Hohe Zahl an Tierversuchen sorgt für Unverständnis

Stuttgart  In keinem anderen Bundesland werden so viele Tierversuche durchgeführt wie in Baden-Württemberg - und es werden nicht weniger. Dabei will die grün-schwarze Landesregierung eigentlich die Zahl an Tierversuchen verringern.

Von Ulrike Bäuerlein

Hohe Zahl an Tierversuchen sorgt für Unverständnis

Die meisten Tierversuche werden mit Mäusen gemacht, aber einige auch mit Affen wie mit solchen Makaken.

Foto: dpa

Von den rund 2,8 Millionen Tieren, die 2017 in deutschen Laboren eingesetzt wurden, kamen mit 484.086 Tieren über 17 Prozent aus baden-württembergischen Forschungslaboren. Die grün-schwarze Landesregierung bekennt sich im Koalitionsvertrag zum Ziel, Tierversuche zu verringern.

Doch die finanziellen Mittel und Anstrengungen des Landes für die Forschung zum Ersatz von Tierversuchen sind auch im neunten Jahr unter einem grünen Ministerpräsidenten bescheiden: 280.000 Euro stellt das Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerium im laufenden Jahr an Fördermitteln für entsprechende Forschungsprojekte zur Verfügung. Das Wissenschaftsministerium nennt eine Summe von jährlich 200.000 Euro für entsprechende Projekte. Der Fokus der Förderung ziele aber grundsätzlich auf die strukturelle Stärkung der Forschungslandschaft.

Kritik kommt von Tierschützern, Wissenschaft und Landtags-FDP

Kritik am spärlichen Mittelfluss kommt nicht nur von der Landtags-FDP und von Tierschützern, sondern auch aus der Wissenschaft selbst. "Wenn man vergleicht, welche Summen es sonst bei Fördermitteln und Wissenschaftspreisen gibt, ist das eine Lachnummer", sagt Stefan Hitzler, Vorsitzender des Landestierschutzverbandes. "Wir haben das Know-How im Land, es gibt viele kluge Köpfe. Aber es gibt keinen Anreiz, um wirklich nach Alternativen zu forschen", sagt er. Hitzler vermisst hier "ganz massiv" die grüne Handschrift der Landesregierung bei der Wissenschaftsförderung: "Was hier passiert, hat mit Innovation nichts zu tun", sagt er.

Auch für die Landtags-FDP tut sich in Sachen Tierversuchsvermeidung am Bio-Tech-Standort Baden-Württemberg viel zu wenig. "Unsere Wissenschaftslandschaft steht hier mit ihrem biomedizinischen Schwerpunkt und dem bundesweit höchsten Versuchstierverbrauch in einer besonderen Verantwortung", sagt Klaus Hoher, Tierschutz-Experte der Liberalen. Auf die gerade erhaltene Antwort der Landesregierung auf eine FDP-Anfrage zum Thema zeigt er sich ernüchtert. Mittel und Projekte bewertet Hoher als unzureichend.

"Ich bin enttäuscht, dass ausgerechnet eine grün-geführte Landesregierung dieses Thema völlig schleifen lässt. Fünf andere deutsche Länder bauen derzeit Kompetenzzentren für Alternativmethoden auf und Grün-Schwarz hält es noch nicht einmal für nötig, das vorhandene Know-How eines international renommierten Lehrstuhls an der Universität Konstanz ausreichend zu fördern und zu nutzen."

Der Lehrstuhl war ein Alleinstellungsmerkmal - wohlgemerkt: Er war...

Der FDP-Politiker spricht damit ausgerechnet den Lehrstuhl von Professor Marcel Leist an, den die Landespolitik gerne als Aushängeschild für ihre Aktivitäten gegen Tierversuche benutzt. Leist ist ein auch international gefragter Experte und Toxikologe, der neben dem Lehrstuhl für In-Vitro-Toxikologie und Biomedizin an der Universität Konstanz auch das Zentrum für Alternativen zum Tierversuch in Europa (CAAT-Europe) leitet. 2006 war er deutschlandweit der erste Inhaber eines Lehrstuhls zur Entwicklung von Tierversuchs-Alternativen. Der einstige Stiftungslehrstuhl wird heute von der Universität Konstanz finanziert. Leist und sein Team sind mehrfach preisgekrönt in der hochspezialisierten Forschung zur Vermeidung von Tierversuchen.

So gehen andere Bundesländer das Thema an

"Wir hatten damals mit unseren Arbeiten ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland und Europa", sagt Leist. Das ist dahin. Denn mittlerweile haben die anderen Bundesländer auch dank gezielter politischer Förderung aufgeholt. "Nordrhein-Westfalen, Hessen, Niedersachsen und Berlin bauen derzeit Landeszentren für den 3R-Ansatz zur Vermeidung von Tierversuchen auf, also interdisziplinäre Forschungs- und Lehrzentren für den Ansatz ,Replace, Reduce, Refine"".

3R steht für das Prinzip, Tierversuche möglichst zu ersetzen, wo es nicht geht, zu reduzieren, und wenn sie gebraucht werden, sie gezielter einzusetzen. Die Zentren sollen dafür sorgen, dass die Methoden, die in der Forschung als Alternativen entwickelt werden, wirklich zum Einsatz kommen. "Vom Land kam und kommt für unser Zentrum aber kein Euro", sagt Leist. "Dabei könnte man mit nur einer einzigen Stelle viel bewirken und eine Anlaufstelle schaffen für Behörden und Unternehmen, die Unterstützung brauchen."

Spitzenplatz im Negativ-Ranking

Im Bundesländervergleich ist Baden-Württemberg seit Jahren Spitzenreiter in der Negativ-Rangliste zu Tierversuchen, gefolgt von Nordrhein-Westfalen und Bayern. Das geht aus der aktuellen Auswertung der Ärzte gegen Tierversuche hervor, die der Verein basierend auf Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums seit Jahren führt. Die jüngste Statistik liegt für das Jahr 2017 vor. Demnach wurden 2017 an 484.086 Tieren in Baden-Versuche durchgeführt, das sind rund 3000 Tiere mehr als im Vorjahr. Der Grund für den negativen Spitzenplatz ist die Forschungsdichte im Südwesten, unter anderem am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg oder an den Universitätsstandorten Tübingen oder Freiburg.

 


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