Coronavirus erreicht den Südwesten

Stuttgart  Am Mittwochabend gibt es vier bestätigte Coronaviurs-Fälle in Baden-Württemberg. Die Behörden bereiten sich auf eine schnelle Ausbreitung vor. Sozialminister Manfred Luchca warnt aber davor, in Panik zu verfallen.

Von Ulrike Bäuerlein und dpa
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In Göppingen wird der erste Corona-Kranke in Baden-Württemberg im Krankenhaus betreut. Foto: dpa

Die Pressekonferenz in Stuttgart, bei der Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) und Gesundheitsbehörden am Mittwoch weitgehend Entwarnung über den ersten bestätigten Coronavirus-Fall in Baden-Württemberg geben wollten und ihn zum Einzelfall deklarierten, war kaum beendet, da war die Botschaft schon überholt: Am Nachmittag teilte die Universitätsklinik Tübingen mit, dass sich zwei weitere Menschen aus Baden-Württemberg mit dem hochansteckenden neuartigen Coronavirus infiziert haben – die Reisepartnerin des ersten Infizierten, des sogenannten „Patienten Null“, sowie deren Vater. „Es gibt nach wie vor keinen kursierenden Virus bei uns“, hatte Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) zuvor noch vor der Presse beteuert, „es gibt keinen Grund zur Unruhe.“

Am Mittwochabend dann die Meldung, dass auch ein 32-Jähriger aus dem Landkreis Rottweil infiziert ist. Er sei am Sonntag aus dem Risikogebiet in Italien eingereist und habe keine Verbindungen zu den bislang gemeldeten drei Patienten im Südwesten, teilte das Gesundheitsministerium mit. Der Mann werde nun in einem Krankenhaus betreut und isoliert von anderen Patienten behandelt. Seine Ehefrau, die mit ihm gereist war, und sein Kind sind laut Ministerium negativ getestet worden. Sie blieben in „häuslicher Absonderung“.

Auf weitere Verdachtsfälle "gut vorbereitet"

Der vermutlich bei einem Urlaubs-Aufenthalt bei Mailand vergangene Woche angesteckte Patient aus dem Kreis Göppingen war am Freitag aus Italien zurückgekehrt und hatte sich nach ersten grippeähnlichen Krankheitssymptomen am Dienstag beim Gesundheitsamt gemeldet. Seit einem positiven Test auf das Coronavirus wird er in den Alb-Fils-Kliniken Göppingen stationär betreut.

Ingo Hüttner, medizinischer Geschäftsführer der Alb-Fils-Kliniken, hatte von der Betreuung und Isolierung des Infizierten als einem „Routine-Vorgang“ gesprochen. Der Göppinger Landrat Edgar Wolff sagte: „Das Verhalten des 25-Jährigen war vorbildlich. Wichtig ist, dass wir den sogenannten Patienten Null haben und er und seine Kontaktpersonen isoliert sind. Aber wir fühlen uns auch für weitere Verdachtsfälle gut vorbereitet.“ „Wir setzen darauf, das Virus in den Griff zu bekommen“, hatte Lucha vor Bekanntwerden der neuen Fälle noch als Parole ausgegeben.

 

„Bei drei möglichen Gefahrenstufen bei der Ausbreitung einer Epidemie stehen wir noch auf der untersten.“

von Manfred Lucha

 

„Bei drei möglichen Gefahrenstufen bei der Ausbreitung einer Epidemie stehen wir noch auf der untersten“, sagte er. Ungeachtet der auch im europäischen Ausland wachsenden Infektionszahlen warnte er davor, in Panik zu verfallen und rief die Bevölkerung zu Besonnenheit und der Befolgung üblicher Präventionsmaßnahmen auf. Grenzschließungen seien derzeit nicht geplant. „Wir handeln im engen Austausch mit allen Behörden und Beteiligten lageorientiert. Das Land stehe in engem Austausch mit dem Bundesgesundheitsminister und den Gesundheitsbehörden der anderen Bundesländer.

Coronavirus erreicht den Südwesten
Sozialminister Manfred Lucha warnte davor, in Panik zu verfallen. Foto: dpa

Generell seien die normalen Vorsichtsmaßnahmen, wie sie auch für die derzeitige Grippesaison gelten, zu empfehlen. Insgesamt, so Lucha, seien in den vergangenen Wochen bereits 204 baden-württembergische Rückkehrer aus Risikogebieten ohne Befund auf das neuartige Coronaviruas getestet worden.

Die Vorbereitungen auf eine rasche Ausbreitung laufen

Hinter den Kulissen bereiten sich die Behörden intensiv auf den Fall einer raschen Ausbreitung des Virus vor. Abläufe und Ansprechpartner werden überprüft, Handlungspläne aus der Schublade gezogen – das ganz große Besteck. „Wir wollen keinen neuen Erreger von der Größenordnung eines Influenzavirus haben“, begründete Lucha die Maßnahmen. Erstmals kam am Mittwoch der interministerielle Verwaltungsstab im Innenministerium zusammen, der die landesweite Koordination übernimmt. Isolde Piechotowski, Infektionsschutzexpertin im Sozialministerium, wagte einen vorsichtigen Vergleich des neuartige Coronavirus mit den Influenza-Erkrankungen, die jedes Jahr allein in Deutschland rund 20.000 Todesopfer fordern: „Vermutlich ist das Virus eine Spur aggressiver als die Influenza-Stämme, die wir im Moment haben“, sagte sie.


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