Eine Stadt ohne Sorgen

Bietigheim-Bissingen  44.000 Einwohner, 28.000 Jobs: Bietigheim-Bissingen ist die größte schuldenfreie Stadt in Baden-Württemberg. Woher kommt das?

Von Michael Schwarz

Ohne Sorgen

Jürgen Kessing (SPD) ist seit 14 Jahren Oberbürgermeister.

Fotos: Andreas Veigel

Innenstadt mit Fachwerkhäusern, lebhafte Fußgängerzone, einladender, schön bepflanzter Marktplatz − auf den ersten Blick sieht Bietigheim-Bissingen aus wie viele andere Städte in Baden-Württemberg. Eines ist hier aber doch besonders: Die 44.000-Einwohner-Stadt im Kreis Ludwigsburg ist die aktuell größte schuldenfreie Stadt im Südwesten.

Jürgen Kessing (SPD) ist Oberbürgermeister von Bietigheim-Bissingen seit 2004, also seit dem Jahr, als der Gemeinderat zum letzten Mal die Tilgung eines Kredites verabschieden musste. "Wir haben zwei Finanzkrisen überlebt, ohne neue Schulden zu machen", sagt der 61-Jährige. Kessing kennt auch die Kehrseite der Medaille. "Schuldenfreiheit zu erreichen ist einfacher als die Schuldenfreiheit zu erhalten, weil die Begehrlichkeiten wachsen", mahnt er.

Hier wird nicht gekleckert, sondern geklotzt

Doch bislang kann die Stadt mit ihren Tochterunternehmen den Begehrlichkeiten nachkommen. Bücherei? Kostenlos. Der Eintritt in das Stadtmuseum ebenso. In der Innenstadt finden jährlich große Musik- und Kulturveranstaltungen wie das "Wunderland" oder "Best of music" statt. In diesen Tagen ist wieder Pferdemarkt, die große Kirmes mit Krämermarkt, Fahrgeschäften und Springreitturnieren. Bis zu 300.000 Besucher kommen an den Pferdemarkt-Festtagen jährlich in die Stadt am Viadukt, wie Bietigheim-Bissingen wegen der alten Eisenbahnbrücke oft genannt wird.

Doch auch bei den Kulturschaffenden der Stadt wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. So gibt Starpianistin Dame Mitsuko Uchida regelmäßig ein Gastspiel in der Stadt an der Enz. "New York, Paris, Bietigheim-Bissingen, Wien, Moskau. Da reihen wir uns gerne ein", sagt Kessing augenzwinkernd. Am 27. Januar 2019 tritt sie das nächste Mal im Bietigheimer Kronenzentrum auf, nach ihrem Gastspiel in Prag, vor ihrem Konzert in Salzburg.

Woher der Wohlstand kommt

Doch warum ist Bietigheim-Bissingen so wohlhabend? Das hat vor allem auch mit den großen Firmen in der Stadt zu tun. Der französische Automobilzulieferer Valeo ist hier, genauso wie der Maschinen- und Anlagenbauer Dürr, das Medizintechnik-Unternehmen Dürr Dental, Hemdenhersteller Olymp, das Möbelgeschäft Hofmeister − und natürlich Porsche. Dazu kommen noch zahlreiche Mittelständler. Das alles bringt der Stadt rund 28.000 Jobs und jährliche Gewerbesteuereinnahmen von 35 bis 40 Millionen Euro. "Das ist schon ganz ordentlich", sagt Kessing, der seit November 2017 auch Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands ist.

Apropos Sport. Bietigheim-Bissingen hat ein großes Freibad mit fünf Becken, zwei Hallenbäder und zwei Eishallen − das ist deutlich mehr, als sich andere Städte dieser Größe leisten können. Die guten Rahmenbedingungen schlagen sich in den sportlichen Erfolgen der Stadt nieder. Sowohl die Frauen als auch die Männer spielen in der Handball-Bundesliga. Die Bietigheim Steelers, die Eishockeymannschaft, wird fast jedes Jahr in der zweiten Liga Meister. Wenn die bisher geltende, unverständliche Nichtaufstiegsregel in zwei Jahren gekippt wird, wollen auch die Steelers erstklassig werden.

Parken außerhalb der Parkhäuser kostet nichts

Doch auch im Alltag merken die Bürger, dass die Stadtkasse gut gefüllt ist. "Grundsätzlich ist das Parken außerhalb von Parkhäusern überall kostenfrei", sagt Kessing. In den städtischen Parkhäusern kostet die Stunde zehn Cent, aber nicht wegen der Einnahmen, sondern aus steuerlichen Gründen.

Und was bringt die Zukunft? Bis zu 40 Millionen Euro fließen in den Kita-Ausbau, rund 60 Millionen in den Ausbau der Ganztagsbetreuung an Schulen. Dazu gibt es zwei große Areale, auf denen in Bahnhofsnähe moderne Wohn- und Gewerbeflächen entstehen sollen. Eines dieser Areale wird übrigens nach Ex-Ministerpräsident Lothar Späth benannt. Späth war Ende der 1960er Bürgermeister in der Stadt.


Vergleich: Von den 1101 Kommunen in Baden-Württemberg waren Ende 2017 insgesamt 106 schuldenfrei. Hierbei handelt es sich aber hauptsächlich um kleine Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern. In Stuttgart betrug die Pro-Kopf-Verschuldung Ende 2017 etwas mehr als 1000 Euro pro Einwohner, in Mannheim 2948 Euro, in Heilbronn 1187 Euro. 

 


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