Kuriose Kampagnen im Stuttgart-21-Wahlkampf

Stuttgart - JA oder NEIN? Keine andere Frage beschäftigt den Südwesten im Moment so sehr. Vor der Volksabstimmung zu Stuttgart 21 wird auf Buttons, Flyern und Plakaten um Stimmen gekämpft. Nicht alle Wahlkämpfer sind dabei erfolgreich.

Von Julia Schweizer, dpa
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Stuttgart - Zehntausende Plakate säumen die Straßen, viele Menschen tragen Buttons oder haben Aufkleber auf ihren Autos. Sie alle haben eine ganz simple Botschaft: „JA“ - oder eben „NEIN“. Der Wahlkampf vor der Volksabstimmung zum Milliardenbahnprojekt Stuttgart 21 ist voll entbrannt. Bis zu 400.000 Euro stecken beide Seiten nach eigenen Angaben in ihre Kampagnen.

Der Verein „ProStuttgart21“ finanziere nicht nur rund 60.000 grau-orangene Plakate sowie Flyer, sondern schaltet gemeinsam mit der Landesvereinigung Baden-Württembergischer Arbeitgeberverbände auch Kinospots. In rund 220 Kinos im ganzen Land sollen sie vor jeder Vorstellung laufen, sagt Organisator Matthias Wesselmann.

Werbeschlacht

Kurz vor der Volksabstimmung zieht das Spendenaufkommen auf beiden Seiten noch einmal an. Die Gemeinschaft „Ja zum Ausstieg“ hatte Spenden für Großflächenplakate gesammelt. Die Aktion war so erfolgreich, dass es gar nicht genug mögliche Standorte für die finanzierten Plakate gab. Insgesamt seien rund 1.000 Plakate gespendet worden, sagt Valentin Funk. Dazu kommen rund 70.000 kleinere Plakate, mehr als 100.000 Buttons und zwei Millionen Flyer.

Einen anderen Weg gehen die Vereine „IG Bürger“ (pro Stuttgart 21) sowie die Initiativen „Aussteiga!“ und die „Info-Offensive“ (gegen Stuttgart 21), die ein vergleichsweise kleines Budget haben. Sie stellen die Druckdaten für Plakate und Flyer den Wahlkämpfern vor Ort zur Verfügung - drucken muss jeder selbst. „Plakate sind nicht das, was letztlich entscheidet, wir konzentrieren uns lieber auf Flyer“, sagt Sebastian Heinel von „IG Bürger“. „Ich denke, dass wir am Ende eine Million Flyer verteilt haben.“

Verfestigte Einstellungen

Doch der Erfolg der Kampagnen ist umstritten. „Die Einstellungen zu Stuttgart 21 ändern sich durch die Betrachtung der Plakate nicht“, berichtet Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim. In einer Studie mit 348 Stuttgartern konnte der Wissenschaftler zeigen, dass trotz des Werbefeuerwerks nur wenige der bislang Unentschiedenen ins Lager der Stuttgart 21-Gegner, und auch nicht viel mehr zu den Befürwortern gewechselt sind. Zwar sind das erst Zwischenergebnisse der Untersuchung. Trotzdem glaubt der Experte, dass die Plakate vor allem der Mobilisierung der eigenen Lager dienen.

Zudem könnten sie helfen, die „nicht zu vernachlässigende Zahl“ derjenigen, die ihr Kreuz noch nicht richtig zuordnen können, aufzuklären. Denn wer für Stuttgart 21 ist, muss am 27. November „Nein“ ankreuzen, wer gegen das Milliardenprojekt ist, muss mit „Ja“ stimmen. „Das ist gar nicht so einfach auf einem Plakat umzusetzen“, sagt Franco Rota von der Hochschule der Medien in Stuttgart.

Besonders gut gelinge das bei der grau-orangenen Plakatserie von „ProStuttgart21“, findet Henning Krause, Präsident des Berufsverbands Deutscher Kommunikationsdesigner. Der Slogan heißt: „Für Stuttgart 21 heißt NEIN beim Volksentscheid“. „In der Frage der Kampagnenverdichtung sind sie am besten und bringen eine Botschaft klar auf den Punkt“, findet Krause.

Drohender Rechststreit

Dem Verein „IG Bürger“ bringen die Motive mit vogelzeigenden Menschen in der Untersuchung der Uni Hohenheim dagegen die schlechtesten Bewertungen ein. Und möglicherweise haben sie auch noch ein juristisches Nachspiel: Denn wegen einer gewissen Ähnlichkeit zu einer früheren Kampagne von Media Markt prüft das Unternehmen derzeit, ob es rechtliche Schritte eingeleitet. Zudem sieht der Fotograf einiger Motive Persönlichkeitsrechte verletzt. Benjamin Thorn hatte die Fotos bei einem kostenpflichtigen Bilderportal hochgeladen. Das Model war erst von einem Bekannten darauf aufmerksam gemacht worden, dass das Bild jetzt auf den Plakaten genutzt wird.
 


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