Mit Pfeil und Bogen durch den Supermarkt

Stuttgart - Die Grenze zwischen Fernsehwelt, Hochglanzbildern und Realität? Christian Jankowski verwischt sie bis zur Unkenntlichkeit: Indem der Videokünstler mit einer Schwäche für Aktionen und Performances sich eben jener Formate und Möglichkeiten der Massenmedien bedient.

Von Claudia Ihlefeld

Spezialeffekte wie in großen Hollywood-Produktionen: Der Videofilm „16mm Mystery“ (2004) von Christian Jankowski.Foto: Kunstmuseum Stuttgart

Stuttgart - Die Grenze zwischen Fernsehwelt, Hochglanzbildern und Realität? Christian Jankowski verwischt sie bis zur Unkenntlichkeit: Indem der Videokünstler mit einer Schwäche für Aktionen und Performances sich eben jener Formate und Möglichkeiten der Massenmedien bedient.

Dass Massenmedien unser Bild von der Welt prägen, ist eine Binsenweisheit, die nun im Kunstmuseum Stuttgart einen eigenen Drive erhält. 40 Jahre jung ist Jankowski, lange Jahre hat er in New York gelebt, bis er nach Berlin zurückkehrte. Seit dem Studium in Hamburg Anfang der 90er Jahre mischt er mit seinen Arbeiten den Kunstbetrieb auf, mit dem Video „Telemistica“ erregt er 1999 auf der Biennale in Venedig Aufsehen. Jankowski rief bei italienischen Fernsehwahrsagern an und fragte die selbsternannten Magier und Brahmanen, ob das Werk, das er gerade produziere, ein Erfolg werde. Ihre Prophetien sind das eigentliche Kunstwerk, ein 1:1-Mitschnitt der optimistischen Antworten.

„Mich interessieren Perspektiven“, sagt der Flaneur und Eulenspiegel des Kunstbetriebs. Jankowski lässt Straßenkünstler mit ihren Kostümen in Gips abnehmen und die Modelle der „Living Sculptures“ in Bronze gießen, baut eine Karaoke-Bar ins Foyer des Kunstmuseums, trägt in „16mm Mystery“ einen 16-mm-Projektor und eine Leinwand durch die menschenleere Innenstadt von Los Angeles und spielt mit digitalen Filmeffekten.

Um Verwandlungen geht es in den Videos „Mein Leben als Taube“ und „Direktor Pudel“ – ein hintersinniges Spiel mit den Akteuren, die den Kunstbetrieb am Laufen halten: Künstler, Institution, Publikum.

Auf der Kunstmesse Art Cologne spielt Jankowski mit den Regeln des Teleshopping und des elitären Kunstmarktes: Ein Moderator versucht ein Kunstwerk zu verkaufen – und scheitert. In „The Holy Artwork“ erklärt ein texanischer TV-Prediger seiner Gemeinde den Zusammenhang zwischen Kunst, Religion und Fernsehen sowie der Dreieinigkeit von Gottvater, Sohn und Heiliger Geist. Während die Installation „Kochstudio“ die recycelte Arbeit einer Aktion ist, als Jankowski mit Biolek 2004 im Neuen Berliner Kunstverein gemeinsam kochte.

Hula-Hoop auf dem Dach

Ob Jankowski eine Art Lehrvideo dreht über Reifenschwingen, indem er seine Nachbarin auf dem Dach ihres New Yorker Apartments beim Hula-Hoop filmt, oder für seine Videoarbeit „Haus des Ostens“ das Leben in der ehemaligen DDR nachspielen lässt, oder in „Die Jagd“ (1992) mit Pfeil und Bogen im Supermarkt Margarine, Brot, Klopapier und ein tiefgefrorenes Huhn erlegt: Christian Jankowski untersucht Grenzen der Kunst, globale Vermarktungsstrategien, die Rolle, die Politik und Wirtschaft dabei erfüllen. Und er provoziert mit seinen Maskeraden und fragt, ob nicht doch unsere allgegenwärtige Bild- und Medienwelt nichts als Entertainment ist.

Dabei verfolgt Jankowski in seinen Filmen, Fotos und Installationen weder eine pädagogische Spur noch durchsichtige Unterhaltungsstrategien. Bei allem Schmunzeln und Staunen, die die fantastischen und absurden, virtuellen Welten auslösen, die Splattermovies und Acrylbilder, die er von chinesischen Kopisten malen ließ: Die Qualität von Jankowskis Arbeiten besteht in der Balance zwischen Spiel und Ernst, Spaß und Intellekt. Wobei er sich als feiner Beobachter von Zeichen und Systemen empfiehlt.

Für die erste umfangreiche Präsentation seines Werkes in Deutschland im Kunstmuseum Stuttgart hat sich Christian Jankowski eine „Dienstbesprechung“ der besonderen Art ausgedacht: ein Rollentausch unter den Mitarbeitern des Museums per Los. Als Videoinstallation ist auch diese Inszenierung ein Teil dieser sehenswerten Schau.

13. September bis 11. Januar, täglich außer Montag 10 - 18 Uhr, Mittwoch/ Freitag bis 21 Uhr. Eintritt: 8 (6, 50) Euro, Katalog: 29 Euro.