Bahnprojekt S21 wird beim Brückenschlag im Filstal sichtbar

Stuttgart 21  Wichtige Tunnel auf der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm sind gebohrt, dazwischen ensteht am Albaufstieg die dritthöchste Eisenbahnbrücke Deutschlands.

Von Alexander Hettich
Email

Der Boßlertunnel ist im Rohbau fertig. Am Ausgang steht der Kopf der Bohrmaschine namens Käthchen. Sie wird demontiert. Das Modell zeigt, wie die Brücke aussehen soll. Fotos: Hettich, DB Projekt Stuttgart−Ulm GmbH

Beim Großprojekt Stuttgart 21 spielt sich vieles unter der Erde ab. Ein sichtbares Zeichen für den Fortschritt der Neubaustrecke nach Ulm wächst am Albaufstieg neben der Autobahn A 8 empor: Deutschlands dritthöchste Bahnbrücke ist für Ingenieure ein Glanzlicht.

Für die kleinen Gemeinden im Filstal ist die Riesenbaustelle Belastung, aber auch Gewinn.

Tunnelbohrmaschine wird demontiert

Käthchen hat den Kopf verloren. Das haushohe Vorderteil der Tunnelbohrmaschine steht am Ausgang des Boßlertunnels hoch oben über dem Filstal (Kreis Göppingen). Der 120 Meter lange Leib des Stahlriesen mit dem freundlichen Spitznamen ist schon talwärts transportiert. Fast neun Kilometer sind es bis ans andere Ende bei Aichelberg. Käthchen hat ihre Arbeit erledigt.

Bahnprojekt wird sichtbar: Brückenschlag im Filstal
„So etwas baut man nur einmal im Leben. Es ist eine Ehre, dabeisein zu können", sagt Jörg Rainer Müller, Projektleiter Filstalbrücke.

Wer hinter dem Bohrkopf in den Tunnel schaut, sieht einen scheinbar endlosen Betonschlund, der sich nach unten windet. Dennoch liegt das Gefälle nur bei 25 Promille, mehr schafft ein ICE kaum. Beide Röhren des Boßlertunnels, der längste auf der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm, sind fertig. Jetzt wird das maßgefertigte Ungetüm demontiert. Für Käthchen ist Endstation. "Rund drei Monate wird das dauern", schätzt Jörg Rainer Müller.

Der Ingenieur ist verantwortlich für den sogenannten Planfeststellungsabschnitt (PFA) 2.2. Volumen: rund 750 Millionen Euro. Dazu gehören neben dem Boßlertunnel der kürzere Steinbühltunnel und die Brücke dazwischen. Sie wird auf einer Länge von 500 Metern das Filstal überspannen. "So etwas", sagt Müller, "baut man nur einmal im Leben."

Dritthöchste Eisenbahnbrücke Deutschlands

Es ist eine Baustelle der Superlative. Mit 85 Metern Höhe entsteht hier die nach der Müngstener und der Rombachtalbrücke dritthöchste Eisenbahnbrücke Deutschlands. Am Talrand windet sich die Autobahn A8 den Hang hinauf. Rund 100.000 Autos am Tag sind hier unterwegs, die Fahrer genießen einen Premiumblick auf die Baustelle.

Bahnprojekt wird sichtbar: Brückenschlag im Filstal
Der Boßlertunnel ist im Rohbau fertig. Am Ausgang steht der Kopf der Bohrmaschine namens Käthchen. Sie wird demontiert.

Die Straßen hoch zum Tunnelausgang sind steil wie Skipisten und bereiten den Baufahrzeugen sichtlich Mühe. Im Tal wachsen die Betonpfeiler in die Höhe. Vier auf jeder Seite werden es sein, insgesamt acht, denn hier entstehen eigentlich zwei Brücken. "Für jede Fahrtrichtung eine", erklärt Müller. Der Bau wäre sonst zu massiv und zu schwer. Filigran soll sie sein, die Brücke, deren Hauptträger später ein charakteristisches Y-Profil haben werden. "Das muss ja ins Landschaftsbild passen", schildert der Ingenieur eine der Vorgaben. Der Eingriff in die Natur ist auch so enorm.

