Anfrage im Landtag klärt Mythos um Handbestäubung

Stuttgart/Region  Sterben die Bienen, müssen Obstbäume von Hand bestäubt werden. Dieses Szenario schilderte auch schon der baden-württembergische Regierungschef Winfried Kretschmann (Grüne). Die Landtags-FDP hat diese Aussage überprüfen lassen - mit erstaunlichem Ergebnis.

Von Ulrike Bäuerlein
Märchenstunde mit chinesischen Bienen

Bienen sorgen auch in China für die Bestäubung − meistens zumindest.

Foto: dpa

Sterben die Bienen, müssen Obstblüten von Hand bestäubt werden − und in China, so ist vielfach im Netz zu lesen, sei dies bereits Realität. Auch Winfried Kretschmann, grüner baden-württembergischer Regierungschef, warnte etwa schon beim Neujahrsempfang der Landesregierung vor diesem Szenario: "Eine erschreckende, aber leider keine utopische Vorstellung. In China ist es teilweise heute schon so", sagte Kretschmann damals mit Hinweis auf den Maja-Lunde-Roman "Die Geschichte der Bienen", der die Handbestäubung fiktiv schildert.

Nun mahlen die Mühlen der Landtags-FDP langsam, aber, unbelastet von den Alltagsmühen des Regierens, doch unerbittlich. Welche Erkenntnisse denn die Landesregierung über die Jinhuali-Birne aus dem chinesischen Sichuan habe, erfragte der Bodensee-Abgeordnete und landwirtschaftliche Sprecher Klaus Hoher hinterlistig in diesem Sommer.

Der Blütezeitpunkt ist entscheidend

Die Jinhuali-Birne, eine chinesische Edelbirne, wird tatsächlich von Hand bestäubt, allerdings nicht aus Bienenmangel, sondern aus Gründen des Blütezeitpunkts und der Wirtschaftlichkeit. Zudem erbat Hoher Auskunft über Kretschmanns Quelle in Sachen chinesischer Blütenbefruchtung sowie die im Staatsministerium verbreiteten Erkenntnisse über betreffende Regionen im Reich der Mitte. Die Antwort des Staatsministeriums, dem Antragsteller nach der Sommerpause auf den Tisch geflattert, liest sich, milde betrachtet, eher kleinlaut. Als Quellen für Kretschmanns Äußerung werden eine in der "Zeit" zitierte Äußerung der damaligen Bundesumweltministerin Barbara Hendricks vom August 2017 angeführt sowie eine ZDF-Sendung vom Oktober 2017.

Und die Erkenntnisse im Staatsministerium zur handbestäubten Jinhuali-Birne entsprechen zufällig teils wortgleich einer entsprechenden Beschreibung in einem 2018 veröffentlichten Beitrag auf dem Blog "achgut" der rechtskonservativen Journalisten Henryk M. Broder und Dirk Maxeiner mit dem Titel "Umwelt-Latein.

FDP-Agrarexperte Hoher wundert sich. "Man darf schon einmal fragen, mit welchen Methoden und Recherchen das Staatsministerium öffentliche Aussagen des Ministerpräsidenten vorbereitet", sagt er. "Ich halte es für völlig verantwortungslos, einen Ministerpräsident mit falschen Fakten ausgestattet in gesellschaftliche Diskussionen zu schicken", sagt Hoher. "Erstens ist die Handbestäubung nicht das Ergebnis einer menschengemachten Umweltkatastrophe, sondern Bestandteil einer Zuchtmethode für eine Luxusfrucht. Und zweitens nimmt die Zahl der Bienen in China seit Jahren zu, und nicht ab."

 


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