Milliardenpoker um Zahlen und Zeiten

Stresstest zu Bahnprojekt steht an − Worum geht es bei dem Streit überhaupt?

Von Joachim Rüeck
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Darum, wo künftig die Züge ein- und abfahren, gibt es Streit.Foto: lsw

Stuttgart 21 - Angesichts des täglichen Hauens und Stechens rund um Stuttgart 21 geht rasch der Überblick verloren: Die Bahn prüft eine Klage gegen das Land, weil die grün-rote Regierung ihrer Ansicht nach nicht der Projektförderungpflicht nachkommt. S-21-Gegner sprechen dem Vorhaben die demokratische Legitimation ab, da die Bahn mehrfach Kostensteigerungen erst verspätet zugegeben haben soll. In dieser Woche wird die Beurteilung des sogenannten Stresstests fertig. Doch das Gutachten über die Leistungsfähigkeit wird kaum von allen Seiten akzeptiert werden. Dabei rückt immer mehr in den Hintergrund, worum es bei dem Streit überhaupt geht.

Kalkulation Etwa sieben Milliarden Euro soll das Projekt kosten, an dem seit gut 20 Jahren geplant und seit anderthalb Jahren gebaut wird: der neue Stuttgarter Hauptbahnhof im Untergrund und die ICE-Trasse nach Ulm. Die Kalkulation ist freilich ebenso umstritten wie fast jedes Detail der Pläne.

Der Name Stuttgart 21 wird manchmal nur mit dem Tunnelbahnhof in Verbindung gebracht, manchmal mit dem Gesamtprojekt. Er steht aber eigentlich für den mit 4,1 Milliarden Euro veranschlagten Stuttgarter Teil des Vorhabens. Der umfasst neben der unterirdischen Station die Verlegung des landeshauptstädtischen Bahnknotens in den Erdboden. Zu den etwa 60 Kilometer Gleisen gehört der innerstädtische Schienenring und der Anschluss an die ICE-Strecke bis Wendlingen. Ebenfalls neu gebaut werden soll ein ICE-Bahnhof für Flughafen und Messe, die bisher nur mit der S-Bahn erreicht werden können.

Kosten von 2,9 Milliarden Euro wurden für die 61 Kilometer lange Schnellbahntrasse von Wendlingen nach Ulm entlang der A8 errechnet. Die S-21-Gegner lehnen die schnellere, aber wegen etlicher Tunnels kostspielige Alternative zur alten Bahnstrecke durchs Neckar- und Filstal auf die Geislinger Steige nicht geschlossen ab.

Am heftigsten wird um das Verlegen des Hauptbahnhofs gestritten. Den alten Kopfbahnhof soll in zwölf Metern Tiefe eine um 90 Grad gedrehte Durchgangsstation ersetzen, mit acht statt der heutigen 16 Gleise. Dass in Stoßzeiten 30 Prozent mehr Züge Halt machen können, obwohl die Zufahrt ein Nadelöhr ist, soll der Stresstest beweisen. Projektgegner halten den Kopfbahnhof für leistungsfähiger. Sie wollen ihn und das marode Gleisfeld sanieren.

Nach den S-21-Plänen bleibt der Bonatzbau zwar erhalten, aber ohne Schienen und ohne seine Seitenflügel, deren Fundamente dem Bau der neuen Station nicht standhalten würden. Hinter dem gestutzten alten Bahnhof, der bisher das Ende der City markiert, soll ein neues Stadtviertel mit etwa 11 000 Wohnungen entstehen. Schließlich wird das heutige Gleisfeld durch die Tunnellösung nicht mehr benötigt. Rund 100 Hektar misst die frei werdende Fläche, von der 20 Hektar für die Erweiterung des Schlossparks vorgesehen sind. Für den Widerstand kann damit das Vorhaben, 282 teils sehr alte Bäume zu fällen, nicht aufgewogen werden.

Emotionen So emotional die Geschehnisse im Park bis hin zur Eskalation aufgeladen sind − im argumentativen Streit um das Projekt spielen Zahlen und Tunnel statt Bäumen und Seitenflügel die Hauptrolle. Die Antworten auf die Fragen nach Engpässen und dem Ausgleichen von Verspätungen werden zeigen, ob Stuttgart 21 tatsächlich ein so großer Fortschritt ist, wie die Bahn behauptet. Besonders in der Diskussion ist die Strecke auf den Fildern zum Flughafen, wo neben ICE-Zügen auch Regionalbahnen aus mehreren Richtungen sowie teilweise S-Bahnen unterwegs sind. Der Abschnitt ist ein zentraler Faktor, um die versprochenen Reisezeitverkürzungen im Alltag zu realisieren: Mit Stuttgart 21 und der Neubaustrecke soll beispielsweise von Heilbronn aus der Flughafen in 49 statt in 90 Minuten erreichbar sein.


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