Kann man sich sein Gegenüber schöntrinken?

Heilbronn  Es heißt, dass man andere Menschen unter Alkoholeinfluss als attraktiver empfindet. Was ist dran an dem Mythos? Die Antwort auf die Frage kennt der Weinsberger Psychiater Hans-Jürgen Luderer.

Von Valerie Blass

Sich sein Gegenüber Schöntrinken - das funktioniert!

Ein Cocktail und schon erscheint die Person gegenüber erotisch anziehender? In begrenztem Umfang scheint das zu funktionieren. Foto: ivanmateev/stock.adobe.com

Unter der Rubrik "Die Gesundheitsfrage" überprüfen wir vermeintliche Gesundheitstipps und allgemeine Weisheiten und gehen der Frage nach: Ist das wirklich medizinisches Wissen oder nur ein Mythos? Heute: Kann man sich sein Gegenüber wirklich schöntrinken?

Laute Lacher der männlichen Kollegen erntet die Redakteurin bei der Ankündigung ihrer Recherche - und die Aussage: "Klar, haben wir alle schon erlebt." Doch der Satz hat durchaus einen ernstzunehmenden Kern, sagt der Psychiater und Psychotherapeut Hans-Jürgen Luderer. 2018 hat eine Analyse unterschiedlicher Studien gezeigt: Männer und Frauen, die geringe Mengen Alkohol getrunken haben, empfinden die Gesichter von Personen anderen Geschlechts als attraktiver als in nüchternem Zustand.

Mit ein bisschen Alkohol im Blut werden Asymmetrien eher ausgeblendet

"Man kann sich eine andere Person also durchaus schöntrinken", sagt Luderer. "Es ist zwar kein großer, aber ein konstant zu beobachtender Effekt." Die Erklärung ist erstaunlich: Nicht die allgemeine Gelöstheit ist offenbar der Grund für das Empfinden, sondern die Tatsache, dass man in diesem Zustand Asymmetrien im Gesicht anderer nicht mehr so gut wahrnimmt - und Symmetrie ist ein wichtiges Attraktivitätsmerkmal. Was sich hingegen mit steigendem Alkoholpegel nicht verändert, ist die Zuschreibung anderer Merkmale wie Intelligenz oder Verlässlichkeit.

Jetzt wird es noch spannender: Durch moderates Trinken - bei Männern entspricht das etwa einem Viertelliter Wein, bei Frauen etwas weniger - empfindet man nicht nur die Person, die man betrachtet, als sexuell anziehender, man steigert dadurch auch die eigene Attraktivität. Das wurde in Studien mit Studenten nachgewiesen. Grund in diesem Fall ist die leichte Veränderung der Haut: Ein bisschen Alkohol steigert die Durchblutung und lässt die Hautfarbe frischer erscheinen - auch eine schöne Haut ist ein Attraktivitätsmerkmal.

Effekt kann schnell kippen

Taugt das nun als Entschuldigung für regelmäßigen Alkoholkonsum? Da rät Luderer zur Vorsicht. Zum einen kann der Effekt bei einem Zuviel schnell kippen. Wer will sich schon mit torkelnden und lallenden Partybekanntschaften einlassen? Zum anderen birgt die enthemmende Wirkung des Alkohols Risiken: Bei so manchem steigt die Aggressivität oder aber die Bereitschaft, ungeschützten Sex zu haben.

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Der Experte: Hans-Jürgen Luderer (69) war bis Ende 2014 Chefarzt im Klinikum am Weissenhof in Weinsberg. Heute arbeitet er weiterhin als Psychiater und Psychotherapeut.

 

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