Mittelalter zum Mitmachen

Meßkirch  Eine mittelalterliche Klosterstadt mit den Mitteln der damaligen Zeit aufbauen. Das ist das Ziel des Campus Galli am Rande der Schwäbischen Alb. Anfangs hat kaum jemand daran geglaubt. Doch es geht vorwärts - trotz vieler Schwierigkeiten.

Von Jens Dierolf

Hannes Napierala sagt, er habe zu Beginn selbst nicht an das Projekt geglaubt. Ein paar Verrückte wollen Mittelalter spielen − so sei das gängige Bild damals über die geplante karolingische Klosterstadt in Meßkirch am Rande der Schwäbischen Alb gewesen. Und seine eigene Meinung, räumt Napierala ein, habe sich beim ersten Blick von außen gar nicht so sehr davon unterschieden. Bis er sich genauer informierte und begeistern ließ. Seit 2014 ist der promovierte Archäologe nun Geschäftsführer des Campus Galli.

Das waghalsige Projekt, eine Mittelalterstadt mit den Werkzeugen dieser Zeit zu bauen, beginnt mit vagen Ideen vor mehr als zehn Jahren. Napierala ist in Meßkirch zur Schule gegangen, als das Projekt Gestalt annimmt, lebte er nach seinem Studium in Tübingen in München. Als er einsteigt, ist zwar der Anfang gemacht, doch mit rechtlichen und finanziellen Problemen steht das Projekt wieder einmal auf der Kippe. 2014 ändert das Team die Organisationsstruktur, gewinnt viele Meßkircher als Unterstützer. Und inzwischen geht es spürbar aufwärts. Auch mit den Besucherzahlen im Museumsdorf.

Besucherzahl ist rasant gestiegen

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Hannes Napierala.  

12.000 waren es im ersten Jahr 2013, für dieses Jahr rechnet der Geschäftsführer bereits mit 95.000 Gästen. Einzig die Hitzewelle könnte die Zahl noch drücken. Optimismus gehört bei Campus Galli ohnehin zum Geschäftsmodell. "Einfach will ich gar nicht", sagt Napierala. Organisches Wachstum ist sein Ziel. Das gilt einerseits wirtschaftlich, andererseits für das Mittelalterdorf selbst. Denn noch steht kein einziges Steinhaus, nur Holzhäuser und -scheunen sind zu sehen.

Zum möglichst originalgetreuen Aufbau gehört, dass erst ein provisorisches Dorf geschaffen wird, ehe mit den 50 Steingebäuden begonnen wird. Allenfalls Ansätze der geplanten Klosteranlage sind derzeit zu sehen. Der einzige Steinbau ist eine Mauer, die den künftigen Friedhof und Obstgarten umschließen wird. Vieles hier verläuft nach dem Motto Versuch und Irrtum. "Der ursprüngliche Mörtel hat nicht funktioniert", berichtet Napierala. "Jetzt haben wir die Rezeptur angepasst und die Mauer besser vor Witterungseinflüssen geschützt." Der Bau macht Fortschritte, das Wissen wächst. Ohne Lerneffekte sind keine stabilen Steingebäude möglich.

Bei aller Historie: Es gelten die Bauvorschriften von heute

Die verwendeten Materialien sollen die des 9. Jahrhunderts sein, doch es gelten die Bauvorschriften von heute. Das Landratsamt Sigmaringen erteilt die Genehmigungen. Mehr als 80 Meter lang soll die Seitenlänge der geplanten Klosterkirche werden. Angesichts einiger weniger Holzbauten, die bereits stehen, darunter eine Holzkirche, wirkt das Vorhaben noch immer wie eine tollkühne Vision.

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Hier wird der Mörtel für die Friedhofsmauer gemischt. Inzwischen kennen die Mitarbeiter das richtige Verhältnis von Kalk und Sand. Fotos: Dierofl  

"Der Weg ist das Ziel", sagt Napierala gelassen. Bis die Siedlung in Anlehnung an den St. Galler Klosterplan aus dem 9. Jahrhundert fertiggestellt ist, werden schließlich noch viele Jahre vergehen. Eine Bauzeit von 40 Jahren ist das Ziel. Das erste Steingebäude des Campus Galli, ein Abtshaus, könnte in fünf Jahren fertig sein, schätzt der Geschäftsführer.

Anfangs gab es wissenschaftliche Kritik. Nun, so berichtet Napierala, arbeitet das Team, zu dem auch die Brackenheimerin Verena Scondo gehört, mit Universitäten und Mittelalterexperten zusammen: Doch auch hier herrscht nicht immer Einigkeit: Wie etwa lässt sich die Siedlung, die später zehn des 25 Hektar großen Geländes umfassen soll, an das Gelände in Meßkirch anpassen? "Den Maßstab können wir nicht genau einhalten, aber die Proportionen", sagt Napierala. Diskutiert wird regelmäßig. Wie genau lässt sich der Klosterplan lesen? Und welche Werkzeuge gab es im 9. Jahrhundert überhaupt?

Ein Vorbild für die Klosterstadt ist das Burgbauprojekt Guédelon in Frankreich. Man steht in Kontakt, doch der Lerneffekt ist begrenzt. "Wer glaubt, es hätte im Mittelalter keine Innovationen gegeben, der irrt", sagt Napierala. Zwischen Meßkirch und Guédelon aus dem 13. Jahrhundert liegen die Neuerungen vieler Generationen. "Die Umwelt bestimmt das Material und das Material das Aussehen eines Gebäudes." Die Bautechnik mit den unterschiedlichen Gesteinsarten vor Ort sei deshalb nicht vergleichbar.

