Pickel, Senf und ganz viel Geige

Spagat zwischen Klassik und Pop: David Garrett in der ausverkauften SAP-Arena

Von Marcel Auermann
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Bei all den Kunststückchen, die David Garrett mit seiner Geige vollführt, ist höchste Konzentration angesagt. Dazwischen bleibt aber doch Zeit für Späßchen.Foto: dpa

Mannheim - Oma sitzt neben Opa, Mama neben Papa und Bruder neben Schwester. Dazwischen mischen sich ganz viele verliebte Pärchen. Alle schauen gebannt auf die Schattenrisse der Videoleinwand. Unverkennbar David Garrett. Typisch diese tief hängende Beuteljeans, die zu einem Zopf gebundenen Haare und die bulligen, schweren Stiefel. Dann die erste Überraschung des Abends. Wer nun glaubt, dass der Stargeiger aus dem Licht hervortritt, muss sich von seinem Nebensitzer stupsen lassen und zur Seite schauen. Der Künstler schreitet geigend durch die Stuhlreihen. Wie in einer Wellenbewegung erheben sich die Fans von ihren Plätzen und fuchteln wild mit Handys und Fotoapparaten. So nah kommen vor allem die weiblichen Fans diesem hübschen Schnuckel wohl so schnell nicht mehr. Nun heißt es knipsen, was das Zeug hält.

Spätestens jetzt ist klar: Kommode, da behäbige Kaffee-und-Kuchen-Stimmung wird es nicht geben. Klassik ja, aber Pop und Rock eben auch. Wenn sich sämtliche Generationen auf einen Künstler einigen, geht es um reine Unterhaltung. Am Ende soll sich sogar noch herausstellen, dass sie gut, ja fast schon perfekt gemacht ist.

Lichtershow

Also gibt's zum Anfang gleich mal den Nirvana-Hit "Smells Like Teen Spirit". Einfach so. Nebenbei gespielt, während sich Garrett weiter den Weg zur Bühne bahnt. Dazu zucken Scheinwerfer im Takt und schneiden Stroboskoplichter Schneisen in den Saal. Welch ein Auftakt, welch ein Einmarsch. Der gerade einmal 30-Jährige weiß sich zu feiern. Fast völlig ohne Bühnenbild zeigt seine Show, was Techniker alles aus Scheinwerfern, Feuerwerken, Flammenwerfern, brennenden Ölfässern und Konfettikanonen rausholen können. Knapp drei Stunden steigert ein Effekt den anderen. Nur mit Anekdötchen aus dem leicht verlotterten Künstlerleben unterbricht David Garrett diese Hitparade. Es sei dahingestellt, ob es wichtig ist, nun zu wissen, dass der Geiger Pickel mit Senf bekämpft, in seiner Studentenbude in New York des nächtens völlig verschlafen Orangensaft mit Ameisen trank oder sein Turbodiesel-Auto versehentlich mit Benzin betankte.

Musikalische Stärke

Schwächen kann aber eben nur der zeigen, der weiß, wo seine Stärken liegen. Garretts Version von Antonio Vivaldis "Vier Jahreszeiten" ist stürmisch, drängend, einfach atemraubend. Mit der Sirtakivariante "Zorba"s Dance" reißt er sowieso alle aus dem Stuhl. Die Melodie aus dem Kinofilm "Fluch der Karibik" verschafft dem Zuhörer genauso Gänsehaut wie der Disney-Schlager "So Closed". Leidenschaftlich präsentiert er Eros Ramazottis "Musica è". Zu Paul McCartneys "Live And Let Die" geben die Feuerfontänen alles. Nicht erst dadurch wird einem mächtig heiß. Der Musiker legt ein Tempo vor, dass einem der Schweiß auf der Stirn steht. Dass da Maurice Ravels "Boléro" und der erste Satz der fünften Symphonie von Ludwig van Beethoven (Sie wissen schon: Ta-ta-ta-taa) zu kleinen Häppchen verkommen − geschenkt.

Letztlich steigt er zu "You Raise Me Up" per Seilzug im übertragenen Sinne in den Geigerhimmel auf. Ach, wie schön kitschig.


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