Mehr Angriffe auf Bahnmitarbeiter

Stuttgart  Auch sexuelle Belästigung ist ein Problem: Die Deutsche Bahn meldet Zunahme der Übergriffe auf Zugbegleiter im Südwesten. Das Verkehrsministerium kündigt Maßnahmen an. Unter anderem soll die Videoüberwachung ausgeweitet werden.

Von Michael Schwarz
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Mehr Angriffe auf Bahnmitarbeiter

Das Sicherheitspersonal der Deutschen Bahn ist wegen der Zunahme an Übergriffen in Zügen immer stärker gefordert.

Foto: dpa

Sie werden angegriffen oder auch sexuell belästigt: In Baden-Württemberg nimmt die Zahl der Übergriffe auf die Mitarbeiter der Deutschen Bahn immer weiter zu. 2017 stieg die Zahl nach Angaben der Deutschen Bahn AG auf 298 Fälle an. Dies steht in dem als vertraulich eingestuften Sicherheitsbericht der Deutschen Bahn AG für das Jahr 2017. Das 22-seitige Papier liegt der Heilbronner Stimme vor. Zum Vergleich: Im Jahr 2016 gab es im Südwesten noch 257 Fälle. Im bundesweiten Vergleich wurden in den vergangenen beiden Jahren nur in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Berlin und Hessen mehr Übergriffe auf das Bahnpersonal gemeldet als im Südwesten. Diese Länder bezeichnet die Konzernsicherheit der Deutschen Bahn als "Schwerpunkt-Bundesländer".

Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) fordert die Deutsche Bahn dazu auf, wegen der Zunahme der Attacken auf Bahnmitarbeiter die Sicherheitsvorkehrungen zu erhöhen. "Es ist die Aufgabe des Arbeitgebers − also der Deutschen Bahn − die Mitarbeiter zu schützen. Dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichen, zeigen die aktuellen Zahlen", erklärt der zuständige EVG-Mitarbeiter Marco Rafolt gegenüber unserer Zeitung.

Nahezu eine Verdopplung der Übergriffe gegenüber dem Vorjahr

Für die EVG sind die Zahlen der Deutschen Bahn jedoch noch viel zu niedrig angesetzt. Würden auch leichtere Vorfälle hinzugezählt − also wenn ein Mitarbeiter zum Beispiel von einem Kunden bespuckt oder bedroht würde − sei die Zahl viel höher, heißt es bei der EVG. Der Gewerkschaft seien 2017 im Südwesten nicht knapp 300, sondern rund 700 Übergriffe auf Zugbegleiter oder Lokführer gemeldet worden. "Nach unseren Recherchen ist dies nahezu eine Verdopplung der Übergriffe gegenüber dem Vorjahr", erklärt der Stuttgarter EVG-Geschäftsstellenleiter Martin Herion. Auch diese Zahl sei vermutlich noch nicht das Ende der Fahnenstange. "Nach Gesprächen mit unseren Kollegen müssen wir leider auch von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, da aus unterschiedlichen Gründen von einer Anzeige abgesehen wird", sagt Herion.

Das Stuttgarter Verkehrsministerium teilt auf Anfrage unserer Zeitung mit, dass es gerade dabei sei, die Sicherheitssituation im gesamten Schienenpersonennahverkehr Baden-Württembergs abzufragen. Eine gewisse Zunahme bei den Übergriffen auf Bahnbedienstete ließe sich "nach den vorliegenden Angaben nachvollziehen", so ein Sprecher. Er verweist darauf, dass seit Ende 2016 in den Zügen der DB Regio "Sicherheitspersonal in Doppelstreife" eingesetzt werden.

Mehr Zugbegleiter sollen Sicherheitsgefühl erhöhen

Der Sprecher Hermanns erklärt weiter, das Land Baden-Württemberg habe in den neuen Verkehrsverträgen "nochmals erheblich die Zugbegleitquote ausgeweitet". Damit solle insbesondere auch das Sicherheitsgefühl der Fahrgäste verbessert werden. "Weiter sieht die Ausstattung neue oder modernisierte Fahrzeuge mit Videoüberwachung und Sprechstellen in den Eingangsbereichen vor. Gemeinsam mit den Eisenbahnverkehrsunternehmen und der Bundespolizei stehe man zudem ständig wegen der Sicherheitsfragen in Kontakt. SPD-Innenexperte Sascha Binder bezeichnet die Zunahme der Übergriffe als "erschreckend". Er fordert von Bahn und Bundespolizei ein Einsatzkonzept zum besseren Mitarbeiterschutz.

Laut der EVG tragen viele Kolleginnen sogar Pfefferspray während des Dienstes mit sich. Rafolt stellt klar: "Sexuelle Belästigungen von Zugbegleiterinnen sind inzwischen ein Problem."


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