Große Investitionen, aber der Schnee fehlt

Feldberg  Mehr als 25 Millionen Euro flossen am Feldberg in einen modernen Sessellift und in ein umstrittenes Parkhaus. Doch bei zweistelligen Temperaturen bleiben Wintersportler und Touristen im größten Skigebiet Baden-Württembergs aus.

Von unserem Korrespondenten Michael Schwarz

Große Investitionen, aber der Schnee fehlt
Auf dem Feldberg sind seit Wochen nur noch vereinzelt weiße Flächen zu sehen. Sie stammen noch von Ende November. Seitdem ist kein Neuschnee mehr hinzugekommen. Der Liftbetrieb ist eingestellt. Fotos: Michael Schwarz

Das Mädchen schwingt sich auf den Schlitten. Geschrei, es geht den Hang hinunter. Nach rund 15 Metern ist die Fahrt vorbei. Das Ende der weißen Insel ist erreicht, der Boden besteht wieder aus braunem Gras und Matsch. "Wir hatten so auf Schnee gehofft, als wir gebucht haben", sagt die Mutter (28), die mit ihrem Mann und ihrer Tochter ein paar Tage am Feldberg verbringt.

Wie die junge Familie vom Kaiserstuhl erleben viele Touristen das größte Skigebiet Baden-Württembergs derzeit von seiner trostlosen Seite: bis zu zweistellige Temperaturen, kein Neuschnee, von den 39 Liften im gesamten Skigebiet ist einer für Fußgänger in Betrieb und die 22 Langlaufloipen sind lediglich für Wanderungen geeignet. Die letzten Schneeflocken rieselten am 29. November vom Himmel, mehr als ein paar weiße Flecken sind davon nicht mehr übrig. Auch die Schneekanonen können nicht angeworfen werden, dazu ist es viel zu warm.

Große Investitionen, aber der Schnee fehlt
Für rund 15 Millionen Euro wurde am Feldberg vor wenigen Tagen ein neues Parkhaus mit mehr als 1200 Stellplätzen eröffnet.

Mittagszeit am Fuße des Seebuck-Skigebiets am Hotel Feldberger Hof. Am 8. Februar 2016 ist es auf den Tag genau 125 Jahre her, dass der französische Diplomat Robert Pilet als Erster auf Skiern den 1493 Meter hohen Gipfel des Feldbergs bestiegen hatte. Dies war die Geburtsstunde des Skilaufs in Mitteleuropa, wirbt die Hochschwarzwald Tourismus GmbH, die für den Jubiläumswinter eine Reihe von Veranstaltungen organisiert.

Im Winter 2015 ist am Feldberg bisher jedoch nicht an Skifahren zu denken. Die Schirmbar, in der ansonsten Après-Ski-Partys gefeiert werden, hat sogar geschlossen. "Unter der Woche ist zu. Am Wochenende kommen noch ein paar Einheimische oder Hotelgäste", sagt Betreiber Thomas Wasmer. Seinen Mitarbeiter gibt der 59-Jährige derzeit von Montag bis Freitag frei. "1986 war es ähnlich schlecht. Damals gab es erst Mitte Januar Schnee", sagt Wasmer und blickt fast schon flehend in Richtung Himmel. Wenige Meter weiter befindet sich ein Skiverleih. "Liebe Kunden, aufgrund von Schneemangel haben wir geschlossen", ist auf dem Schild an der Eingangstüre zu lesen. Im angrenzenden Sportgeschäft hält eine junge Verkäuferin die Stellung. "Das ist schon deprimierend, wenn den ganzen Tag kaum jemand kommt", sagt sie. Dabei kalkulieren sie am Feldberg mit mehr als 400 000 Besuchern pro Saison, die sich einen Skilift-Pass kaufen. Die vergangenen zwei Monate konnten dazu jedoch kaum etwas beitragen.

Große Investitionen, aber der Schnee fehlt
Keine Gäste: Die Schirmbar von Thomas Wasmer bleibt unter der Woche zu.

Für Volker Haselbacher, stellvertretender Geschäftsführer der Hochschwarzwald Tourismus GmbH, ist die aktuelle Lage noch nicht beunruhigend. "Wir hatten schon häufiger vor Weihnachten keinen Schnee", erklärt er. Einen Einbruch der Übernachtungszahlen sieht er auch nicht, weil viele Gäste "schon Monate vorher gebucht haben". Er hofft zumindest auf eine Besserung in den für den Umsatz wichtigen Weihnachtsferien. Und zudem sei Skifahren ja nicht alles, schließlich habe der Hochschwarzwald auch abseits der Skipisten viel zu bieten. Haselbacher bleibt positiv - was in schneearmen Zeiten wie diesen auch notwendig ist.

