Kommentar zum Entschluss Kretschmanns: Schwierige Entscheidung

Politik  Ministerpräsident Winfried Kretschmann will bei der Landtagswahl 2021 erneut antreten, der Grüne strebt eine dritte Amtszeit an. Obwohl er zu den beliebtesten Politikern gehört, hat Kretschmann seiner Partei mit dem Entschluss womöglich keinen Gefallen getan, kommentiert unser Kollege.

Kretschmann
Winfried Kretschmann ist seit 2011 Ministerpräsident von Baden-Württemberg.

Zum einen ist Kretschmann, der bislang der erste und einzige Regierungschef der Grünen in einem Bundesland ist, seit Jahren der beliebteste der deutschen Ministerpräsidentenriege. Kretschmann hat dauerhaft herausragende Umfragewerte, weit über die Klientel der Grünen hinaus. Mit Kretschmann an der Spitze wird die grüne Erfolgsstory fortgesetzt, denken viele.

Und in der Tat: Mit keinem anderen Kandidaten haben die Grünen bei der nächsten Landtagswahl wohl bessere Chancen als mit ihm. Doch das ist leider zu kurzfristig gedacht. Langfristig betrachtet ist die Entscheidung Kretschmanns für die Grünen ein Problem.

In den nächsten Jahren werden die wirtschaftlichen Zeiten härter. Es ist davon auszugehen, dass als Folge auch dem Staat deutlich weniger Steuermittel zur Verfügung stehen werden. Ein Zustand, den Kretschmann nicht kennt, konnte er doch in seinen Amtsjahren fast immer aus dem vollen schöpfen. Gibt es weniger zu verteilen, könnten auch schnell die Beliebtheitswerte des Ministerpräsidenten sinken.

Schafft es Kretschmann noch, wichtige Themen anzupacken? 

Bei der nächsten Landtagswahl ist er zudem fast 73 Jahre alt. Mit der Perspektive einer vollen Legislaturperiode wäre Kretschmann am Ende von dieser dann fast 78 Jahre alt. Ob er den Wählern vermitteln kann, dass er Themen wie den Umbau der Industrie, den Wandel in der Mobilität, den Klimaschutz oder auch die Digitalisierung voller Tatkraft anpacken kann, bleibt abzuwarten. Weiter gilt die allgemeine Lebensweisheit: Man soll aufhören, wen es am Schönsten ist. Doch ob im Sport oder auch in der Politik – den richtigen Zeitpunkt für den Absprung schaffen nur die Wenigsten.

In Zeiten von hohen Umfragewerten wäre für die Grünen jetzt der perfekte Moment für den Wechsel an der Spitze gewesen. So hätte ein neues Gesicht voll durchstarten können. Doch diesen Zeitpunkt haben die Grünen mit der Entscheidung Kretschmanns verpasst.

Weiterlesen: Was Kretschmann mit seiner Kandidatur erreichen will 

 

 


Michael Schwarz

Chefkorrespondent Landespolitik

Michael Schwarz ist seit 2005 bei der Heilbronner Stimme. Landesregierung, Landtag, Parteien, Fraktionen, Politiker - Schwarz beobachtet rund um die Uhr die landespolitischen Akteure in Stuttgart und geht der Frage nach, ob diese einen guten Job machen.

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