Nach langem Tauziehen Verzögerung bei Heroin-Abgabe

Karlsruhe - Schwerstabhängige müssen auf dem Land länger als erwartet auf die kontrollierte Abgabe von künstlichem Heroin warten. Während Ballungsräume wie Stuttgart, Karlsruhe und Mannheim schon in den Startlöchern stehen, stellen sich in anderen Landesteilen Baden-Württembergs noch ganz grundsätzliche Fragen: Wo soll der Ersatzstoff Diamorphin überhaupt abgegeben werden? Lohnt sich der Aufbau eines Zentrums bei nur wenigen Drogenabhängigen? Und noch wichtiger: Wer bezahlt das Ganze?

Heroinabgabe
Die Spritze auf dem Tablett enthält den Wirkstoff Diamorphin, also synthetisch hergestelltes Heroin (Archivbild).
Karlsruhe - Schwerstabhängige müssen auf dem Land länger als erwartet auf die kontrollierte Abgabe von künstlichem Heroin warten. Während Ballungsräume wie Stuttgart, Karlsruhe und Mannheim schon in den Startlöchern stehen, stellen sich in anderen Landesteilen Baden-Württembergs noch ganz grundsätzliche Fragen: Wo soll der Ersatzstoff Diamorphin überhaupt abgegeben werden? Lohnt sich der Aufbau eines Zentrums bei nur wenigen Drogenabhängigen? Und noch wichtiger: Wer bezahlt das Ganze? Noch im vergangenen November war der Landtag davon ausgegangen, spätestens Mitte dieses Jahres mit der Abgabe zu beginnen.

„Ich rechne damit, dass die Zahl der infrage kommenden Schwerstabhängigen im Großraum Ravensburg unter zehn liegt“, sagte der Chefarzt in der Abteilung für Suchterkrankungen an der Psychiatrie Weissenau, Thomas Fritschi. Auch in anderen Städten habe sich nach ersten Zählungen gezeigt, dass die zunächst angenommene Zahl deutlich zu hoch gegriffen war.

Auf dem Land seien viele der Abhängigen außerdem nur schwer erreichbar. In Kreisen mit wenigen Schwerstabhängigen entständen zudem unverhältnismäßig hohe Kosten. „Ich sehe hier für die Finanzierung derzeit schwarz“, sagt Fritschi.

Heilbronn: Zahl der Abhängigen überschaubar

Neben Stuttgart, Karlsruhe und Mannheim könnte es nach Ansicht der „Arbeitsgemeinschaft Substitution“ in den Großräumen Freiburg, Heilbronn, Singen, Ulm, Ravensburg und Tübingen/Reutlingen Zentren für die Diamorphinabgabe geben. Das Sozialministerium schätzt, dass im Südwesten 200 bis 300 Drogenabhängige für eine Behandlung mit dem Heroin-Ersatzstoff infrage kommen. Sie müssen mindestens 23 Jahre alt und seit mehr als fünf Jahren abhängig sein. Außerdem müssen sie bereits zwei erfolglose Therapien mit Methadon hinter sich haben.

Auch im Großraum Singen wird bisher abgewartet. „Konkrete Standorte sind bisher nicht ausgewiesen“, sagte Wolfgang Höcker vom Zentrum für Psychiatrie Reichenau. „Wir warten den Kabinettsbeschluss ab. Wenn es im Land als Behandlungsmöglichkeit akzeptiert ist, werden wir sehen, ob und wie wir es machen.“ Auch in Heilbronn ist die Zahl der Abhängigen nach Angaben eines Stadtsprechers „überschaubar“, Finanzierung, Ausgabestelle und Konzeption noch offen.

Die Regierung will sich Anfang Juni mit dem Thema beschäftigen. Dabei muss sie etwa klären, ob und wie das Land die Kommunen unterstützt und wie die Abgabe im Südwesten genau aussehen soll.

„Die kleinen Städte werden sich erstmal anschauen, wie es in den großen Städten läuft“, sagte der Drogenbeauftragte der Stadt Karlsruhe, Rainer Blobel. Karlsruhe war eine von fünf Städten des Bundesmodellprojekts künstliches Heroin für Schwerstabhängige. Bereits seit 2002 gibt es hier 30 Therapieplätze für Schwerstabhängige, weitere 70 Patienten werden mit anderen Ersatzstoffen wie Methadon behandelt. „Wir in Karlsruhe machen einfach weiter wie bisher“, sagte Blobel. Auch in Stuttgart steht das Konzept.

„Wir können zu Beginn des nächsten Jahres anfangen, wenn die Finanzierung sicher ist“, sagt der Geschäftsführer der Stuttgarter Drogenberatung Release, Ulrich Binder. Nach einem Bericht der „Stuttgarter Zeitung“ übernimmt das Land voraussichtlich einen wesentlichen Teil der Kosten für das Sicherheitskonzept in der Landeshauptstadt. Die Kosten würden auf 120.000 bis 150.000 Euro geschätzt, hieß es. In Stuttgart geht es um 30 bis 50 Betroffene.

In Karlsruhe läuft das Projekt bisher auf Kosten der Stadt. Vom 1. Juli an ist Diamorphin eine Leistung der gesetzlichen Krankenkasse. „Wir hoffen, dass die KV-Leistungen die Kosten dann tatsächlich auch abdecken werden“, sagte Joachim Holzapfel, Leiter der Karlsruher Ambulanz der Arbeiterwohlfahrt, die das künstliche Heroin ausgibt. Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) müssen noch festlegen, wie viel die Ärzte für die Diamorphinbehandlung bekommen.

Teures Konzept

Das geforderte Sicherheitskonzept für die Praxen ­ also etwa ein Tresor und ein einbruchssicherer Raum -, sowie die Qualifikation der Ärzte sind teuer. Der Vorsitzende des Fachverbandes Drogen und Rauschmittel, Thomas Bader, hält die geforderten Rahmenbedingungen für „völlig überzogen“. An diesen Sicherheitsanforderungen werde „vieles scheitern“.

Ein weiteres noch nicht geklärtes Thema sei die Finanzierung der dringend nötigen psychosozialen Betreuung. Sie ist Sache der Landkreise und Kommunen. „Die Städte können das nicht finanzieren“, sagte Bader. Im Modellprojekt sei die obligatorische sechsmonatige Betreuung gesichert gewesen, in der Regelversorgung sei sie es nicht. Für 30 bis 50 Klienten sei mindestens ein Sozialarbeiter nötig. dpa



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