Der bisher schlechte Winter fällt in eine Zeit, in der am Feldberg kräftig investiert wird. So wurde Anfang Dezember ein Parkhaus mit mehr als 1200 Stellplätzen eröffnet. Es soll für Entlastung am Feldberg-Pass sorgen, wo in Hochphasen über Hunderte Meter Autos Stoßstange an Stoßstange parken. Das 15 Millionen Euro teure Parkhaus mit der auffälligen Holzsilhouette darf zweifelsohne als das wohl umstrittenste Bauwerk des Hochschwarzwalds bezeichnet werden. 20 Jahre lang haben die Verantwortlichen über die Realisierung gestritten, 2006 entschieden sich die Bewohner der Gemeinde Feldberg bereits in einem Bürgerentscheid für den Bau des mit 1300 Metern am höchsten gelegenen Parkhauses in Deutschland.

Große Investitionen, aber der Schnee fehlt
Am Freitag wurde eine rund 10,5 Millionen Euro teure Sesselbahn eingeweiht.

Seit dem Baubeginn im April wurden rund 20.000 Tonnen Erde und etwa 10.000 Tonnen Fels ausgegraben. Heute stehen im Inneren des 96 Meter langen Gebäudes nur drei Autos. Dass der Betreiber auf einer großen Tafel daneben dafür wirbt, Stellplätze frühzeitig zu reservieren, wirkt geradezu paradox.

Der Landesnaturschutzbund hat von Beginn an gegen den Bau des Parkhauses gekämpft. "Wegen des Klimawandels ist fraglich, wie lange im Schwarzwald der Skisport überhaupt noch möglich ist", sagt der Vorsitzende Gerhard Bronner. Die Naturschützer fordern nach wie vor ein Konzept, das den öffentlichen Nahverkehr am Feldberg fördert - und nicht den Autoverkehr. Kritiker bemängeln zudem, dass jeder Tourist den Parkhaus-Bau mitbezahle. So wurde der Preis für den Tages-Skipass für Erwachsene auf 34 Euro erhöht - im vergangenen Jahr ohne Parkhaus waren es noch 31 Euro.

Seitdem er vor knapp 20 Jahren erstmals gewählt wurde, kämpfe er für das Parkhaus, erklärt Feldbergs Bürgermeister Stefan Wirbser (CDU). Den Bau des Parkhauses bezeichnet der umtriebige und selbstbewusste Rathauschef als "Durchbruch". Auf Stuttgart ist er gerade jedoch nicht gut zu sprechen. So hat die grün-rote Landesregierung die Zusage der CDU-geführten Vorgängerregierung wieder zurückgenommen, dass sich das Land mit drei Millionen Euro am Parkhaus beteiligt. "Grün-Rot hat kein Interesse am Wintersport", schimpft Wirbser. Dass die Regierung das größte Skigebiet im Land so vernachlässige, sei für ihn nicht nachvollziehbar.

Große Investitionen, aber der Schnee fehlt
Erst vor wenigen Tagen dann die nächste Großinvestition. Am vergangenen Freitag eröffnete die knapp 1200 Meter lange Zeiger-Sesselbahn. Die neue Bahn soll die beiden von der Bundesstraße 317 geteilten Skigebiete miteinander verbinden. Hochgerechnet 2400 Skifahrer können mit der Sesselbahn pro Stunde fahren. Finanziert wird sie über ein Darlehen von der Stadt St. Blasien. Landeszuschüsse gab es wieder keine. St. Blasiens Bürgermeister Rainer Fritz wollte sich bei der Eröffnung mit Blasmusik und örtlichen Honoratioren die Laune vom Wetter nicht verderben lassen. "Wegen den Wiesen verfallen wir nicht in Depressionen."

Rechne man alle Investitionen in das Skigebiet 2015 zusammen, komme man auf eine Summe von rund 50 bis 60 Millionen Euro, erklärt Wirbser. Bei der Lift-Eröffnung ließ er sich zu einer gewagten Prognose hinreißen. "Ich verspreche Ihnen, wir werden 2015 noch Schnee bekommen", sagte er am Rednerpult. Die Festgäste applaudierten zwar, schauten aber etwas ungläubig.

 

Historische Bilderstrecke: Schneereiche Winter in Region