland, wenn es nach Andreas Eichler geht. Zumindest, was den Mathematik-Unterricht betrifft. „Zurück in die Steinzeit“, nennt der Professor an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg den Vorstoß des Kultusministeriums, grafikfähige Taschenrechner (GTR) von 2017 an in Abiturprüfungen zu verbieten. „So werden wir den Anschluss an andere Länder verlieren“, meint Eichler.

Dass der Mathe-Unterricht der Zukunft moderne Hilfsmittel brauche, finden auch Eichlers Kollegen aus Schule und Wissenschaft. Im Abgeordnetenhaus des baden-württembergischen Landtags erhitzen sich am Mittwoch die Gemüter an dem Erlass, dass es in Zukunft anstelle der kleinen Alleskönner GTR und CAS (Computer-Algebra-System) nur noch standardisierte Wissenschaftliche Taschenrechner (WTR) in der Abi-Prüfung geben soll.

Ein GTR kann beispielsweise Kurvenfunktionen darstellen, bietet aber keine exakten Lösungen etwa zu Fragen nach Höhe-, Tief- und Scheitelpunkten. CAS kann zudem Gleichungen lösen. Der WTR bietet all das nicht. Das Ministerium hat aber noch nicht festgelegt, welches Modell letztlich Standard werden soll. Zu der Anhörung hatten die Fraktionen von CDU und FDP eingeladen.

Prüfungen

„Es heißt ja nicht, dass wir einen technikfreien Unterricht wollen“, sagt Klaus Lorenz, Ministerialdirigent des Kultusministeriums. Grafikfähige Taschenrechner und Computer-Algebra-Systeme würden auch weiterhin in der schulischen Praxis eingesetzt. „Uns geht es zunächst mal um die Prüfungen.“

Denn diese absolvierten Schüler im Land unter ungleichen Bedingungen: Unterschiedliche Taschenrechner, Laptopklassen, Tablet-Versuche und Computersystem-Anwendungen gewährleisteten die Chancengleichheit in Prüfungen nicht mehr. Außerdem gebe es mit den neuen Geräten mehr Möglichkeiten, in Prüfungen zu täuschen.

„Das ist ein Witz“, entgegnet Ralf Scholl vom Philologenverband. Auch Hans-Jürgen Elschenbroich vom Fachverband mathematischer und naturwissenschaftlicher Unterricht ist überzeugt, dass es schon immer eine Vielzahl an Möglichkeiten gab, bei einer Prüfung zu spicken.

Standardrechner 

Lehrerin Sonny Timm jedenfalls will die Rechner in ihrem Unterricht nicht missen. Sie lehrt am Gymnasium Neuenbürg (Enzkreis), das als Modellschule CAS im Mathe-Unterricht erprobt. Den Vorwurf, die Rechenfertigkeit der Schüler lasse wegen der leistungsfähigen Taschenrechner nach, kann sie nicht nachvollziehen. „Der CAS-Rechner übernimmt nicht das mathematische Denken“, sagt Timm. „Das müssen Schüler schon selbst machen.“

Eine der offenen Fragen lautet: Sollen Schüler auf mehreren Systemen gleichzeitig lernen oder erst bei der Prüfung plötzlich mit einem weniger leistungsfähigen Gerät arbeiten? Darauf gibt das Ministerium noch keine Antwort. Fest stehe aber: Die CAS-Modellschulen werden auslaufen. „Ein Standardrechner passt zu den Bildungsstandards im Abitur und führt zur Standardisierung an den Schulen“, resümiert Lorenz.

Der Ansicht des Kultusministeriums nach hat die Anhörung ein verzerrtes Bild der Realität widergegeben, auch das Ministerium lege großen Wert auf eine zeitgemäße Didaktik des Mathematik-Unterrichts. „Es geht darum, was didaktisch sinnvoll ist und was nicht.“

 


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