Kandidaten-Show haucht SPD neues Leben ein

Filderstadt  Bewerber für den SPD-Vorsitz präsentieren Konzepte für die Zukunft ihrer Partei. Fünf Minuten haben sie dafür Zeit. Trotz herrlichem Sommerwetter ist die Filharmonie in Filderstadt mit rund 1000 Besuchern gut besucht.

Von Peter Reinhardt
Kandidaten-Show haucht SPD neues Leben ein

Die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken und der ehemalige NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans werden von Juso-Chef Kevin Kühnert unterstützt.

Foto: dpa

Am Ende der zweieinhalbstündigen Kandidaten-Show fassen sich die Bewerber für den SPD-Vorsitz auf der Bühne bei den Händen und verneigen sich. Das Publikum applaudiert den Frauen und Männern, die zuvor eine bunte Palette von Rezepten zur Heilung ihrer siechenden Partei präsentiert haben. "Sehr lebendig", findet der baden-württembergische Parteichef Andreas Stoch, sei es bei der Präsentation in der mit 1000 Besuchern gut gefüllten Filharmonie in Filderstadt zugegangen. Sascha Binder, Generalsekretär der Südwest-SPD, hätte sich "ein bisschen mehr Schlagabtausch gewünscht".

SPD scheut weder Kosten noch Mühen 

Die SPD scheut in diesem Herbst weder Kosten noch Mühen, um sich schon durch den Wettbewerb um ihre künftige Führung selbst neues Leben einzuhauchen. In Filderstadt geht die neunte von 23 Kandidatenvorstellungen über die Bühne. An diesem Samstagnachmittag fehlen nur zwei der 15 Bewerber. Sogar Generalsekretär Lars Klingbeil ist für ein kurzes Statement ins Schwäbische gekommen. "Wir brechen mit den Ritualen der Vergangenheit", beschreibt er den Prozess zur Auswahl der Vorsitzenden durch die Basis. Dass das so lange dauere, sei kritisiert worden, räumt er ein. Inzwischen sieht er sich bestätigt: "Die letzten Wochen geben uns recht." Ähnlich klingt es bei Stoch: "Ich hatte ein bisschen Schiss." Aber es könne nicht mehr so weitergehen, dass "der, der geht, sagt, wer es werden soll".

Nur fünf Minuten Zeit pro Präsentation 

Die Organisatoren haben die Präsentation in ein strenges Zeitkorsett gepresst. Fünf Minuten bekommt zunächst jedes Duo und der Einzelbewerber Karl-Heinz Brunner für die Vorstellung des eigenen Konzepts. Schon da zeigt sich, dass Parteivize Ralf Stegner und Gesine Schwan zu den Lieblingen der Basis gehören. "Wir wollen inhaltlich und menschlich zusammenführen", sagt die 76-jährige Schwan.

Als "frische Gesichter der SPD" präsentieren sich Staatsminister Michal Roth und die frühere nordrhein-westfälische Familienministerin Christina Kampmann, die mit 38 Jahren die jüngste im Bewerberfeld ist "Wenn ihr uns wählt, traut ihr Euch was", wirbt Roth für einen echten Neuanfang. Das Publikum ist durchaus angetan.

Kämpferische Reden der Duos 

Obwohl die Calwer Bundestagsabgeordnete Saskia Esken ein Heimspiel hat, tut sie sich mit ihrem Partner Norbert Walter-Borjans deutlich schwerer. Die Parteilinke und der frühere nordrhein-westfälische Finanzminister werden von Juso-Chef Kevin Kühnert unterstützt. Und manche Wortmeldung aus dem Publikum erinnert an die "Anregungen für mögliche Fragen", die bei den Juso kursieren. Die Vorlagen sollen eher konservative Kandidaten unter Druck setzen und den links ausgerichteten helfen. Sicher kann man Finanzminister Olaf Scholz mit der Frage, ob die schwarze Null als Haushaltsziel angesichts der für den Klimaschutz notwendigen Investitionen noch sinnvoll ist, mehr Probleme bereiten als zum Beispiel der Linken Hilde Mattheis.

