"Jeder Zoo hat Luft nach oben"

Interview  Wilhelma-Direktor Thomas Kölpin sieht bei Standards der Tierhaltung im Zoo Nachholbedarf. Mit Koalas bekommt die Wilhelma bald neue Sympathieträger.

Von Alexander Hettich

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Wilhelma-Direktor Thomas Kölpin mit Elefantendame Zella. Ein neues Gehege soll Platz für 14 Dickhäuter bieten. Foto: Berger

Touristenmagnet, Freizeitpark und wissenschaftliche Einrichtung: Es ist ein Spagat, den die Wilhelma in Stuttgart vollführt. Dr. Thomas Kölpin, seit vier Jahren Direktor des zoologisch-botanischen Gartens, will neue Akzente setzen und sieht insbesondere bei Standards der Tierhaltung Nachholbedarf. Mit Koalas könnte die Wilhelma bald einen neuen Sympathieträger bekommen. 

Was macht einen guten Zoo aus?

Thomas Kölpin: Moderne Zoos haben vier Hauptaufgaben: Artenschutz, Bildung, Forschung und Erholung. Wenn ein Zoo alle diese vier Aufgaben ernst nimmt, ist das die eine Hälfte. Die andere ist die Tierhaltung, da wollen wir hohe Maßstäbe erreichen.

 

Und ist die Wilhelma nach diesen Maßstäben ein guter Zoo?

Kölpin: Jeder Zoo auf der Welt hat Luft nach oben. Bei der Tierhaltung haben wir Gehege, die in die Jahre gekommen sind. Da müssen wir Dinge verbessern und für einige Tierarten neu bauen. Dann wollen wir uns weiter zum Artenschutzzentrum ausbauen. Vor allem wollen wir uns beim sogenannten In-Situ-Artenschutz, dem Erhalt der Spezies in ihrem natürlichen Lebensraum, noch stärker engagieren.

 

Zoos werden zu Erlebnisräumen. Andere scheinen da weiter wie etwa Leipzig mit seinem Tropenland. Hinkt die Wilhelma hier hinterher?

Kölpin: Es ist schon so, dass wir sehr klassisch ausgerichtet waren. Wir wollen mit neuen Anlagen wie dem geplanten Elefantengehege auch Räume für Veranstaltungen schaffen, wo man etwa mal eine Firmenfeier machen kann. Das ist auch gut, um zusätzliche Einnahmen zu generieren. Wir haben einen Kostendeckungsgrad von 70 Prozent, das ist nicht schlecht für eine solche Kultureinrichtung. So kommt vielleicht auch zusätzliches Geld für Artenschutz zusammen.

 

Marketing wird immer wichtiger. Ist es eine Gratwanderung zwischen Show und wissenschaftlicher Arbeit?

Kölpin: Nein, ich sehe da keinen Widerspruch. Wir haben die Aufgabe, viele Leute für den Zoo zu begeistern. Wenn sich Besucher bei einem schönen Dinner eine Tierart anschauen, ist das mal was anderes – übrigens auch eine Abwechslung für die Tiere in ihrem Zoo-Alltag.

 

Beliebte Tierarten sind der beste Werbeträger. Hätten Sie auch gerne Pandas?

Kölpin: In der Tat sind solche Flaggschiff-Arten wichtig, um Menschen in den Zoo zu bringen. Wenn sie mal da sind, interessieren sie sich auch für andere Tiere. Anderswo sind die Flaggschiff-Arten Pandas, bei uns etwa Gorillas und Elefanten. Und wir denken daran, Koalas in die Wilhelma zu holen. Das wäre eine neue Attraktion.

 

Die Schneeleoparden sind auch so ein Sympathieträger.

Kölpin: Da ist die neue Anlage sehr gut gelungen. Sie fügt sich gut ein, schmiegt sich an den Hang und erfüllt alle modernen Anforderungen. Die Tiere können sich auch mal zurückziehen, was die Besucher nicht immer freut. Es gibt europäische Richtlinien für solche Anlagen, daran orientieren wir uns.

 

Wo stehen die deutschen Zoos im europäischen Vergleich?

Kölpin: Was die Investitionen in neue Anlagen angeht, sind Zoos im deutschsprachigen Raum führend. Zürich hat etwa meiner Ansicht nach die beste Elefantenanlage der Welt.

 

Manche Tierschützer kritisieren, das Konzept Zoo hat sich überlebt. Gibt es zu viele solche Anlagen?

Kölpin: Ich denke, es gibt zu wenige wissenschaftlich geführte, gute Zoos. Wir haben immer noch nicht genug Platz, um bei manchen gefährdeten Arten in Zuchtprogrammen ausreichend große Populationen zu halten. Und klar ist: Ohne Zoos gäbe es viele Arten nicht mehr.

 

Welche meinen Sie?

