Nach jahrelangem Ringen: Freispruch zweiter Klasse

Der wegen versuchten Totschlags an seiner Ex-Frau verurteilte Harry Wörz hat vier Jahre und sieben Monate zu Unrecht im Gefängnis gesessen - Landgericht Mannheim sprach den 39-Jährigen frei

Von Wolfgang Janisch
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Freispruch für Harry Wörz
Harry Wörz erwartet die Urteilsverkündung im Gerichtssaal des Landgerichts in Mannheim durch den Vorsitzenden Richter Karl Adam (2.v.l.).
Und doch war es nur ein Freispruch zweiter Klasse - nach dem Grundsatz "im Zweifel für den Angeklagten". Der Vorsitzende Karl Adam machte kein Hehl daraus, dass die Kammer nach wie vor den Verdacht hege, Wörz sei der Täter - was aber "nicht mit der notwendigen Sicherheit" festgestellt werden könne. Entsprechend verhalten fiel denn auch die Reaktion des 39-jährigen Angeklagten aus dem badenwürttembergischen Birkenfeld-Gräfenhausen (Enzkreis) aus. Er ließ sich von den zahlreich angereisten Gräfenhausenern umarmen, nahm den mitgebrachten Blumenstrauß entgegen - und erhob erst einmal Vorwürfe gegen die Pforzheimer Polizeibeamten: "Wenn die Polizei richtig ermittelt hätte, wäre mir das erspart geblieben."

Der Albtraum des Harry Wörz hatte am frühen Morgen des 29. April 1997 begonnen. Wörz machte sich gerade für die Arbeit fertig, als ihn die Polizei anrief, es sei etwas mit seiner Frau. Draußen warteten bereits die Beamten, um ihn mit auf die Wache zu nehmen. Der Verdacht: Er sollte die lebensfrohe 26-Jährige - das Paar lebte damals bereits getrennt - Stunden zuvor in ihrer Wohnung mit einem Wollschal beinahe erdrosselt und sie, die seither schwerst hirngeschädigt ist, zum lebenslangen Pflegefall gemacht haben.

Freispruch für Harry Wörz
Harry Wörz (l) erhält Glückwünsche von seiner Frau Anke.
Zweifel an seiner Schuld mögen schon aufgetaucht sein, als das Landgericht Karlsruhe den stets die Tat bestreitenden Angeklagten am 16. Januar 1998 nach nur fünf Verhandlungstagen zu elf Jahren Haft verurteilte. Die Fantasie der Beobachter entzündete sich an der merkwürdigen Verstrickung der Pforzheimer Polizei in den Fall. Das Opfer war Polizistin, ebenso wie ihr Vater, der zur Tatzeit im Haus war. Und auch ihr damaliger Geliebter, ihr "Bärenführer" im Streifendienst: Er war anfangs ebenfalls in Verdacht geraten, doch seine Ehefrau gab ihm ein Alibi.

Doch erst Wolf-Rügider Waetke, Richter am Karlsruher Landgericht, leitete die Wende ein. Seine Zivilkammer bekam eine 300 000-MarkSchmerzensgeldklage gegen Wörz auf den Tisch, angestrengt von den Eltern des Opfers. Anstatt die Sache einfach durchzuwinken - ein rechtskräftiges Strafurteil lag ja vor - stieg Waetke tief in die Beweisaufnahme ein. Nach anderthalbjährigem Prozess war die Kammer im April 2001 "nicht zu der sicheren Überzeugung gelangt", dass Wörz der Täter war. Damit kam das Wiederaufnahmeverfahren in Gang, Wörz wurde Ende 2001 vorerst auf freien Fuß gesetzt.

Freispruch für Harry Wörz
Der Mann aus Birkenfeld bei Pforzheim kämpfte seit Jahren um seine Rehabilitierung.
Und damit nicht genug: Auf den Quasi-Freispruch folgte eine Ohrfeige für die Pforzheimer Polizei: "Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in manchen Punkten nicht objektiv ermittelt wurde", kritisierte Waetke damals in der mündlichen Begründung seines Urteils. Womit der böse Verdacht in der Welt war: Haben die Beamten gezielt am Geliebten des Opfers vorbeiermittelt? Haben sie einen verdächtigen Kollegen geschützt, der damals in einem tiefen Gefühlszwiespalt steckte, weil ihn seine Ehefrau unmittelbar vor der Tat ultimativ aufgefordert hatte, die Geliebte zu verlassen?

Richter Adam machte unmissverständlich klar, dass es für diese Vorwürfe "keine Anhaltspunkte" gebe. Doch auch er musste einräumen: Es gab Pannen. Der Tatort wurde nicht abgesperrt, eine verdächtige Plastiktüte - später ein zentrales Beweismittel im Prozess - wurde erst einmal liegen gelassen. Außerdem: Die Polizei wartete stundenlang, bevor sie die beiden Verdächtigen - Wörz und den Polizeikollegen - festnahmen. Und selbst dann versäumten es die Beamten, den Wagen von Wörz auf Motorrestwärme zu untersuchen.

Dem Freispruch war ein jahrelanges Ringen um das Wiederaufnahmeverfahrens vorangegangen, das das Karlsruher Oberlandesgericht erst gegen das widerspenstige Mannheimer Landgericht durchgesetzt hatte - übrigens dieselbe Kammer, die Wörz nun freigesprochen hat. Und die Sache ist noch nicht zu Ende: Noch steht das Revisionsverfahren beim Bundesgerichtshof aus. Sollten die Karlsruher Richter den Freispruch bestätigen, dann steht aus Sicht des Verteidigers Hubert Gorka eines fest. Die Staatsanwaltschaft muss erneut ermitteln, um den wahren Täter zu finden.


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