Vertrauen in der Weimarer Republik: Landesausstellung öffnet

Stuttgart (dpa/lsw)  Was braucht Demokratie, um funktionieren zu können? Das Haus der Geschichte blickt in einer Sonderausstellung ein Jahrhundert zurück - und erzeugt Verbindungen in die Gegenwart.

Blick in einen Ausstellungsraum
Blick in einen Ausstellungsraum im Haus der Geschichte.  

Wie entsteht in einer Demokratie Vertrauen? Die heute heftig diskutierte Frage war auch vor 100 Jahren aktuell. Mit der Großen Landesausstellung «Vertrauensfragen» greift das Stuttgarter Haus der Geschichte das Thema auf - und versucht, die frühe Weimarer Republik in Baden-Württemberg mit der Gegenwart zu verbinden. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Bildung der ersten Demokratie, musste das Vertrauen in die neue Staatsform demnach erst entstehen. Und auch heute ist Vertrauen in die Demokratie keine Selbstverständlichkeit: «Es muss immer wieder neu erworben, erarbeitet und verhandelt werden», sagte Ausstellungsleiterin Paula Lutum-Lenger am Freitag.

In sechs sogenannten Foren können Besucher die Grundlagen des Demokratievertrauens kennenlernen: Teilhabe, Sicherheit, Zusammenarbeit, Vielfalt, Zugehörigkeit und Glaubwürdigkeit. Dabei haben die Kuratoren versucht, historische Objekte und Schriftstücke mit dem 21. Jahrhundert zu verbinden.

An jeder Station gibt es einen Mitmachteil: Im Forum Zugehörigkeit können Besucher auf einer Landkarte markieren, was Baden-Württemberg für sie ausmacht. Ob Spätzle oder Tüftler - alles ist erlaubt. Im Bereich Sicherheit bewegen sich die Anwesenden auf einer Bodenprojektion. Auf abstrakte Weise wird dabei gezeigt, wie Freiheit und Sicherheit zusammenhängen. Aktiviert der Besucher mit seinen Schuhen verschiedene Sicherheitssysteme wie etwa intelligente Videoüberwachung, ändert sich die Projektion. An einer anderen Station können Gäste «Fake News» entlarven.

Neben dem multimedialen Teil sind rund 250 Exponate zu sehen. Dazu gehört auch ein Tanzstundenfächer von 1918. Er gehörte einem Mädchen aus Ludwigsburg, das 1918 nach dem Ersten Weltkrieg zu seiner ersten Tanzstunde durfte. Auf der anderen Seite der Ausstellung steht ein Mauser-Einspurwagen, gebaut ab 1921. Das Fahrzeug, das aussieht wie ein Motorrad mit Karosserie und Stützrädern, wurde vom Oberndorfer Waffenhersteller Mauser gebaut. «Ein Gewehrfabrikant, der nach dem Krieg die Waffe nicht mehr bauen darf - was macht der?», fragte Kurator Christopher Dowe und beantwortet die Frage selbst: «Neben Nähmaschinen entscheidet sich Mauser dafür, Einspurwagen zu bauen.»

Mit Schicksalen wie diesem wollen die Aussteller die Weimarer Republik in ein besseres Licht rücken und ihre Leistungen betonen. Sie soll demnach nicht mehr nur als Vorstufe des Dritten Reiches gesehen werden. Sie sei immerhin die erste Demokratie des Landes gewesen und die Menschen seien - obwohl so kurz nach dem Krieg - optimistischer gewesen als heute. «Die Aufgaben, die die damals hatten, waren unendlich viel schwieriger, größer und trostloser als alles, was wir in der Bundesrepublik seit 1949 je hatten», sagte Museumsdirektor Thomas Schnabel am Freitag.

Untermalt wird «Vertrauensfragen» durch ein Begleitprogramm. Dazu gehören öffentliche Gespräche - unter anderem mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) - und ein Theaterstück.