Kölpin: Klassiker sind die Wisente, aber ganz aktuell etwa die Säbelantilope. Sie gilt in freier Wildbahn als ausgelöscht, wird aber derzeit wieder ausgewildert. Oder die Nashörner. Keiner weiß, ob das mit der Wilderei mal aufhört. Dann ist es gut, die Reservepopulationen in den Tierparks zu haben, um Nashörner wieder auszuwildern.

 

Inwiefern ist die Wilhelma als historische Anlage mitten in der Stadt vom Platz her eingeschränkt?

Kölpin: Mit 30 Hektar sind wir für einen Innenstadt-Zoo auch im deutschlandweiten Vergleich ziemlich groß. Diese Fläche modern zu gestalten, das ist eine große Aufgabe für die nächsten Jahre. 

 

Wenn Sie Gehege modernisieren, brauchen Sie aber auch mehr Platz.

Kölpin: Das ist richtig. Deswegen haben wir uns entschieden, nicht mehr alle Großtiere zu zeigen. Wir beschränken uns etwa auf Elefanten und Nashörner und haben die Haltung der Groß-Flusspferde aufgegeben. Wir wollen trotzdem nicht die Artenvielfalt reduzieren. Zurzeit haben wir 1200 Tierarten und 9000 Pflanzenarten. Dass wir so viele Lebensformen hier haben, die man gar nicht an einem einzelnen Besuchstag wahrnehmen kann, ist ein großer Trumpf – gerade auch was die Bildungsarbeit angeht.

 

Sie setzen Schwerpunkte und treffen auch unpopuläre Entscheidungen. So geben Sie den Schaubauernhof mit Streichelzoo auf – sehr zum Ärger vieler Besucher.

Kölpin: Wir geben den Schaubauernhof nicht auf. Dort, wo er jetzt steht, kommt das neue Elefantengehege hin. Dafür bauen wir an anderer Stelle wieder einen Schaubauernhof, nur mit anderem, umweltpädagogischem Thema. Ziegen, Schafe – das alles wird es im neuen asiatischen Bauernhof geben, der den Mensch-Tier-Konflikt in den Vordergrund stellt.

 

Was bedeutet das genau?

Kölpin: Der Bauernhof ist eingebettet zwischen Elefanten und Tiger, wie es in manchen asiatischen Ländern noch Realität ist. Die Menschheit wächst, in Lebensräume der Tiere wird eingegriffen. Der Tiger bedroht die Haustiere. Denselben Konflikt haben wir vor der Haustür. Was die Menschen in Asien mit dem Tiger durchmachen, haben wir neuerdings mit dem Wolf. Hier wird schnell nach Abschuss gerufen. Dass in Asien der Tiger erhalten wird, halten wir für selbstverständlich – auch wenn es für die Menschen bedeutet, dass ihre Tiere gerissen werden und ihre Kinder in Gefahr sind. Diesen Konflikt wollen wir thematisieren, ohne erhobenen Zeigefinger.

 

Die neue Elefantenanlage kommt frühestens 2025. Warum dauert das so lange?

Kölpin: Wir haben gewisse Zwänge wegen des Baus des Rosensteintunnels. Wenn der weitgehend abgeschlossen ist, bekommen wir die Baustellenfläche zurück, auf der wir den neuen Schaubauernhof bauen wollen. Wir denken, dass der 2021 fertig wird. Für die Elefantenanlage sind drei bis vier Jahre Bauzeit veranschlagt, daher dieses Zeitfenster. Das ist schon in Ordnung so.

 

Auf der anderen Seite der Wilhelma gibt es die Vision der Flusspferde am Fluss. 

Kölpin: Um Flusspferde modern zu halten, ist das Areal, das nach Abschluss der Bauarbeiten am Neckar frei wird, zu klein. Aber da kann man sehr charmant eine Zwergflusspferdanlage hinbauen. Dort am Neckarknie haben vor 300.000 Jahren tatsächlich mal Flusspferde gelebt. Es ist als Schaufenster gedacht. Der Zugang ist kostenfrei, die Anlage würde Appetit auf die Wilhelma machen. Eine Zwergflusspferdanlage, frei zugänglich am Fluss – das ist weltweit einmalig und wäre ein Alleinstellungsmerkmal für Stuttgart.

 

Wann ist es soweit?

Kölpin: Das ist eine Frage des politischen Willens. Die Fläche gehört der Stadt. Wir stehen parat und haben Ideen, wie man das finanziert bekommt. Die Entscheidung müsste dieses oder spätestens nächstes Jahr fallen. Ich bin gespannt, wie es ausgeht.


Zur Person: Er war Assistent im Tierpark Hagenbeck, dann Direktor des Thüringer Zooparks Erfurt. Seit 2014 ist der Biologe Dr. Thomas Kölpin Direktor des zoologisch-botanischen Gartens Wilhelma in Stuttgart. Der Zoo ist mit zuletzt 1,6 Millionen Besuchern jährlich die Top-Touristenattraktion der Landeshauptstadt.

 

 


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