"Baden wird ungerecht behandelt"

Interview  Einiges liegt im Argen im Land. Badener seien gegenüber Württembergern benachteiligt. Das sagt Robert Mürb, Vorsitzender der Landesvereinigung Baden in Europa, die fein säuberlich mutmaßliche Ungerechtigkeiten auflistet.

Von Alexander Hettich
"Baden wird ungerecht behandelt"
Robert Mürb vor dem Schloss in Karlsruhe: Ob die Baden-Fahne dort dauerhaft wehen darf, war zum Politikum geworden. Foto: Matthias Heibel

Von bitterer Rivalität zwischen Schwaben und Badenern will der Vereinsvorsitzende Mürb trotzdem nichts wissen: "Ich habe nur etwas gegen Schwaben, die uns nicht geben, was uns zusteht."

 

Was haben Sie eigentlich gegen die Stuttgarter Wilhelma?

Robert Mürb: Das ist der einzige staatliche Zoo in Deutschland, bezahlt vom Land. Natürlich hat die Wilhelma einen Bildungsauftrag. Für viele aus Baden ist das aber eine weite Fahrt. Die Stadt Stuttgart hat den Zoo kostenlos, andere Städte finanzieren die Zoos alleine wie Heidelberg und Karlsruhe. Für den Flughafen, für die Messe hat das Land auch bis zu 90 Prozent finanziert, andere Städte haben nur einen Zuschuss von etwa 30 Prozent erhalten. Das sind Ungerechtigkeiten. Wir verlangen, dass die Stadt Stuttgart die Wilhelma übernimmt.
 

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Die Wilhelma ist eben eine Einrichtung mit landesweiter Strahlkraft.

Mürb: Mag sein, aber die anderen Zoos haben die gleiche Aufgabe. Es ist ja nur ein Beispiel für den Zentralismus. Alles ballt sich in Stuttgart, der Stadt mit den enormen Verkehrs- und Feinstaubproblemen. Ich höre immer mit einer gewissen Schadenfreude: großer Stau in Stuttgart. Das ist einfach Resultat einer falschen Politik, unter der die Einwohner leiden.

 

Was wäre aus Ihrer Sicht gerecht?

Mürb: Eine Verteilung der Mittel streng nach Anteil der Bevölkerung. Das offizielle Steueraufkommen in Baden entspricht dem Bevölkerungsanteil von rund 46 Prozent. Eigentlich ist es noch mehr, weil Konzerne wie Bosch und Daimler erfolgreiche Werke in Baden haben, aber in Württemberg besteuert werden. Und dafür fließt zu wenig zurück. Es wird getrickst. Es gibt Ungleichgewichte bei den Schulen, beim Straßenbau, bei der Kultur und in vielen anderen Bereichen.

 

Die Badener brauchen also eine Interessenvertretung, weil sie sonst zu kurz kommen?

Mürb: Dringend, aber nicht nur die Badener. Auch die Oberschwaben und die Region Franken sind ähnlich benachteiligt. Der frühere Heilbronner OB Helmut Himmelsbach war auch der Ansicht, dass der Mittlere Neckarraum von der Landesregierung zu sehr hochgepusht wird. Ein Beispiel ist der Flughafen Stuttgart.

 

Das ist auch der Landesflughafen.

Mürb: Na ja. Das ist ja ein Witz. In Bayern werden Messe und Flughafen Nürnberg genauso gefördert wie in München.

 

In Bayern laufen auch alle Fäden in der Landeshauptstadt zusammen.

Mürb: Bayern hat ein Dezentralisierungsprogramm gemacht. Alle Behörden unterhalb der Ministerien sind in kleinere Orte verlegt worden. Die machen das sehr gut und betreiben so auch Strukturpolitik. München ist wahnsinnig teuer. Die Lebensqualität ist aber in Bayreuth oder Bamberg genauso hoch.

 

Was muss passieren, damit Ihr Verein überflüssig wird?

Mürb: Die Ungerechtigkeiten müssen aufhören. Wir haben das x-mal angesprochen, von den Ministerien wird es immer wieder abgeblockt. Aber 85 Prozent der Ministeriumsmitarbeiter leben in Württemberg. Eben hatte ich einen Besucher aus Berlin. Der sagte: Ihr lasst euch einfach zu viel gefallen von den Württembergern. Wir Badener sollten einfach mehr auf die Pauke hauen. Und wissen Sie, was mich, Schwäbisch gesagt, saumäßig ärgert?

 

Bitte.

Mürb: Dass den Badenern dann noch ein Minderwertigkeitskomplex unterstellt wird. Woher sollten wir den haben? Das mit dem Steueraufkommen hatten wir schon. Viele demokratische Errungenschaften gab es in Baden früher als anderswo, im 19. Jahrhundert galt Baden als europäisches Musterländle. Früher als alle anderen hatten wir eine staatliche Eisenbahn im gesamten Land, Industrie und Universitäten. Wir haben allen Grund zu einem gesunden Selbstvertrauen.

