Der König der Chöre ist tot

Stuttgart  Chorleiter Gotthilf Fischer ist tot. Er starb bereits am Freitag im Alter von 92 Jahren, wie seine Managerin Esther Müller der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart am Mittwoch bestätigte.

Von Christoph Feil und dpa

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2010 probte Gotthilf Fischer mit einer auserlesenen Gruppe in Ilsfeld-Auenstein.

Foto: Archiv/Dirks

Gut sieben Jahrzehnte lang hat Gotthilf Fischer den Deutschen das gemeinsame Singen nahe gebracht, mehr als fünf Jahrzehnte lang war er Chorleiter der Concordia Bönnigheim. Für seinen eigenen Tod wünschte sich der Schwabe mit schlohweißen Haaren einmal, "eines Tages dirigierend in die Kiste zu fallen". Nun ist der "König der Chöre" im Alter von 92 Jahren bei Stuttgart gestorben – und "dirigiert die Engel im Himmel", wie er voller Selbstironie ankündigte. Seine Managerin Esther Müller sagte, Fischer sei bereits am Freitag "einfach eingeschlafen". "Es war die Zeit und das Alter." Er sei am Mittwoch im engsten Familienkreis beigesetzt worden.

Ohne mit anderen Menschen gemeinsam zu singen, konnte Fischer sich sein Leben auch im hohen Alter nicht vorstellen. Wo er auftauchte, brachte er mit wenigen aufmunternden Worten und liebenswürdiger Nachsicht oft solche Menschen zum Singen, die es sonst nicht taten oder konnten. Über die Jahrzehnte erwarb sich Fischer auf diese Weise Ehrentitel wie "Herr der singenden Heerscharen" oder "Therapeut der wunden Seelen". Damit könne er sehr gut leben, betonte der Schwabe mit Wohnsitz in der Nähe von Stuttgart zu seinem 90. Geburtstag. Zu diesem erhielt er auch die Kulturmedaille in Gold der Wein- und Museumsstadt Bönnigheim.

 

Fischer war auch im Sommer 2010 Stargast einer Folge von Volksfest-TV der Heilbronner Stimme. Sie können das Video hier ansehen:

 

Von 1962 bis 2018 hatte Fischer dort die Sänger der Concordia dirigiert und dem Chor durch die Eingliederung in die von ihm gegründete Gemeinschaft der weltberühmten Fischer-Chöre neue Möglichkeiten eröffnet. "Damit begann auch für die Concordia eine neue, aufregende und erfolgreiche Zeit", erinnerte sich Heiner Ziegler, der erste Vorsitzende der Concordia, anlässlich Fischers 55. Chorleiterjubiläum 2017. Reisen führten die Concordianer nicht nur ins benachbarte Ausland, sondern auch in weiter entfernte Länder wie die USA, Israel oder Ägypten.Oft kehrte Fischer mit seinen Sängern nach den Auftritten noch ein. "Nach jedem Konzert sind wir in der Krone in Auenstein. Das ist unsere zweite Heimat. Da kann es auch schon mal nach Mitternacht werden", sagte er einmal gegenüber der Heilbronner Stimme. In Beilstein unterhielt er zudem ein Büro. Unter anderem um den damals 90-Jährigen zu entlasten, hatten sich Fischer und die Concordia im Juli 2018 dann einvernehmlich getrennt.

Geboren wurde Fischer am 11. Februar 1928 in Plochingen, 20 Kilometer westlich von Stuttgart. Sein Vater war Zimmermeister und Hobbymusiker. Mit 14 gründete er seinen ersten Chor, nach Kriegsende übernahm er im Alter von 17 Jahren die Leitung des Gesangvereins Concordia in Deizisau, später wurde er Leiter weiterer Gesangvereine. Bundesweit lernte das Fernsehpublikum die Fischer-Chöre 1969 in der ZDF-Sendung "Drei mal neun" kennen.

Bald darauf erschien die erste Schallplatte. Der Weg zum ersten Auftritt vor Millionenpublikum war geebnet: Vor dem Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in München ließ Gotthilf Fischer einen Chor von 1500 Menschen auf dem Rasen des Olympiastadions "Eviva España" anstimmen. Es folgten Hunderte TV-Auftritte und seine eigene Sendung "Sing mit den Fischer-Chören".

Rund um die Welt dirigierte Fischer zeitweise 62 000 Sangesfreunde, vereint in Freundeskreisen der Fischer-Chöre. Mehr als 16 Millionen Schallplatten wurden weltweit verkauft. "Böse Menschen haben keine Lieder", das Motto der Fischer-Chöre war sein Credo. "Wenn einer singt, ist er fröhlich", sagte der Schwabe zu seinem 90. Geburtstag. Seit 2008 war Fischer Witwer, seine Frau Hilde starb im Alter von 89 Jahren nach 59-jähriger Ehe. Sie hatte 1949 einen Sohn mitgebracht, gemeinsam bekamen sie zwei Kinder.


Christoph Feil

Christoph Feil

Autor

Seit 2015 ist Christoph Feil bei der Heilbronner Stimme. Er arbeitet im Ressort Leben und Freizeit. Darüber hinaus schreibt er für das Thementeam Wissen, hat den aktuellen Buchmarkt im Blick und stellt für das "Interview der Woche" Menschen gerne Fragen.

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