Einen schweren Stand hat Scholz beim sozialdemokratischen Wünsch-dir-was auch bei der Frage, ob die SPD möglichst schnell die Groko in Berlin verlassen soll. "Nichts von dem, was wir wissen, können wir in der großen Koalition durchsetzen", donnert der Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach in den Saal und erntet viel Beifall. Scholz dagegen erinnert in seiner sachlichen Art an den Fahrplan, dass der Parteitag nach einer inhaltlichen Bewertung entscheiden soll. Später wird dann der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius für seinen Hinweis gefeiert, die Groko-Gegner müssten mal sagen, wie es nach dem Ausstieg weitergehen soll: "Wollt ihr all das, was wir wollen, in der Opposition durchsetzen?"

Trotz solcher Widersprüche sind die Besucher von der Präsentation sehr angetan. "Ich finde das schon hilfreich", sagt zum Beispiel Tina Werner. Beim Live-Auftritt sehe man, welches Team gut funktioniert. Sie hat zwei Duos in der engeren Wahl.

Fahrplan zur Wahl

Inzwischen sind neun der 23 Vorstellungsrunden mit den Kandidaten für die künftige SPD-Spitze absolviert. Bis Mitte Oktober soll die Tour durch die Republik abgeschlossen sein.
Vom 14. bis 25. Oktober können die Mitglieder entweder online oder per Brief über das Kandidatenduo ihrer Wahl abstimmen. Am 26. Oktober wird das Ergebnis veröffentlicht.

Es gilt als unwahrscheinlich, dass im ersten Wahlgang eines der sieben Duos die erforderliche Mehrheit bekommt. Zwischen dem 19. Und 29. November sollen die Mitglieder in einer Stichwahl zwischen den Plätzen 1 und 2 entscheiden. Aus formalen Gründen muss der Parteitag Anfang Dezember das Votum der Basis bestätigen.


Kommentar: Trügerische Sicherheit

Die SPD hat sich bei der Auswahl ihrer künftigen Führung  für einen langwierigen und mühsamen Prozess entschieden. Die sieben Duos und der wahrscheinlich chancenlose Einzelbewerber tingeln durch 23 Hallen und stellen sich der Basis. Immerhin: Zur Halbzeit der Tour sind die schlimmsten Befürchtungen der Organisatoren nicht eingetreten. Die rund 1000 Besucher am Wochenende in Filderstadt bei Stuttgart zeigen, dass zumindest die Mitglieder weiter Interesse an ihrer Partei haben und sich an der inhaltlichen Neuausrichtung rege beteiligen.

Erster Erfolg im aktuellen Stimmungstief

Das ist im aktuellen Stimmungstief ein erster Erfolg. Und bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg vor zwei Wochen hat die Partei durch die offene Führungsfrage nicht zusätzlich gelitten. Über den Ausgang des Kandidatenrennens sagen die Vorstellungsrunden allerdings wenig aus. Denn dorthin kommt nur ein kleiner Bruchteil der 430.000 Mitglieder.

Wie die große schweigende Mehrheit mit dem Überangebot von sieben Bewerberpaaren klarkommt, ist völlig offen. Ohnehin ist nicht garantiert, dass die Favoriten der Live-Veranstaltungen auch die besten Vorsitzenden werden. Denn zur Führung der Traditionspartei ist mehr notwendig als 1000 Besucher mit ein paar prägnanten Sprüchen zu begeistern.

Alles ist offen

Das zeigt ein Blick auf die Grünen. Dort reüssiert gerade Robert Habeck als Parteichef, obwohl der zuvor im Wettbewerb der Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl bei der Basis durchgefallen war. Ob die SPD-Mitglieder ein glückliches Händchen hatten, wird sich erst im realen Politikbetrieb und dem Umgang mit den Wählern zeigen.

 


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