Für Gemeinde Belastung und Gewinn zugleich

Mühlhausen im Täle hat rund 1000 Einwohner. So viele Bauarbeiter werkeln an den Teilprojekten von PFA 2.2. Vom kleinen Platz vor dem Rathaus sieht man in einiger Entfernung deutlich die Brückenpfeiler aufragen. Eine Gaststätte, ein Hotel. Ein Bach plätschert durch den Ort. Von der Großbaustelle ist nichts zu hören. Trotzdem sei es "eine größere Belastung", sagt Mühlhausens Bürgermeister Bernd Schaefer.

Während der Rammbohrungen und der Fundamentarbeiten sei es laut gewesen, der Schwerlastverkehr beschädigt die Straßen. Sie werden aber auf Kosten der Bahn wieder hergerichtet. Überhaupt sei die tägliche Abstimmung mit dem Bauherren gut. "Die Bevölkerung nimmt das gelassen hin."

Tausende beim Tag der offenen Baustelle

Es gibt ja auch die andere Seite: Die Fremdenzimmer im Ort sind belegt, die Gastronomie profitiert. Die Brücke ist Thema in der Heimatstube im Rathaus. Ist sie erst einmal fertig, wird sie Besucher bringen, erwartet Bürgermeister Schaefer. "Es gibt viele Eisenbahnfanatiker, die das fasziniert."

Bahnprojekt wird sichtbar: Brückenschlag im Filstal
Das Modell zeigt, wie die Brücke aussehen soll.

Oben am Hang sollte es eigentlich Aussichtsplattformen geben. Praktische Gründe sprachen dagegen, erklärt Ingenieur Müller: "Es müsste ein erhöhter Punkt sein, und es gibt hier keinen, der gut zugänglich ist." Führungen werden trotzdem regelmäßig veranstaltet. Für Architekturstudenten ist das hier eine Art Wallfahrtsort, es kommen aber nicht nur Fachbesucher.

Beim Tag der offenen Tür nach dem Tunnelsdurchstich im Juni kamen Tausende Menschen. "Die waren begeistert", so Müller. Ingenieuren und Bauarbeitern tut Zuspruch gut, setzt es doch sonst oft Kritik am Projekt. Stuttgart 21 mit dem neuen Tiefbahnhof ist wohl nicht vor 2025 einsatzbereit. Die Neubausstrecke soll früher in Betrieb gehen. "Das Ziel ist 2022", betont der Ingenieur, die Trasse würde dann provisorisch über das Neckartal an die Landeshauptstadt angebunden.

Stählerner Rahmen wiegt 800 Tonnen

Doch erst muss die Brücke fertig sein. Dabei hilft eine weitere stählerne Maßanfertigung, ein Geflecht aus Rohren, 800 Tonnen schwer, zusammengehalten von 10.000 Schrauben. Die sogenannte Vorschubrüstung dient dazu, die Brücke zu betonieren. Immer in 50-Meter-Happen, dann rückt sie vor.

Jeder dieser Schritte dauert vier bis sechs Wochen, nach zehn Etappen ist das Tal überquert. Dann kommt die zweite Brücke dran. Wenn irgendwann Züge über das Filstal rauschen, verlassen sie den einen Tunnel, sind sieben Sekunden am Tageslicht und verschwinden wieder unter der Erde.

Herausforderung für Feuerwehren

Bürgermeister Schaefer erwartet, dass einige Mühlhausener mit mehr Lärm werden leben müssen, wenn der Betrieb losgeht. Mehr Sorgen bereitet ihm ein anderer Punkt. Sollte es je im Tunnel brennen, "dann sind unsere Freiwilligen Feuerwehren ganz vorne dabei". Die Bahn stellt einen Teil der Ausrüstung, die Feuerwehrleute werden entsprechend ausgebildet. Trotzdem bleibt es eine enorme Herausforderung für die Freiwilligentrupps. Einmal habe es beim Bau in einer Röhre gebrannt. "Der Einsatz", berichtet der Bürgermeister, "hat 14.000 Euro gekostet."

So verbinden sich Hoffnungen und Befürchtungen mit dem Brückenschlag im Filstal. "Man hat Schlimmes befürchtet", sagt die Dame, die im malerischen Café Mühlwerk in Wiesensteig hinter dem Tresen steht. Der Ort ist nur wenige Hundert Meter von der Baustelle entfernt. "Wenn man hier aufgewachsen ist, macht man sich schon Sorgen." Der Bau laufe aber reibungslos. "Das ist alles ganz harmonisch." Und die Leute von der Baufirma sind regelmäßig zu Gast im Café.

Bahnprojekt wird sichtbar: Brückenschlag im Filstal
 

Kommentar hinzufügen