Landwirte verschaffen sich Gehör

Stuttgart  Zum Auftakt der Internationalen Grünen Woche in Berlin haben am Freitag bundesweit erneut Tausende Landwirte mit Traktoren gegen strengere Umweltschutzregeln der Politik demonstriert. Auf zahlreichen Bundesstraßen versammelten sich Treckerfahrer am Morgen zu Sternfahrten nach Berlin und in andere größere Städte.

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Mehr als 1000 Traktoren waren nach Polizeiangaben auf den Cannstatter Wasen nach Stuttgart gerollt, der Veranstalter der Sternfahrten, "Land schafft Verbindung" spricht von 2500 Fahrzeugen. Allein aus den Landkreisen Heilbronn und Hohenlohe sind nach Schätzung der Veranstalter rund 450 Teilnehmer nach Stuttgart gefahren. In der Landeshauptstadt war es in den Morgenstunden zu massiven Verkehrsbehinderungen gekommen. Wegen der zeitweise verstopften Einfallsstraßen kamen die Teilnehmer der Kundgebung verspätet an. Der Beginn der Veranstaltung wurde deshalb um mehr als eine Stunde verschoben. Auch nach Ende der Protestkundgebung waren die Straße wegen der abfahrenden Traktoren wieder verstopft.

Protest richtet sich gegen das Agrarpaket der Bundesregierung

Alexander Kern von "Land schafft Verbindung", sagte bei der Kundgebung, inzwischen sei die Politik auf die Probleme der Landwirtschaft aufmerksam geworden. Das reiche aber noch nicht aus. Die Diskussion über die Themen müsse mit den Bauern und frei von Ideologie geführt werden.

Der Protest richtet sich gegen das Agrarpaket der Bundesregierung, das etwa ein staatliches Tierwohl-Label und ein Aktionsprogramm Insektenschutz mit Einschränkungen beim Pestizid-Einsatz vorsieht. Die Landwirte ärgern sich aber auch über die Forderungen des Bienen-Volksbegehrens für mehr Artenschutz oder das Mercosur-Freihandelsabkommen der EU.

Auf Plakaten war zu lesen: "Ohne Landwirtschaft wirst Du hungrig, nackt und nüchtern" oder "Artenvielfalt nur mit uns Bauern" sowie "Agrarpolitik wir reden mit". Im Land gibt es nach der amtlichen Statistik 39 600 Betriebe, die durchschnittliche Größe liegt bei jeweils knapp 36 Hektar.

Landwirte verschaffen sich Gehör

Rollender Protest: Traktor mit Transparent in Stuttgart.

Foto: dpa

Hohenloher Grünen-Abgeordneter findet die Proteste nachvollziehbar

Die Bauern müssten finanzielle Unterstützung für umwelt-, natur-, klima- und tiergerechtes Wirtschaften erhalten, meint Harald Ebner, B90/Die Grünen), Bundestagsabgeordneter für Hohenlohe, zu den Protesten in Stuttgart und im ganzen Land. "Die verfehlte Kopf-in-den-Sand-Agrarpolitik der Bundesregierung, die schon seit vielen Jahren alle dringend anstehenden Reformen abblockt, wird zu Recht von allen Seiten scharf kritisiert." Es sei gut und wichtig, dass immer mehr Bauern ihren Unmut kundtun, sagt Ebner.

Derzeit ist der 55-Jährige anlässlich der Grünen Woche in Berlin unterwegs, am Samstag wird er bei den Demos vor Ort sein. In der Grünen-Fraktion ist Ebner Sprecher für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik. Die Landwirtschaft stehe vor großen Herausforderungen, erklärt Ebner: "Klimakrise, Artensterben, Belastung von Böden und Wasser und eine Tierhaltung, die gesellschaftlich immer weniger akzeptiert wird, sind die drängendsten Probleme." Wenn es nach Ebner geht, hätte sich die Bundesregierung längst für Reformen einsetzen müssen: "Reinen Flächenbesitz statt ökologische, gesellschaftliche oder Tierschutzleistungen zu belohnen, ist schon lange nicht mehr vermittelbar." Zudem müssten Landwirte dabei unterstützt werden, weniger Pestizide einzusetzen und auf giftfreie Alternativen umzusteigen.

Den Nerv der protestierenden Bauern getroffen

"Die Stimmung hier ist bombig", sagte Johannes Wilhelm (19) aus Mulfingen-Hohenrot. Der Ferkelerzeuger ist zufrieden mit den Redebeiträgen, die den Nerv der protestierenden Bauern getroffen hätten. Der Junglandwirt will vor allem eines erreichen: dass die Existenz seines Betriebs langfristig gesichert ist. "Wir brauchen Verlässlichkeit für die nächsten zehn Jahre, und nicht alle zwei Jahre neue Gesetze."

Wolfgang Kölle (45), Landwirt und Weinanbauer aus Bönnigheim und Mitglied von "Land schafft Verbindung", ist seit der Aktion vom Freitag optimistischer. In den Redebeiträgen der Politiker sei deutlich geworden, das sich in den letzten Monaten seit Aufflammen der Proteste viel getan habe: "Man hört uns jetzt zu."


Netzwerk

Die Initiative "Land schafft Verbindung" wurde am 1. Oktober 2019 als Facebook-Gruppe vor allem von jüngeren Branchenvertretern gegründet. Innerhalb von wenigen Stunden wuchs die Gruppe auf mehrere tausend Menschen. Heute sind nach Angaben der Initiative etwa 30 000 Menschen bei Facebook und etwa 100 000 bei WhatsApp vernetzt. Die Initiative wird von Bundesländerteams koordiniert. Es gab bereits zwei frühere Demos der Initiative in Stuttgart, am 22. Oktober und am 18. Dezember.


Jörg Kühl

Jörg Kühl

Autor

Jörg Kühl arbeitet seit 2020 als Redakteur der Heilbronner Stimme.

Ralf Reichert

Ralf Reichert

Redaktionsleiter Hohenloher Zeitung

Ralf Reichert ist seit Oktober 2006 Redaktionsleiter der Hohenloher Zeitung. Die Region Hohenlohe ist seit jeher seine journalistische Heimat. Er kam vom Haller Tagblatt und stammt aus dem Taubertal. Bei der HZ kümmert er sich vor allem um die Kreisthemen. 

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