Besucher sind beim Aufbau live dabei

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Mitarbeiter Nikolaj Feldbusch macht Mittagspause an seinem Arbeitsplatz, der Schreinerwerkstatt. Hühner und ein Hahn sind seine Gäste.  

Die Besucher erleben Campus Galli als ein weitläufiges Freilichtmuseum. Mit dem Unterschied, dass sie beim langsamen Aufbau der Klosterstadt live dabei sind. Die Mitarbeiter tragen Leinengewänder, Landwirte dreschen eine alte Roggenart, die Halme werden zum Decken eines Scheunendachs verwendet. An der Friedhofsmauer mischen zwei Männer aus Sand und Kalk den Mörtel. Nikolaj Feldbusch, ein Mann mit Rauschebart und einer herzlichen Gelassenheit, bearbeitet geduldig Holznägel an seiner Werkbank. Als Langzeitarbeitsloser ist er zu Beginn des Projekts dazugestoßen, inzwischen ist er fest angestellt.

Nebenan bearbeitet Thorsten Mutzke, im richtigen Leben Chemieingenieur aus Reutlingen, mit seinem Sohn Jonah (11) ebenfalls Holznägel. Die beiden verbringen hier ihren Vater-Sohn-Urlaub. Arbeiten ohne Druck, der Umgang mit Materialien, das Handwerk − all das fasziniere ihn, schwärmt Mutzke. Eine Woche bleiben sie. Zu kurz, um sich an die Geschwindigkeit eines Lebens von vor 1200 Jahren anzupassen, findet er. Alles ist langsamer in der mittelalterlichen Kulisse. Nur die Rückenschmerzen am Abend sind ganz real.

Fördergelder werden weniger

Ob sich der Campus Galli in absehbarer Zeit finanziell trägt, ist ungewiss. Noch ist das Team auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Das Land und die EU haben das Projekt gefördert, die Stadt Meßkirch eine Anschubfinanzierung in Höhe von 400.000 Euro bereitgestellt. 100.000 Euro Zuschuss der Stadt werden es in diesem Jahr noch sein. Der Fremdanteil sinkt, die Einnahmen durch die Besucher steigen.

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Ein Mann bereitet das Stroh für ein Scheunendach vor.  

Nach der ursprünglichen Kalkulation sollte sich das Projekt bei 120.000 zahlenden Gästen pro Jahr selbst finanzieren. Weit ist man von der Besucherzahl zwar nicht mehr entfernt, doch dieser Plan wird wohl nicht aufgehen. "Je mehr Gäste kommen, desto größer und teurer wird auch unsere Infrastruktur", sagt Napierala. Derzeit sind pro Öffnungstag etwa 35 Mitarbeiter, darunter einige Langzeitarbeitslose und Freiwillige, von Ende März bis Anfang November im Einsatz.

"Jeder Besucher sorgt dafür, dass es hier weiter vorwärts geht", sagt er. Auch die Zahl der Spender soll steigen, damit weitere Baufortschritte gemacht werden. "Wir sind jetzt schon eine der größten Touristenattraktionen", sagt Napierala selbstbewusst. Und die Bedeutung des Campus Galli für die eher strukturschwache Region werde wachsen, ist er überzeugt. Zweifel sind kein guter Ratgeber für ein Vorhaben, das wie der Campus Galli Generationen überdauern soll.


Der St.Galler Klosterplan

Grundlage für die geplante Mittelalterstadt Campus Galli ist der St. Galler Klosterplan, der als älteste überlieferte Architekturzeichnung des Abendlandes gilt. Gezeichnet haben ihn Mönche vor dem Jahr 830 auf der Insel Reichenau am Bodensee. Wie der Name besagt, sollte die karolingische Klosterstadt im schweizerischen St. Gallen entstehen, der Plan liegt vermutlich seit dem 11. Jahrhundert in der Stiftsbibliothek der Stadt.

Der Klosterplan selbst besteht aus fünf zusammengenähten Pergamentblättern, die, wie Wissenschaftler herausgefunden haben, aus der Haut von Schafen hergestellt wurden. Die Originalgröße beträgt 112 mal 77,5 Zentimeter. Insgesamt sind darauf etwa 50 Gebäude eingezeichnet, zum Teil samt Inneneinrichtung wie Betten oder Tische. Darunter die Klosterkirche, ein Gästehaus, die Pilgerherberge, Krankenhaus, Schule, Werkstätten, Ställe sowie ein Friedhof. Auf der Rückseite des historischen Dokuments hat vermutlich ein Mönche im 12. oder 13. Jahrhundert die Lebensgeschichte des Heiligen Martin aufgeschrieben. Experten glauben, dass diese Niederschrift den Erhalt des Dokuments gesichert hat.

Welchen Maßstab der Plan hat, ist nicht genau geklärt. Der Wissenschaftler Florian Huber nennt in einer wissenschaftlichen Arbeit einen Maßstab von 1:160. Dies würde bedeuten, dass die Klosterkirche eine Seitenlänge von mehr als 80 Meter aufweisen sollte − sie wäre damit länger als die Heilbronner Kilianskirche, die etwa 70 Meter lang ist. Das zeigt die gewaltige Dimension des Vorhabens. Vor diesem Hintergrund erscheint eine Vollendung der Klosterstadt innerhalb von 40 Jahren mehr als ambitioniert. Zum Vergleich: Der erste Bauabschnitt des Ulmer Münsters hat 166 Jahre gedauert (1377−1543).