Grüne fliegen am häufigsten Kurzstrecken

Stuttgart  Die baden-württembergischen Landesbediensteten legten 2018 pro Flugticket im Schnitt 830 Kilometer zurück. Die SPD-Fraktion fordert, bei Kurzstrecken häufiger die Bahn zu nutzen. Die Zahl der Flugkilometer der Landesverwaltung hat zuletzt stark zugenommen.

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In der baden-württembergischen Landesverwaltung wird immer mehr geflogen. Foto: dpa

Trotz anderslautender Bekenntnisse zum Klimaschutz stiegen Mitarbeiter der Landesverwaltung 2018 immer häufiger ins Flugzeug. Vor allem das grün geführte Staatsministerium von Winfried Kretschmann sowie das ebenfalls grüne Umweltministerium von Ressortchef Franz Untersteller gehörten laut der Antwort auf eine SPD-Landtagsanfrage neben der Behörde von Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) zu den Vielfliegern. Die Anfrage liegt der "Heilbronner Stimme" vor.

SPD: Grüne sind schlechtes Beispiel

Rechnet man die durchschnittlich zurückgelegten Kilometer pro Flugticket, dann zeigt sich zudem, dass die Grünen-Ministerien generell viele Kurzstreckenflüge absolviert hatten. "Es kann nicht sein, dass insbesondere die Grünen die so wichtige Trendumkehr beim klimaschädlichen Fliegen einfordern, aber gleichzeitig die grünen Mitglieder der Landesregierung inklusive Ministerpräsident Winfried Kretschmann und ihre Häuser mit schlechtem Beispiel vorangehen", sagt SPD-Umweltexperte Gernot Gruber gegenüber unserer Zeitung.

2018: 101 Millionen Flugkilometer

2018 wurden rund 101 Millionen Flugkilometer von der baden-württembergischen Landesverwaltung zurückgelegt. In den vergangenen fünf Jahren hat die Zahl damit um knapp 40 Prozent zugenommen. Rechnet man für das Jahr 2018 die Universitätskliniken, die nicht Teil der Landesverwaltung sind, noch hinzu, kommen sogar mehr als 120 Millionen zusammen.

Pro Flugticket gerechnet wurden im vergangenen Jahr im Finanzministerium von Edith Sitzmann (Grüne) lediglich 607 Kilometer zurückgelegt. Zum Vergleich: Die einfache Flugstrecke von Stuttgart nach Berlin beträgt 512 Kilometer. Aber auch einige andere Grünen-Ressorts kommen pro Ticket auf einen geringen Wert: beim Staatsministerium waren es 654 Kilometer, beim Sozialministerium 683, beim Verkehrsministerium 709 und beim Umweltministerium 806.

Erst dann folgt mit dem Wirtschaftsministerium mit 816 Kilometern im Schnitt pro Ticket das erste CDU-Ressort. Es falle auf, so Gruber, dass einige Ministerien den Durchschnittswert deutlich unterschreiten würden. "Das deutet darauf hin, dass es sich bei einer Vielzahl dieser Flüge um innerdeutsche Flüge handelt, von denen viele aus unserer Sicht mit der Bahn realisiert werden könnten", so der SPD-Politiker. Es erstaune ihn sehr, dass es sich bei den vier Ministerien, die pro Ticket gerechnet die geringste Kilometerzahl zurücklegten, um Häuser mit grüner Amtsspitze handele. Er fordert, die Landesregierung solle die Vorschriften ändern und innerdeutsche Flüge erst ab einer Mindestreiselänge von 600 Kilometer genehmigen.

Löwenanteil machen Hochschulen aus

Aus der Antwort auf die Anfrage geht auch hervor, dass über 90 der 101 Millionen Flugkilometer des vergangenen Jahres auf die Konten der Hochschulen im Land gehen. Dort sind die Flugaktivitäten geradezu explodiert.

Unter den Hochschulen im Land unternehmen die Mitarbeiter der Universitäten die meisten Flugreisen. Alleine 2018 kamen an den Unis so mehr als 73 Millionen Flugkilometer zusammen. Generell hat sich der prozentuale Anteil der Hochschulen an der Gesamtzahl der Flugtickets zuletzt reduziert, der Anteil an den Flugkilometern nahm jedoch zu. Das heißt, die Hochschulmitarbeiter fliegen eher längere Strecken. 

So legten Universitäten, pädagogische Hochschulen, Kunsthochschulen, duale Hochschulen sowie die Hochschulen für angewandte Wissenschaften im Südwesten 2013 zusammen rund 25 Millionen Flugkilometer zurück. Die Zahl stieg über die Jahre sukzessive an und erreichte 2018 gut 90 Millionen - eine Steigerung von 250 Prozent. Zwar verweist Grünen-Finanzstaatssekretärin Gisela Splett in der Antwort auf die Anfrage darauf, dass die Verringerung der Klimabelastung im Bereich der Wissenschaft wichtig sei. Trotzdem habe der zunehmende internationale Austausch der Südwest-Hochschulen auch zu einer Zunahme des dienstlichen Flugverkehrs geführt.


Kommentar: Kursänderung

Als würde es keine Debatte über die Einsparung von CO2-Emissionen geben, steigen Landesbedienstete immer häufiger in den Flieger. Dass vor allem Kurzstrecken geflogen werden, bringt die Amtsspitzen in Erklärungsnot. Wer dienstlich nach Berlin − das wohl am häufigsten angesteuerte innerdeutsche Ziel − muss, dem kann durchaus zugemutet werden, die Bahn zu nehmen. Das Gleiche gilt auch für andere Dienstreisen innerhalb Deutschlands. Hier sollte die Landesverwaltung mit gutem Beispiel vorangehen. Sicher haben der Ministerpräsident oder die Fachminister einen dicht gedrängten Terminplan, was auch mal Kurzstreckenflüge rechtfertigen kann. Doch dies gilt nicht für die große Zahl der Beamten, denen eine etwas längere Fahrt mit der Bahn einfach zugemutet werden muss. Vor allem die Grünen werden ihrem hohen moralischen Anspruch beim Klimaschutz bei Dienstreisen selbst nicht gerecht. Jedenfalls macht es Sinn, per Vorschrift eine Mindeststrecke festzulegen, ab der die Landesverwaltung das Flugzeug nutzen darf. Die größten Umweltverschmutzer sind jedoch die Hochschulen, die rund 90 Prozent des Flugverkehrs der Landesverwaltung ausmachen. Seit 2013 haben die Flugreiseaktivitäten der Wissenschaft drastisch zugenommen. Bei allem Verständnis für den internationalen Austausch: Hier fehlt offenbar das Gespür für die Notwendigkeit eines effektiven Klimaschutzes.


Michael Schwarz

Chefkorrespondent Landespolitik

Michael Schwarz ist seit 2005 bei der Heilbronner Stimme. Landesregierung, Landtag, Parteien, Fraktionen, Politiker - Schwarz beobachtet rund um die Uhr die landespolitischen Akteure in Stuttgart und geht der Frage nach, ob diese einen guten Job machen.

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