Bürgermeister dringend gesucht

Stuttgart  Der Verband der Bürgermeister klagt, dass das Amt des Rathauschefs in Baden-Württemberg immer unattraktiver werde. Vor allem jüngere Menschen wollten sich den stressigen Job nicht mehr antun. Zudem würden Spaß-Kandidaten seriöse Bewerber abschrecken.

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Vor allem jüngere Kandidaten haben kaum mehr Interesse, sich um das Amt des Rathauschefs zu bewerben. Foto: dpa

In Baden-Württemberg wird es immer schwieriger, bei Bürgermeisterwahlen geeignete Kandidaten zu finden - vor allem in kleineren Kommunen. Dies ist das Ergebnis einer Langzeitstudie der Technischen Universität Darmstadt, die der Verband baden-württembergischer Bürgermeister gestern in Stuttgart vorstellte.

"Die Erwartungen an das Amt steigen immer weiter an. Zudem tragen die sozialen Medien zu einer Verrohung des Umgangs mit Bürgermeistern bei", sagte der Verbandvorsitzende, Ditzingens Oberbürgermeister Michael Makurath (parteilos).

Hass-Mails und verbale Drohungen

So gaben bei einer Umfrage des Deutschen Städte- und Gemeindebundes unter bundesweit mehr als 1000 Rathauschefs 20,4 Prozent an, bereits Hass-Mails bekommen zu haben oder verbal bedroht worden zu sein.

"Hier stellen sich junge Menschen heute die Frage, was sie sich und ihren Familien zumuten wollen", sagte Makurath. Hinzu kämen ein schwindendes Ansehen, hohe, familienunfreundliche Arbeitszeiten, Stress, keine Entwicklungsmöglichkeiten sowie ein geringer werdender Gestaltungsspielraum wegen zunehmender Bürgerbeteiligungen.

Etwas mehr als zwei Bewerber pro Wahl

Bei der Langzeiterhebung aller baden-württembergischer Bürgermeisterwahlen zwischen 2008 und 2015 kam heraus, dass im Schnitt nur 2,3 Kandidaten pro Wahl antraten. Besonders eklatant ist der Bewerbermangel in kleineren Kommunen unter 500 Einwohner, in denen ein Rathauschef sein Amt ehrenamtlich ausübt. Und: Bei einem Drittel aller Wahlen gab es nur einen einzigen Bewerber.

Würden mehr Kandidaten antreten, seien darunter oft viele Jux- und Spaß-Bewerber, so Makurath. Dies erschwere den Ablauf. Er forderte, dass künftig auch Bewerber in Kommunen unter 20 000 Einwohner Unterschriften vorlegen müssten, damit sie zur Wahl zugelassen werden. Bisher gilt dieses Quorum nur in Städten ab 20 000 Einwohner.

Gemeindetag lehnt Quorum ab

Besoldung

Der Großteil der 1101 Kommunen im Südwesten wird von hauptamtlichen Bürgermeistern geführt. Die Besoldung richtet sich nach der Einwohnerzahl. Ab der zweiten Amtszeit kommen sie in die nächsthöhere Besoldungsgruppe.

In Kommunen bis 1000 Einwohner erhalten Bürgermeister A12 (4720 Euro) oder A13 (5246 Euro). Der Betrag steigt sukzessive an. Die höchste Besoldungsgruppe bei über 500.000 Einwohnern liegt bei B11 (13.741 Euro). Diese greift im Land nur in Stuttgart.

Laut Roger Kehle, Präsident des Südwest-Gemeindetags, seien Quoren ein "stumpfes Schwert". So müssten Spaßkandidaten in Gemeinden bis zu 3000 Einwohner analog zur jetzigen Regelung lediglich zehn Unterschriften sammeln. Wichtig sei aber, die Bezahlung von Bürgermeistern in kleinen Kommunen anzuheben.

Wahlkampfkosten als Problem

Ein weiterer Aspekt der Studie ist, dass die Amtsinhaber seit den 1980er Jahren im Schnitt immer älter geworden sind. Zudem gebe es einen großen Mangel an Frauen, die das Amt anstrebten. Für den Südwest-Städtetag sind hohe Wahlkampfkosten ein Problem. Dezernent Norbert Brugger: "Ob unterlegene Bewerber andernorts nochmals antreten ist ungewiss, weil eine Bürgermeisterwahl sehr teuer ist."


Kommentar: Unvereinbar

Die Bewerberlage bei Bürgermeisterwahlen im Südwesten spiegelt die gesellschaftliche Entwicklung wider. Sieben-Tage-Job mit vielen Abend- und Wochenendterminen? Hier wenden sich vor allem potenzielle Kandidaten in jüngerem Alter schnell ab. Diese legen tendenziell Wert auf eine aus ihrer Sicht angemessene Work-Life-Balance − und damit auf einen Beruf, der sich mit Familie und Hobbys vereinen lässt. Dazu ist die Bezahlung aus der Sicht vieler eher bescheiden. Wobei hier etwas mehr Demut − auch dem Verband der Bürgermeister − durchaus gut zu Gesicht stehen würde. Denn in einer Stadt mit 5000 oder 10?000 Einwohnern erhält ein Rathauschef eine respektable Besoldung. Ob mit dem beruflichen Hintergrund − die meisten haben eine Verwaltungslaufbahn eingeschlagen − in der Wirtschaft ein adäquater Job gefunden werden könnte, ist fraglich.

Ein weiteres Problem ist, dass es deutlich zu wenige Bürgermeisterinnen gibt. Kinder sind für Frauen ein Karrierehindernis, für Männer eher nicht. Diese gesellschaftliche Situation zeigt sich auch bei der Rekrutierung von Rathauschefs. Hier muss vor Ort ein generelles Umdenken stattfinden: Ein Bürgermeister muss einen guten Job machen für die Kommune. Da ist es nicht wichtig, ob er bei jeder Jahresfeier Sitzfleisch bis nach Mitternacht hat.

 

 


Michael Schwarz

Chefkorrespondent Landespolitik

Michael Schwarz ist seit 2005 bei der Heilbronner Stimme. Landesregierung, Landtag, Parteien, Fraktionen, Politiker - Schwarz beobachtet rund um die Uhr die landespolitischen Akteure in Stuttgart und geht der Frage nach, ob diese einen guten Job machen.

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