 

Die Auseinandersetzung Baden gegen Württemberg eskaliert mitunter beim Fußball, wenn Stuttgarter und Karlsruher Fans aufeinandertreffen. Ist das nicht Ergebnis einer künstlich gepflegten Rivalität?

Mürb: Die Rivalität war ja bereits da, wir sind erst 1992 gegründet worden. Bis in die 70er Jahre gab es keine Probleme, da wurde Baden nicht benachteiligt. Später kam Ministerpräsident Teufel, er hat nur die Region Stuttgart im Blick gehabt. Damals wurde eine Vereinigung gegründet namens "Freiheit statt Baden-Württemberg", das war quasi Separatismus mit Augenzwinkern. Die dachten, wenn man es etwas mit Humor macht, erfolgt eine Reaktion. Da kam aber gar nichts aus Württemberg, man hatte es nicht verstanden. Daraufhin wurde die Landesvereinigung gegründet, als nach vorne gerichtete Organisation. Niemand will mehr aus Baden ein eigenes Land machen. Wir schauen nach Europa.

 

Obwohl Baden nach allem, was Sie sagen, alleine besser dran sein müsste?

Mürb: Wenn es so weiter ginge, wenn wir weiter so schlecht behandelt würden, dann ging es uns alleine besser. Aber unser Ziel ist es, uns kompetent gegen die Bevormundung zu wehren.

 

Trotzdem: Europa driftet auseinander, Regionen wie Katalonien pochen auf ihre Unabhängigkeit. Wäre es nicht an der Zeit, die Gemeinsamkeiten zu betonen, anstatt Unterschiede hervorzukehren?

Mürb: Die Abgrenzungsbewegungen kommen gerade daher, dass die Hauptstädte auseinanderdriften. Der Föderalismus kann ja nicht in den Hauptstädten zu Ende sein. Zentralismus, wie er schon immer in Stuttgart praktiziert wurde, ist eine Vorstellung aus der Vergangenheit. In Entwicklungsländern heißt es: Wenn es der Hauptstadt gut geht, geht es auch dem Lande gut. Unsere Vorstellung ist das Europa der Regionen, deshalb sind wir auch für die europäischen Metropolregionen.

 

Sie blicken mit Argwohn nach Stuttgart, aber euphorisch nach Westen?

Mürb: Der Europabezug ist mir wichtig. Ich wäre nie einem rückwärtsgewandten Verein beigetreten. Wir beschäftigen uns intensiv mit dem Nahverkehr über den Rhein und der Sprache, kooperieren mit den Pfälzern und den Elsässern. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass Karlsruhe nicht bei der Region Rhein-Neckar mitmacht, sondern bei der Region Oberrhein mit Basel und Mühlhausen. Das voranzubringen, ist schwierig. Die Partner sagen immer: Sorgen Sie doch dafür, dass uns Stuttgart nicht immer in die Suppe spuckt.

 

Ist der Bindestrich in Baden-Württemberg für Sie eher Zeichen dessen, was trennt?

Mürb: Es ist eben eine Verwaltungseinheit. Daraus aber ein Land mit einer gemeinsamen Mentalität machen zu wollen, halte ich für falsch. Es sind unterschiedliche Mentalitäten, vor allem zwischen Badenern und Alt-Württembergern. Zur Heimat gehört auch eine gemeinsame Vergangenheit. Die haben wir mit Württemberg nur oberflächlich gesehen. Im kollektiven historischen Gedächtnis ist, dass württembergische Truppen 1849 an der Grenze standen und die badische Revolution niedermetzeln wollten.

 

Worin liegen denn Ihrer Ansicht nach die Unterschiede der Mentalität?

Mürb: In Baden geht es einfach etwas lockerer zu. Württemberg war immer zentralistischer. Große Teile der Württemberger sind vom Pietismus geprägt.

 

Viele, die im Land leben, fühlen sich weder als Schwaben noch als Badener. Können junge Leute mit solchen Unterscheidungen überhaupt noch etwas anfangen?

Mürb: Gerade haben junge Menschen eine Petition gestartet, damit die badische Fahne weiter über dem Karlsruher Schloss wehen darf. Da haben in wenigen Tagen 12.000 unterschrieben. Viele junge Leute singen auch aus vollem Herzen das Badnerlied, nicht nur im Fußballstadion. Die globalisierte Welt wird immer komplizierter, die Wege sind weit. Das fördert die Rückbesinnung auf die Region als Heimat, die überschaubar ist.


Robert Mürb und die "Landesvereinigung Baden in Europa"

Von 1963 bis 1979 hat Robert Mürb das Gartenbauamt in Karlsruhe geleitet. Dabei war er auch mit der Planung der Bundesgartenschau 1967 befasst. Für die CDU gehörte der 86-Jährige von 1980 bis 1994 dem Karlsruher Gemeinderat an. Mürb übernahm 1979 eine Professur für Landschaftsgestaltung an der Technischen Hochschule Darmstadt. Er ist Vorsitzender der 1992 gegründeten Landesvereinigung Baden in Europa, die nach eigenen Angaben 11.000 Mitglieder zählt. Der Verein streitet für die Interessen des badischen Landesteils.

 


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